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Warum der Champions-League-Gewinn der Bayern gleichzeitig ein Sieg des FFP wäre

Die wirtschaftlichen Unterschiede könnten nicht größer sein zwischen den Finalisten der Königsklasse. Beide verkörpern zwei Modelle, doch nur der Weg der Bayern ist vorbildhaft.

ANALYSE
Von Kris Voakes, Clark Whitney & Nikolai Mende

Wenn der FC Bayern München und Chelsea am Samstag Abend im Finale der Champions League das Feld verlassen, wird es für den Gewinner der Höhepunkt eines langen und schwierigen Weges an die Spitze des Kontinents gewesen sein. Gleichzeitig treffen zwei verschiedene wirtschaftliche Philosophien aufeinander, die für beide Mannschaften ein Markenzeichen geworden sind.

Was beide Modelle zu Beginn der Financial Fair Play (FFP)-Ära auszeichnet, ist dass Chelsea die wirtschaftliche Struktur überarbeiten muss, während sich für den FC Bayern als Vorreiter für seriöses und erfolgreiches Wirtschaften nichts verändert. Der Rekordmeister ist das Sinnbild des profitablen Fußballklubs, welcher die Kriterien des FFP komplett erfüllt.

Der Ausgang des Spiels am Samstag könnte der größte Gewinn des FFP sein, oder der größte Genickschlag. UEFA-Präsident Michel Platini wird dem FC Bayern die Daumen drücken und man mag es ihm nicht verübeln, wenn er einen rot-weißen Schal tragen sollte.
DAS GELD IST IN MÜNCHEN | Die Top-10-Umsätze seit Abramovichs Ankunft
2003-04
2011-12
€259.0m Manchester United €479.5m Real Madrid
€236.0m Real Madrid €450.7m Barcelona
€222.3m AC Milan €367.0m Manchester United
€217.0m Chelsea €321.4m Bayern München
€215.0m Juventus €251.1m Arsenal
€173.6m Arsenal €249.8m Chelsea
€169.2m Barcelona €235.1m AC Milan
€166.5m Inter €211.4m Inter
€166.3m
Bayern München
€203.3m
Liverpool
* Quelle: Deloitte

Roman Abramovich übernahm 2003 den finanziell angeschlagenen FC Chelsea und veränderte sofort das Gesicht des Fußballs. Die Schulden des Klubs, etwa 80 Millionen Euro, hat er aus eigener Tasche beglichen und sofort damit begonnen, große Namen zu verpflichten. Nach einem etwas planlosen Kaufrausch 2003 folgte 2004 die Verpflichtung von Jose Mourinho und mit ihm kamen die Trophäen. Chelsea wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem Schwergewicht des europäischen Fußballs. Doch trotz des Versprechens, in weniger als zehn Jahren selbstständig und profitabel zu wirtschaften, wurde die finanzielle Situation nicht viel besser, als in der Ära von Ken Bates, welche durch großes Missmanagement geprägt war.

Gemäß des Deloitte-Finanzberichtes 2012 für Fußballvereine ist der Umsatz des FC Chelsea in den ersten acht Jahren unter Roman Abramovich um gerade einmal 15,1 Prozent gestiegen, trotz der kontinuierlichen Erhöhung der Ticketpreise, der immer höheren TV-Einnahmen und attraktiver Werbe-Deals. In der Saison 2010/11 waren die Einnahmen der Blues um 33% geringer, als in der Saison 2006/2007, vor allem wegen der Unfähigkeit, die enormen Ausgaben irgendwie zu decken.

Die Stamford Bridge ist ein weiterer Klotz am Bein und steht größerem finanziellen Erfolg ebenso im Weg. Erst in diesem Monat gab der FC Chelsea ein Gebot für das Battersea-E-Werk ab, um ein kostengünstigeres Stadion zu ermöglichen.
„Es ist viel besser mit einem Gewinnerteam in Verbindung gebracht zu werden, als mit einem Verliererteam. Natürlich spielt die Champions League eine Rolle, wenn wir über eine Vertragsverlängerung mit Chelsea sprechen."

