thumbnail Hallo,

Ist's vorbei mit Spaniens schönem Spiel?

Vicente del Bosques Team musste gegen Kroatien hart arbeiten und konnte am Ende den Ball doch noch ins Tor tragen. Aber so aufregend wie früher ist ihr Fußball nicht mehr, oder?

 Ben Hayward
 Spanien-Experte Folgen:

Danzig.
Manchmal ist es einfach zuviel des Guten. Ballbesitz, Passstafetten, alles schön und gut, doch am Ende muss der Schönheit auch ein Zweck innewohnen, fehlt der, ist alles Schöne vergeblich und verkommt zur Banalität.

Spanien musste das am Montag erleben. Alles Gerede vor dem Spiel ging um eventuelle Absprachen und die Möglichkeit, mit einem 2:2 Italien rauszuwerfen. Am Ende gab es keinen „Biscotto“, wie in Italien eine Verschwörung genannt wird, da die Kroaten das Ganze für den Welt- und Europameister ziemlich kompliziert gemacht hatten. Und von Jesus Navas' spätem Treffer abgesehen gab es recht wenig Unterhaltsames für die Zuschauer.

Spanien mit Mühe

Del Bosques Team mühte sich gegen Kroatien, um den Kontrahenten am Ende niederzuringen und den Sieg einzutüten. Aber das war nicht das Spanien aus der Vergangenheit. Ebensowenig wie gegen Italien beim Eröffnungsspiel der Gruppe C. In dem Spiel verzichtete man auf einen Stürmer, setzte auf lauter wuselige Mittelfeldspieler, die um den Strafraum herumtanzten, ohne echtes Ziel, ohne Abschlüsse. Es wirkte, als wolle man den Ball ins Tor tragen.

Und genau das war gegen Kroatien der Fall: Cesc Fabregas kam von der Bank, lupfte einen traumhaften Pass über die kroatische Verteidigungslinie zum UEFA-Man of the Match Andres Iniesta, der uneigennützig auf den eingewechselten Navas spielte, der den Ball dann buchstäblich auf der Linie ins Tor bugsierte. Es war ein Moment wahrer Qualität, doch die sind rar geworden und wirken wie Relikte aus der Vergangenheit der „Furja Roja“, zumindest in Tornähe.

Irland-Tore kein Maßstab

DIE ZAHLEN
Spanien vs. Kroatien
1 Spanien erzielte nur ein einziges Tor, als Navas in der 88. Minute aus wenigen Metern ins Tor trat.
2 Kroatien forderte zweifach durchaus gerechtfertigt einen Elfmeter, einmal nach Foul von Ramos, dann von Busqutes.
8 Spaniens Schüsse auf das Tor.
69 La Roja hatte fast 69 % Ballbesitz, doch konnte es lange nicht ummünzen.
327 Die Pässe, die Xavi bisher bei der EM 2012 an den Mann gebracht hat. Bei der gesamten EM 2008 gelangen ihm nur 15 mehr.
758 Die erfolgreichen Pässe von Xavi, Busquets und Iniesta in der Gruppenphase - 152 mehr als das gesamte irische Team.
Vier Tage davor im Spiel gegen Irland schienen diese Probleme gelöst, als Fernando Torres in die Mannschaft rückte, doppelt traf und einen echten Fixpunkt im Angriff darstellte. Aber Spanien wird wohl in diesem Turnier auf keinen weiteren Gegner treffen, der in der Abwehr so großzügig Geschenke verteilt wie die Iren, und gegen größere Teams wird mehr gefragt sein – viel mehr.

Es ist natürlich nicht allein Spanien für diesen Zustand verantwortlich. Italien weigerte sich, den Platz wässern zu lassen und verteidigte diszipliniert, schloss die kleinen Lücken im Mittelfeld, in denen die Spanier ihre Kunst bewirken. Kroatien wiederum bot zwei defensive Ketten auf, um das Spiel von La Roja zu lähmen und zu ersticken und dann zum Konter anzusetzen. Solche Systeme sind für fantasiereichen Fußball nicht immer förderlich. Der Titelverteidiger dominierte trotzdem fast durchgehend, aber schaffte es bis zum Tor nicht, das in Zählbares umzumünzen. Wie bei einem Flirt mit einer aufreizenden Femme Fatale wecken die Spanier Erwartungen und lassen einen dann im Regen stehen, und man fragt sich, was falsch lief: Man konnte nicht landen, ebensowenig wie der Ball im Tor.

Früher alles besser?

So war es nicht immer: Bei der EM 2008 starteten die Spanier mit einem wunderbaren 4:1 gegen Russland, um danach ein atemloses 2:1 gegen Schweden nachzuschieben und schließlich den Griechen mit der Reserve dasselbe Ergebnis zu verpassen.

Der Viertelfinalsieg gegen Italien war dann mehr Abnutzungskampf als technisch hochwertiger Vortrag, gewann Spanien doch im Elfmeterschießen, doch eine grandiose zweite Hälfte sicherte einen 3:0-Triumph über Russland im Halbfinale. Danach der knappe, aber trotzdem überlegene Sieg gegen Deutschland im Finale – nach so vielen Enttäuschungen bei großen Turnieren war das die Geburtsstunde des spanischen Stils.

Dieser Stil war natürlich im Endeffekt von Pep Guardiolas Barcelona zum Strahlen gebracht und perfektioniert worden, und die Entwicklung der Katalanen zum weltbesten Vereinsklub zwischen 2009 und 2011 war für Spanien ein Bonus – der traumhafte Fußball, den man im Nou Camp spielte, wurde von La Roja übernommen. Mit dem damals gerade verpflichteten David Villa standen sieben Barca-Spieler im Finale der WM in Südafrika gegen die Niederlande in der Startelf. Es war ein Triumph „Made in Spain“ - aber mit ziemlich starken Katalonien-Einschlag. Und obwohl die letzten vier Ergebnisse ein 1:0 brachten, war es immer noch aufregend und berauschend, dabei zuzusehen.

Doch nun ist der Reiz des Neuen vielleicht verflogen. Ohne echte Stürmer im Team und mit der vielgescholtenen Achse Xabi Alonso – Sergio Busquets tut sich Spanien schwer, defensive Teams niederzuringen. Und was ihr brillantes Aufbauspiel angeht: Es geht darum, den Ball im Tor unterzubringen. Das hat am Montag 88 Minuten gedauert. Spaniens Spiel scheint weniger effektiv als in der Vergangenheit, aber ist es auch weniger schön und unterhaltsam?

EURE MEINUNG: Wie steht Ihr zu dieser Einschätzung?

DAS EM 2012 PORTAL AUF GOAL.COM
NEWS | LIVE-TWICKER | MATCHCENTER | GRUPPEN & ERGEBNISSE


Starte dein eigenes Tippspiel auf Kicktipp.de!

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal.com auf
oder werde Fan von Goal.com auf !

Dazugehörig