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„Tja, das hat eigene Gesetze“, sagt Andi Möller und blinzelt versonnen in die Ferne. Wenn Schalke und Dortmund aufeinandertreffen, passiert immer auch Geschichte.

Pott. Der FC Schalke 04 wird diesen Samstag Borussia Dortmund zum Tänzchen bitten. Für neunzig Minuten wird die Zeit im Revier still stehen, die Grenze wird haarscharf gezogen sein zwischen „Herne-West“ und „Lüdenscheid-Nord“. Blickt man auf die gemeinsame Geschichte, wird offensichtlich, warum bereits Wochen vor dem Spiel über nichts anderes mehr gesprochen wird. Es sind die Spiele der Saison! Vergesst gesteckte Ziele, hier ist der Sieg Pflicht! Unendlich viele Partien wurden ausgespielt. Generationen fieberten in den Stadien, vor dem Radio und später vor dem Fernsehgerät. Die Geschichte des Revierderbys ist auch die Geschichte des Ruhrgebiets und der Menschen, deren Ideale, die ehrliche, harte Arbeit, die Solidarität und die Loyalität, von beiden Vereinen verkörpert wurde.

Königsblaue Dominanz bis in die Nachkriegsjahre

Das erste dokumentierte Spiel zwischen den zwei Arbeitervereinen fand am 03. Mai 1925 statt. Schalke gewann 4:2. Ein Startschuss für eine herausragende Siegesserie: Alle Partien in regionalen Meisterschaften der 1920er, die Begegnungen in der Gauliga ab 1936, die späteren Treffen in der Sportbereichsklasse bis 1943 gewann komplett der FC Schalke 04. Nach dem ersten Sieg der Borussia hatte sich in 18 Spielen ein Übergewicht von 16 Siegen, einem Unentschieden und einer Niederlage der Knappen herauskristallisiert. Am 14. November 1943 passierte es: Borussia Dortmund rang den Königsblauen einen 1:0 Sieg ab! Im Rückspiel bei den Knappen verlor man zwar sofort wieder 4:1, aber der Bann sollte gebrochen sein.

In der Oberliga kommt der Umschwung – ein Mythos entsteht

Dortmund hatte das Rezept gefunden. Plötzlich gewann man mehr, als dass man gegen Schalke verlor. Der Ballspielverein gewann direkt nach Kriegsende wieder und schnappte den Knappen 1947 auch noch die Westfalenmeisterschaft weg. Dreimal wurde Dortmund Meister in den Jahren der Oberliga West, die ewige Tabelle führten sie ebenfalls vor Schalke an. Die beeindruckend hohen Siege der Blauen aus den Gaujahren von 10:0 und 7:0 schaffte der BVB nie, blieb aber konstant vorn. Bemerkt werden muss an dieser Stelle auch, dass die Teams plötzlich auch Remis zu bieten hatten. Schalke war nach wie vor ein starker Gegner, so gingen in den Jahren von 1947 bis 1963 stolze zehn Partien unentschieden aus. Aus dieser Konstellation heraus ist der Mythos „Revierderby“ entstanden. In dieser Zeit hat sich Borussia Dortmund als ernsthafte Alternative im Revier gefestigt.

Die Entstehung der Bundesliga – Schalke und Dortmund sind Gründungsmitglieder

In die erste Bundesliga Saison 1963/64 gehen aus der Oberliga West Borussia Dortmund und Schalke 04 neben dem 1. FC Köln, Preußen Münster und dem Meidericher SV als fünf der insgesamt sechzehn Gründungsmitglieder ein. Wäre die Bundesliga nicht nach der zweiten Saison von 16 teilnehmenden Mannschaften auf 18 aufgestockt worden, wäre Schalke sofort in die damals zweitklassige Regionalliga abgestiegen. Aber die spannende Derbygeschichte weiter: Der FC Schalke wird in den folgenden Jahren bis 1972 sieben von 18 Spielen gegen den Rivalen aus dem Ruhrgebiet gewinnen, dreimal unentschieden spielen und neunmal verlieren.

Beide Mannschaften erleben ein Tief

Hitzige Zeiten folgten, als Schalke 1971 in den sogenannten „Bundesliga-Skandal“ verwickelt war. Durch den Einsatz von Bestechungsgeldern hatten Rot-Weiß Oberhausen und Arminia Bielefeld wegen manipulierter Spiele den Klassenerhalt geschafft. Fichtel, Fischer, Stan Libuda, Wittkamp, Rüssmann und viele andere wurden zum Teil für die folgenden zwei Jahre oder zunächst auf Lebenszeit gesperrt. Insgesamt traf es 13 Spieler der Knappen.