- Samsung-Vizepräsident Sunny Hwang

Ein wichtiges Standbein in den Finanzplanungen des FC Chelsea sind die jährlichen Einnahmen aus der Champions League. Doch die Blues haben die Saison nur auf dem sechsten Rang beendet. Eine Niederlage am Samstag und Chelsea wäre zum ersten mal seit Abramovichs Ankunft nicht in der Königsklasse vertreten.

Während Abramovich selbst so einen Schlag verkraften kann, bleibt für ein eigenständiges Unternehmen nicht viel Spielraum. Der Trikotsponsor Samsung, der pro Saison 16,3 Millionen Euro an die Blues überweist, könnte ohne die Champions-League-Teilnahme in der Saison 2012/13 einen Riegel vorschieben.

“Mit einem Gewinnerteam in Verbidung gebracht zu werden, ist viel besser, als mit einem Verliererteam. Deswegen ist es selbstverständlich, dass Samsumg am Samstag auf Chelsea hofft,”  so Samsungs Vize-Präsident Sunny Hwang gegenüber Bloomberg. “Natürlich wird das eine wichtige Rolle spielen, wenn wir darüber entscheiden, ob wir den Vertrag verlängern oder nicht.”

Der Verlust der Champions-League-Prämien, der dortigen TV-Gelder und eines lukrativen Sponsors könnte brutale Folgen für die Transferpläne im Sommer haben. John Terry ist das letzte Eigengewächs, welches ein Stammspieler in der ersten Mannschaft wurde. Junge Spieler wie Josh McEachran, Betrand und Hutchinson kamen bislang nur auf 23 Ligaeinsätze, was Zweifel an der Qualität der Chelsea-Nachwuchsarbeit aufkommen lässt.

„Es ist kein Geheimnis, dass 60 Prozent der europäischen Profi-Klubs rote Zahlen schreiben. Ich weiß, dass Chelsea derzeit die Kriterien des Financial Fair Play nicht erfüllen würde."

- Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge

Eine völlig unterschiedliche Geschichte schrieb der FC Bayern in den letzten Jahren. Die Roten brachten im Gegensatz zu Chelsea eine große Anzahl an Nationalspielern hervor, die sich in Europa bereits einen Namen gemacht haben. Phillipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller sind aus der Nationalmannschaft bereits weltbekannt, nun kommt auch Holger Badstuber hinzu.

Gerade diese erfolgreiche Nachwuchsarbeit der Bayern führte zu einer breiten Basis an Topspielern, welche durch einige Top-Zukäufe auf Kurs gebracht wurden. In einer Welt, in der seit Jahren Vereine mit fragwürdigem Finanzgebahren die Preise inflationieren und den Transfermarkt beherrschen, ist dieser Weg der einzig richtige gewesen. Der Rekordmeister ist nicht bereit, für kurzfristigen Erfolg und teure Weltstars ein finanzielles Risiko einzugehen. Kredite um Spieler wie Cristiano Ronaldo zu kaufen, kommen nicht in Frage. Und trotzdem steht der FC Bayern mit dieser Strategie zum zweiten mal in drei Jahren im Finale der Champions League. 


Eigengewächs und Star-Einkauf | Schweinsteiger kam aus der Jugend, Robben von Real

"Die Bundesliga profitiert vor allem von den hervorragenden Bedingungen für eine Steigerung der Einnahmen" erklärt Emmanuel Hembert von der weltweiten Unternehmensberatung A.T. Kearney. Die 1,4 Milliarden Euro, die für die Weltmeisterschaft 2006 in die Infrastruktur investiert wurden, haben zu größeren Kapazitäten und mehr Komfort geführt. Die Kosten wurden größtenteils öffentlich finanziert. 

"Dies steht in krassem Gegensatz zu den 75% des Stadioninvestments bei der WM 1998 in Frankreich, welches für das Stade de France genutzt wurde (welches von keinem Verein benutzt wird). Die Vergrößerung der wirtschaftlichen Voraussetzungen im ganzen Land haben es vielen Klubs ermöglicht, profitable Sponsorenverträge abzuschließen. Frankreich, Italien und Spanien haben hingegen eine vier zentralisiertere Wirtschaftsbasis."

