Transfers, Taktik und Co: Fünf Gründe, warum aus Arsenals „Unbesiegbaren“ die „Unsichtbaren“ wurden

Der Demütigung in der Champions League im Duell mit Milan folgte die Pleite im FA Cup gegen Sunderland: Arsene Wenger hat es bei Arsenal aktuell so schwer wie selten zuvor.

EPL,Arsene Wenger,Arsenal(Getty Images )
ANALYSE
Von Jonathan Birchall & Stephen Darwin

Genau in dieser Woche vor acht Jahren besiegte der FC Arsenal den FC Chelsea binnen sechs Tagen gleich zwei Mal und stand mit sieben Punkten Vorsprung an der Spitze der Premier League. Drei Monate später gewann Arsenal die Meisterschaft und die „Unbesiegbaren“ hatten es in die Geschichtsbücher des englischen Fußballs geschafft. Die Welt lag Arsene Wenger zu Füßen.

Weniger als eine Dekade später ist die Jagd des Klubs nach Trophäen erneut vorbei und der französische Trainer schreibt keine Geschichte mehr. Vielmehr wirkt er nur noch, als wäre er bereits Geschichte.

Arsenals 0:2-Niederlage gegen Sunderland im „Stadium of Light“ hat zusätzliches Salz in die Wunden gestreut, die das deftige 0:4 beim AC Mailand in der Königsklasse hinterlassen hatte. Das Ausscheiden aus dem FA Cup bedeutet, dass es für die „Gunners“ eine weitere Spielzeit ohne Titel wird.

Wengers Schützlinge waren im Duell mit den von Martin O'Neill glänzend eingestellten „Black Cats“ überfordert. Das Ergebnis kam nicht unbedingt überraschend, doch es war auch eine besondere Niederlage für Wenger, der von seinem irischen Pendant überlistet worden war.

Aber was ist eigentlich alles schief gelaufen? Wie konnte es passieren, dass Arsenal nicht mehr tonangebend ist, sondern der Musik meist nur noch hinterherläuft? Goal.com wirft einen Blick auf fünf Bereiche, die zum Niedergang der „Gunners“ seit den glorreichen Zeiten der „Unbesiegbaren“ geführt haben.

FEHLENDE INVESTITIONEN


Während der letzten fünf Jahre hat Arsenal beinahe 50 Millionen Pfund (etwa 60 Millionen Euro) weniger ausgegeben als der Gegner im „Stadium of Light“. Dass der Klub es dennoch geschafft hat, in der oberen Tabellenregion zu bleiben, ist bemerkenswert. Doch dank Leuten wie Roman Abramovich und Sheich Mansour haben sich die finanziellen Gepflogenheiten des Geschäfts verändert. Arsene Wenger, so scheint es, hat sich daran noch nicht gewöhnt.

Die Frage, die sich jedoch stellt, ist: Wieso hat Arsenal das zugelassen? Der Verein hat einen Milliardär im Rücken und 2010 einen Gewinn in Höhe von 56 Millionen Pfund (etwa 67 Millionen Euro) eingefahren. Die finanzielle Power, um mit den ganz Großen Europas mitzuhalten, wäre also durchaus gegeben.

Wenger betont immer wieder, dass ihm Geld zur Verfügung stehe, falls er es benötige. Allerdings unter der Prämisse, dass er pro Jahr „zwischen 15 und 20 Millionen Pfund Gewinn“ einfährt. Diese Einschränkung hat der Franzose sich wohl selbst auferlegt, ebenso wie das maximale Wochengehalt von 100.000 Pfund (knapp 120.000 Euro), das er seinen Spielern bereit zu zahlen ist.

