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Der Beginn einer Erfolgsgeschichte fußt meist auf Krisen-Fundament. Auch der Deutsche Fußball musste erst aus Fehlern lernen, um wieder salonfähig zu werden.

Stuttgart. So rosig wie heute sind die Zeiten für den deutschen Fußball lange nicht mehr gewesen. Verheißungsvoll blickt die Nation auf ihre Götzes und Özils, die – den Titel fest im Blick – Europa mit Zauberfußball ins Staunen bringen sollen und die in vergangenen Spielen bereits ihr Leistungsvermögen unter Beweis gestellt haben.

Dabei hatte noch zu Beginn des Jahrtausends kaum einer in der Republik an eine glorreiche Zukunft des Deutschen Fußballs geglaubt; zu groß waren Scham und Spott über die Auftritte der DFB-Elf, etwa bei der EM 2000, als sich das Team mit einer 0:3-Niederlage gegen Portugal in der Gruppenphase aus dem Turnier verabschieden musste. Doch die Blamage von Portugal, in deren Folge der DFB richtungsweisende Reformen auf den Weg brachte, sollte sich als Anbruch einer neuen, erfolgreicheren Fußball-Ära erweisen.

Lernen aus den Defiziten einer Generation

Der EM-Titel 1996 war im Jahr 2000 die Messlatte gewesen für die deutsche Elf um Alt-Stars wie Matthäus, Linke, Häßler, Bode und Scholl, um wenige Junge wie Michael Ballack, Jens Nowotny Sebastian Deisler und den Arrivierten Oliver Kahn. Die Deutschen, immerhin Titelverteidiger, präsentierten sich in den Niederlanden jedoch lethargisch und völlig überfordert und schieden nach nur einem Punkt (und einem Tor) als Gruppenletzter hinter Portugal, Rumänien und England aus. Deutschland hatte die Freude am Fußball verloren.

Der deutsche Fußball schien am Abgrund und bei der Suche nach den Gründen für das Debakel stieß der DFB auf eine bittere Erkenntnis: Deutschland hatte die Nachwuchsarbeit über Jahrzehnte völlig vernachlässigt. Das Durchschnittsalter in der Bundesliga lag bei 27,94 Jahren und nur etwa acht Prozent der eingesetzten Akteure gehörten der U21-Altersklasse an. Es war an der Zeit, die bestehenden Strukturen umzukrempeln.

Es tut sich was in Deutschland

Im April 2001 bekam der DFB einen neuen Präsidenten: Gerhard Mayer-Vorfelder, damals 67, sollte die erhoffte Wende einleiten. 392 Stützpunkte zur Förderung der Nachwuchsarbeit errichtete der DFB schon wenige Monate nach Mayer-Vorfelders Amtsantritt in der gesamten Bundesrepublik, im ersten Jahr wurden 20 Millionen Mark an laufenden Kosten verschlungen – man ließ sich die Investition in die Zukunft etwas kosten. Die zweite weitreichende Entscheidung war die Einführung der A-Jugend-Bundesliga, die es den Talenten ermöglichte, sich auf höchstem Niveau zu messen. Auch die Geburtsstunde der Nachwuchsleistungszentren ist auf die Spielzeit 2001/2002 zurückzuführen, als der DFB den Profivereinen die Errichtung solcher Zentren nahelegte.

Die Schmach von Rotterdam, diese 0:3-Schlappe gegen Portugal, hatte also durchaus ihre Nachwirkungen. Sie hatte auf nie dagewesene Art und Weise eklatante und systemische Defizite offengelegt. Gerhard Mayer-Vorfelder leitete deren Aufarbeitung in die Wege, doch weil MV kritische Stimmen, Affären und Macht-Intrigen wie magisch anzog, endete seine Zeit beim DFB 2006. Die Früchte seiner Arbeit waren zu diesem Zeitpunkt jedoch noch den allermeisten verborgen und ließen sich nur erahnen. In seiner letzten Amtshandlung drängte MV schließlich noch den alten Weggefährten Jürgen Klinsmann auf den Posten des Bundestrainers. Eine gute Wahl.

Das Sommermärchen als Startschuss einer neuen Ära

Was folgte, ist bekannt: Die WM im eigenen Land trat eine Welle der Begeisterung los. Mit einer im Vergleich zu heute eher durchschnittlichen Mannschaft erreichte Klinsmann den Dritten Platz. Unvergessen sind die Bilder vom Public Viewing in zahlreichen deutschen Städten, unvergessen die Stunden, als die Nation das Team in Berlin feierte. Die Lust am Fußball, sie war wieder da. Die Mannschaft hatte ihren Platz in den Herzen der Fans wiedergefunden.