Schon seit Ende der 1960er war die Borussia in ein sportliches und später auch finanzielles Loch gefallen. Mit Murach wurde ein Trainer eingestellt, der die Bundesliga auch nur aus dem Radio kannte, Spitzentransfers wurden seltener oder blieben ganz aus. Die sportlichen Erfolge in der Liga wurden schon lange nicht mehr erzielt und schlussendlich stieg man 1972 auch wirtschaftlich stark geschwächt ab. Nach erheblichen Anstrengungen des Vereins, der Stadt und der benachbarten Industrie schaffte der Verein zur Saison 1976/77 den Wiederaufstieg.

Schalke steigt ab - die Derbys gehen weiter

Der FC Schalke 04 stieg in den 1980ern insgesamt dreimal ab und spielte fünf Spielzeiten zweitklassig. 1985/86 wäre auch die Borussia fast wieder in die neu gegründete zweite Liga gegangen. Im Derby setzte sich in den Spielen in Liga und DFB-Pokal keine Mannschaft entscheidend durch. Die Nummer eins im Revier blieb hart umkämpft. Beide Vereine waren von Wiederaufbau, finanziellen Nöten oder Erfolglosigkeit gezeichnet.

Die 1990er: Schalke wehrt sich mit Füßen und Köpfchen

Rein numerisch kam Dortmund von 1991 bis 2001 auf insgesamt sechs Siege gegen die Knappen, die ihrerseits von den 20 ausgetragenen Ligaspielen fünf gewinnen können. Das Unentschieden regierte das Revier in diesem Jahrzehnt und manch ein Remis wurde wie ein Sieg gefeiert.

Erinnert man sich an den 19.12.1997, wird dem Schalker noch heute warm ums Herz. In der eisigen Freitagnacht wollten die Dortmunder unbedingt Rache üben für die 0:1 Pleite im Hinspiel. Bald fröstelten die Schwatz-Gelben nicht mehr: Vladimir But traf in der 26. Minute zum 1:0 für den BVB. Nur 15 Minuten später glich Denis Klujew für die Knappen aus. Die Schalker rasteten aus. Andreas Möller war es, der ihre Freudenschreie nur vier Minuten später verstummen ließ: 2:1. Auch danach dominierte Schwatz-Gelb und die ersten Schalker verließen früh das Westfalenstadion. In der Nachspielzeit entschied Schiri Jürgen Jansen auf Ecke für die Königsblauen – eine Fehlentscheidung. Der zweite Ball kam zu Thomas Linke an die Strafraumgrenze, der flankte und fand Jens Lehmann! Der Torhüter war zur letzten Ecke im letzten Derby im Schalketrikot zum Eckball nach vorne gerannt. Jetzt köpfte er den Ball rein und schrieb Geschichte! Noch nie war ein Torwarttor aus dem Spiel heraus gefallen! Eine legendäre Partie, die in der letzten Sekunde ausgeglichen wurde!

Die 2000er sind königsblau – 2007 schlägt der BVB zu!

Von 22 Ligaspielen seit 2001 konnten die Knappen neun gewinnen! Neunmal gingen die Begegnungen unentschieden aus. Viermal gewann der BVB. Auch am 33. Spieltag der Saison 2006/07: Christoph Metzelder, heutzutage zu „Königsblau, ein Leben lang“ jubelnd, gab in diesem Spiel zwei entscheidende Pässe. Zunächst flankte er in der 44. Minute scharf in den Strafraum, wo Frei einen Schritt vor Bordon an den Ball kam und per Linksschuss einnetzte. In der 85. Minute legte Metzelder noch einmal im Strafraum quer, Bordon fälschte den Ball leicht ab und Smolarek zog mit dem rechten ab. Tor! 2:0 besiegte Dortmund Schalke. Schalke konnte die fehlenden Punkte auf Stuttgart am letzten Spieltag nicht mehr aufholen – der Rest ist Geschichte.

Es sind diese Spiele, diese Situationen, die das Revierderby so legendär machen. Zwei Vereine, die sich in Herkunft und Ethos so ähnlich sind und Seite an Seite durch die Geschichte der Bundesliga marschiert sind. Sie haben vor allem eines gemeinsam: Die Rivalität! Aufgepeitscht durch Jahrzehnte, beinahe ein Jahrhundert der Begegnungen, die in ihrer Vielseitigkeit kaum zu übertreffen sind. Keine Mannschaft hatte länger als sieben oder acht Jahre in den direkten Begegnungen die Nase vorn. Auch wenn eine Mannschaft in einem Jahr nur der Underdog ist, ist das Derby jederzeit offen. Man darf gespannt sein, ob es nun am FC Schalke 04 ist, dem BVB ein Bein auf dem Weg zur Meisterschaft zu stellen.

Eure Meinung: Welche Begegnung ist euch besonders in Erinnerung geblieben?


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