Stan Kroenke, der die Mehrheit der Anteile am Traditionsverein hält, bestärkt Wenger in seiner Politik. Im September noch teilte er gegenüber stltoday.com mit: „Es besteht die Gefahr, einen Rückschlag zu erleiden, wenn man anfängt, mit Geld um sich zu werfen, um seine Probleme zu lösen.“

Doch die Rückwärtsentwicklung auf dem Rasen hat bei Arsenal bereits eingesetzt. Groß zu investieren mag die einzige Möglichkeit sein, diese Entwicklung zu bremsen.

VERLETZUNGSPROBLEME


Trainer neigen dazu, Verletzungsprobleme als Entschuldigung anzuführen, wenn es nicht so läuft. Zu Recht ernten sie dafür meist nur ein müdes Lächeln oder ein Abwinken. Doch im Falle Arsene Wengers ist ein gewisses Mitgefühl durchaus angebracht. Denn was Arsenal an Verletzungspech bei Leistungsträgern erleiden musste, das ist schon bemerkenswert.

Man kann nun argumentieren, dass Arsenal auf dem Transfermarkt hätte zuschlagen müssen, damit Verletzungen besser kompensiert werden können. Aber wenn ein Spieler wie Jack Wilshere (einer von zwei Arsenal-Spielern, die vermutlich auch in Barcelona Stammkraft wären) die komplette Saison passen muss, dann ist das schwer zu verkraften.

Vor allem in der Defensive musste Wenger immer wieder umbauen und auf eine uneingespielte, unerfahrene Viererkette setzen. Vor Wojciech Szczesny, dessen Entwicklung zweifelsohne positiv ist, liefen Johan Djourou, Carl Jenkinson, Francis Coquelin, Sebastian Squillaci und Per Mertesacker auf. Allesamt Spieler, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Topklasse der Premier League zählen und einfach gesagt nicht gut genug für die Spitze sind.

Die Liste der oben genannten Spieler ließe sich gewiss noch erweitern. Das führt dazu, dass Stammkräfte wie Bacary Sagna und Thomas Vermaelen ebenso schmerzlich vermisst werden wie Kieran Gibbs und Andre Santos, die zuvor ebenfalls nicht gerade vor Souveränität strotzten.

ABGÄNGE VON SCHLÜSSELSPIELERN


Ein Punkt, der in den letzten Monaten immer wieder diskutiert wurde - und zweifelsohne steckt viel Wahrheit dahinter: Die Weggänge von Schlüsselspielern haben Wenger und die Entwicklung seiner Mannschaft merklich zurückgeworfen.

Das größte Loch rissen natürlich die Abgänge von Cesc Fabregas und Samir Nasri. Beide verließen den Verein im letzten Sommer. Eine Großteil des flüssigen Londoner Angriffsspiels lief über die beiden hochtalentierten Edeltechniker. Sie waren maßgeblich an nahezu allen Angriffen beteiligt und die spielerischen Köpfe der Mannschaft. Sie zu ersetzen, ist bis heute nicht gelungen.

Zuvor war es schwierig, die Lücke zu schließen, die Superstar Thierry Henry bei seinem Abschied Richtung Barcelona hinterlassen hatte. Ebenso musste die Abwehrreihe umgebaut werden, nachdem sich verlässliche Größen wie Lauren, Ashley Cole und Sol Campbell neuen Klubs angeschlossen hatten.

In den Reihen der letzten glorreichen Arsenal-Elf stand zudem eine Furcht erregende Offensive. Henry, Freddy Ljungberg, Robert Pires und Dennis Bergkamp bildeten ein Quartett, das zumindest auf der Insel das Maß aller Dinge war und das die „Unbesiegbaren“ auch bei schwachen Leistungen immer noch zum Sieg schießen konnte. Heute deuten Theo Walcott und Gervinho ihr Potenzial zwar an, doch wenn es drauf ankommt, reißen sie keine Bäume aus.

DER VERLUST VON DAVID DEIN


Als wären Arsenals aktuelle Probleme für die Anhängerschaft nicht schon schlimm genug, ist nun ausgerechnet der Erzrivale Tottenham Hotspur der beste Londoner Klub der Premier League. Eine Tatsache, die für Arsenal-Fans eigentlich gar nicht geht.