Der allseits beliebte, von vielen auch belächelte Jürgen Klinsmann hatte ein Feuer angefacht, das es nun galt, am Leben zu halten. Diesen Job übernahm Joachim Löw, aus Sicht vieler Experten eine Schlüsselfigur, wenn es um die Entwicklung des deutschen Fußballs geht. Löw hatte den Mut, einen Umbruch zu vollziehen. Ohne Michael Ballack, ohne Torsten Frings und Christoph Metzelder trat Löw die Reise zur WM 2010 nach Südafrika an. Stattdessen mit an Bord waren aufstrebende, junge Akteure: Manuel Neuer im Tor, Sami Khedira, Toni Kroos, Mesut Özil, Boateng, Badstuber und Thomas Müller. Allesamt Spieler, die sich in der Bundesliga aufgedrängt und schon in frühen Jahren von den Fördermaßnahmen des DFB profitiert hatten. Die Werdegänge weisen dabei markante Unterschiede auf: So trug Manuel Neuer schon im zarten Alter von fünf Jahren das Trikot des FC Schalke 04, Spieler wie Stefan Kießling (mit 17 Jahren) oder Mesut Özil (16) schafften den Sprung zu einem Lizenzverein erst viel später. Das System, das der DFB neun Jahre zuvor auf den Weg gebracht hatte, schien erste Früchte zu tragen.

Der Wandel ist enorm

Die Konsequenzen sind klar: Weil der Nachwuchs besser ausgebildet ist, setzen die Bundesliga-Trainer immer häufiger auf junge Spieler. Das Durschnittsalter der Bundesligaspieler fiel so binnen einer Dekade von 27,09 auf 25,77 Jahre – auch weil die Trainer Mut bewiesen. Louis van Gaal scheute sich beim FC Bayern nicht, konsequent auf Thomas Müller und Holger Badstuber zu setzen und damit dem deutschen Fußball zwei großartige Geschenke zu machen. Zum Äußersten trieb es allerdings BVB-Coach Jürgen Klopp, der mit einer als „Kinderriegel“ verschrienen Abwehrkette gleich zwei Mal in Folge die Deutsche Meisterschaft einheimste.


                        Das Ende des Rumpelfußballs: Mario Götze und Mesut Özil zaubern am Ball

Die Paradigmen in der Bundesliga haben sich verschoben: Auch aus finanziellen Gründen sind viele genötigt, auf die Jugend zu setzen. Seit sieben Jahren steigt der Anteil der deutschen Spieler in den Profiligen kontinuierlich an, rund ein Fünftel der Profis darf sich heute als „Local Player“, also als ein vom momentanen Klub ausgebildeter Spieler bezeichnen. Und in der Nationalelf gibt es kaum mehr einen, der nicht ein Leistungszentrum des DFB besucht hat.

Dank der Initiative von Theo Zwanziger, Holger Hieronymus und DFB-Sportdirektor Matthias Sammer ist ein Jugendleistungszentrum für jeden Profiverein Pflicht geworden. Diese Zentren müssen sich zudem einer regelmäßigen Zertifizierung durch den DFB unterziehen. Doch der DFB wird fortan noch mehr unternehmen müssen, um „besser zu sein als jeder Klub oder Nationalverband“, wie es Sammer einst formulierte.

Es wird kein Déjà-Vu geben

Portugal 2000 in den Niederlanden ist nunmehr zwölf Jahre her. Viel hat sich getan, weil die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zukunftsträchtige Entscheidungen gefällt haben. Es waren, so hart es auch klingen mag, die Defizite, die Schlechtheit einer Generation, die zum Umdenken bewegt hat. Allen voran wohl Gerhard Mayer-Vorfelder, der viel Pionierarbeit geleistet hat. „Jetzt schmücken sich viele mit mir“, sagte MV kürzlich noch der Wochenzeitung DIE ZEIT. Fakt aber ist: Alle haben an einem Strang gezogen, den Fußball in die richtige Richtung getrieben, wie es im Mannschaftssport eben sein sollte. Heute scheint alles zusammen zu passen. Nachwuchsförderung, Nachhaltigkeit, Financial Fairplay. Der Fußball ist in Deutschland auf einem guten Weg. Ein Déjà-Vu zum deutschen EM-Auftakt gegen Portugal am Samstag ist daher ausgeschlossen.

Bundestrainer Joachim Löw betonte am Donnerstag, dass die Niederlage bei der EM 2000 auch keine Rolle mehr spielt. „Das interessiert mich nicht mehr, dass Portugal Deutschland damals geschlagen hat.“ Das Trauma von vor zwölf Jahren ist scheinbar endgültig zu den Akten gelegt.

Eure Meinung: Wer oder was ist Eurer Ansicht nach für den Aufschwung des Deutschen Fußballs verantwortlich?


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