Bayern-Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge kann stolz auf die finanziellen Erfolge sein, musste neulich jedoch feststellen, dass 60% der europäischen Profi-Klubs rote Zahlen schreiben und der FC Chelsea derzeit nicht die Kriterien für das Financial Fair Play erfüllen würde.

Die Münchner Macher können im Vergleich zu den spanischen, italienischen und englischen Klub-Bossen nur auf kleine Beträge aus der nationalen Fernsehvermarktung zurückgreifen, da diese in der Bundesliga nie so stark ausgeprägt war. Gründe hierfür sind das ungleich größere Angebot an Free-TV-Sendern in Deutschland, die frühe Sportschau und die GEZ-Gebühr. Dadurch schrecken viele Haushalte vor einem Pay-TV-Abo zurück. Die Kirchpleite 2002 wirkte sich stark auf den Fernsehvertrag aus und der FC Bayern konnte nur rund 20 Millionen Euro pro Saison kassieren, während in Italien zur gleichen Zeit die Summen explodierten, da sich die Vereine selbst vermarkteten.

Eine Verbesserung wird mit dem neuen Vertrag erfolgen, den die Bundesliga vor kurzem mit SKY abgeschlossen hat. Die Einnahmen steigen von 412 auf 628 Millionen Euro pro Saison. Trotzdem können die deutschen Vereine nicht derart vorpreschen, wie die ausländischen Kontrahenten es tun, da die Kontrollen sehr streng sind. Umso bemerkenswerter ist der große Erfolg des FC Bayern in den vergangenen drei Jahren.

KEIN VERGLEICH | Transferausgaben seit 2003

Zwei Welten | Bayern hat weniger als 20% der Einnahmen in Transfers investiert, Chelsea prasst.

Dank der äußerst lukrativen Deals mit Audi und Adidas und der regelmäßig ausverkauften Allianz Arena hat der FC Bayern fantastische Möglichkeiten kreiert. Im Vergleich zur 23 prozentigen Steigerung des Umsatzes beim FC Chelsea während der Abramovich-Ära hat der Rekordmeister seinen Umsatz im gleichen Zeitraum um 69% gesteigert. Die profitabelste Saison bei Chelsea war dabei 2006/2007. Während der FC Bayern im schwächsten Jahr 2003/2004 einen um 50,7 Millionen Euro kleineren Umsatz, als Chelsea hatte, ist man den Blues in der vergangenen Saison bereits um 71,6 Mllionen Euro voraus gewesen.

Was die Transferausgaben betrifft, hat der FC Chelsea die Bayern Jahr für Jahr überboten, besessen von dem Traum, die Champions League zu gewinnen. Verluste wurden von Roman Abramovich ausgeglichen, Geld spielte keine Rolle, Konsequenzen gab es auch keine. Die Bayern lehnen diesen Weg konsequent ab, kaufen Stars wie Franck Ribery und Arjen Robben, wenn sich die Chance dazu bietet, setzen aber auch stark auf eigene Talente wie Toni Kroos und David Alaba, welche als Jugendliche für kleines Geld für die zweite Mannschaft verpflichtet wurden. Im Gegensatz dazu stehen die exhorbitanten Ausgaben für Fernando Torres oder David Luiz.

Die Personalkosten des FC Bayern bewegen sich konstant unterhalb von 50 Prozent des Umsatzes, während Mannschaften wie Inter und der AC Mailand bis zu 85 Prozent in die Gehälter der Stars pumpen. Auch der FC Barcelona hat trotz eines kleinen Kaders Probleme, diesen zu refinanzieren. In Europa sind die Bayern ein wirtschaftlicher Vorzeigeklub und der beste Beweis, dass man auch ohne den Transferwahnsinn international bestehen kann. Chelsea gegen Bayern - das ist mehr, als nur ein Finale. 


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