Die „Spurs“ setzen dabei auf ein Modell, welches Arsenal über viele Jahre erfolgreich praktiziert hat. Manager Harry Redknapp hat im sportlichen Bereich das Sagen und Daniel Levy kontrolliert die Geschicke im administrativen Bereich. So, wie es bei den „Gunners“ lief, als Arsene Wenger Hand in Hand mit Vize-Geschäftsführer David Dein arbeitete.

Im April 2007 musste Dein seinen Hut nehmen, Grund dafür waren „unüberbrückbare Differenzen“ mit anderen Vorstandsmitgliedern. Vor allem seine Befürwortung der Klubübernahme durch Stan Kroenke soll Dein nach 24 Jahren bei Arsenal das Genick gebrochen haben. In dieser Zeit gelangen ihm einige der größten Transfers auf der Insel.

Dein holte unter anderem Ian Wright, Dennis Bergkamp, Patrick Vieira und Henry zu Arsenal. Wengers Chef-Verhandler erarbeitete sich schnell den Ruf, der beste und gewiefteste Manager im englischen Fußball zu sein. Diesem wurde er mehr als zwei Jahrzehnte gerecht.

„David Dein ist nicht mehr dort. Und man kann nicht leugnen, dass diese Tatsache sowohl die Mannschaft als auch den Trainer destabilisiert hat“, sagte Henry kurz nach seinem Wechsel in Richtung Barcelona. Der Verlust Deins wog und wiegt also schwer, wenn Henry, wahrscheinlich Arsenals bester Spieler aller Zeiten, sich derartig äußert.

Die „Gunners“ verfügen nun in Verhandlungen nicht mehr über eine Geheimwaffe. Dein wurde nie ersetzt und dass es bei Arsenal seit seinem Abschied mit den Transfers bergab ging, ist gewiss kein Zufall.

TAKTISCHE GRÜNDE


„Boring, boring Arsenal“: So bezeichneten Spötter und Kritiker den Fußball, den der Klub einst unter George Graham bot. Arsene Wenger erbte Grahams kompromisslose Defensive und paarte sie mit Flair und Esprit im Offensivspiel. Eine wahnsinnig attraktive Spielweise und vor allem auch erfolgreiche Phase für den Verein war die Folge. Nun ist es wieder soweit gekommen, dass sich viele Fans nach einem uninspirierten 1:0-Sieg sehnen.

Alte Abwehrrecken wie Tony Adams und Martin Keown sind längst Geschichte. Um sie herum hatte Arsenals Mannschaft eine verlässliche Verteidigung, die ein Faustpfand im Kampf um Titel war und die das Gegenstück zur spielfreudigen „Abteilung Attacke“ bildete. Nun, je länger Arsene Wenger auf der Suche nach dem „perfect football“ ist, desto mehr muss Arsenal leiden.

Uninspirierte Neuverpflichtungen wie zum Beispiel Mertesacker, Squillaci, Mikael Silvestre oder Pascal Cygan, um nur einige zu nennen, entpuppten sich zwar als solide, aber zu wenig kompromisslos. Weil Leistungsträger wie Sagna und Vermaelen zudem verletzungsanfällig sind, ist die Abwehr zu schwach für höhere Ansprüche.

Alles ist schön und gut, wenn der Angriff die Schwächen der Verteidigung übertünchen kann. Das ist auch bei Barcelona so. Doch bei Arsenal gelingt das längst nicht mehr. Abgesehen von Robin van Persie verfügt Arsenal nicht mehr über die Power und Durchschlagskraft in der Offensive. Es ist nun an Arsene Wenger, dies zu erkennen und dementsprechend zu reagieren.

Eure Meinung: Was sind für Euch die entscheidenden Gründe für die Krise bei Arsenal?

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