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So macht man sich unsterblich, Herr Abramovich: Napolis unglaublicher Aufstieg
Aurelio De Laurentiis mag im Gegensatz zu Abramovich noch keine Titel geholt haben - das Ansehen, das er in Neapel genießt, könnte dennoch größer kaum sein.
Von Kris Voakes & Sergio Chesi, übersetzt von Claas Philipp
Es sind Vereine aus verschiedenen Welten, nicht nur aus verschiedenen Ländern. Der FC Chelsea regiert an der King’s Road, wo die reichen Kinder zwischen dem Sloane Square und Putney ihren üppigen Lebensstil in einem der reichsten Viertel im wohlhabenden Londoner Westen zur Schau stellen. Im Gegensatz dazu ist der SSC Neapel ein Underdog, aus einer Stadt, die voll davon ist und in der der Fußball für die unter Armut leidenden Einwohner, die vom Rest des Landes als unterdrückte Unterschicht angesehen werden, ein Lichtblick ist.
Dennoch gibt es eine Parallele zwischen den beiden Klubs. Innerhalb des Zeitraums von zwölf Monaten wurden die zwei Vereine vor fast zehn Jahren von einem Retter in der Not gekauft. Männer, die den Fußball an ihrem Wohlergehen teilhaben lassen und ihn zu einer Plattform machen wollten, in der ihr wahres Erbe zum Tragen kommen sollte - obwohl sie bereits in anderen Bereichen ihr Geld gemacht hatten.
Während Roman Abramovich in seiner neunjährigen Herrschaft an der Stamford Bridge greifbare Erfolge einfahren konnte und dabei das englische Fußballgeschäft nachhaltig verändert hat, ist es der bislang titellose Napoli-Besitzer Aurelio De Laurentiis, dessen Erfolgsgeschichte als Vorbild für andere angesehen wird. Für den russischen Oligarchen könnte es einen schlechteren Zeitvertreib als einen Trip nach Neapel geben, um sich bei De Laurentiis zu erkundigen, wie man den Fußballverein aufbaut, den er haben möchte.
Abramovich mag noch nie dagewesenen Erfolg nach Chelsea gebracht haben, aber seine Langzeitvision wird angesichts einer Reihe von Führungsfehlern und vergebenen Chancen angezweifelt. Obwohl er bei Amtsantritt einen Verein übernahm, der sich für die Champions League qualifiziert hatte, blieb der kontinentale Erfolg bislang aus.

Weiter südlich in Neapel konnte Filmproduzent De Laurentiis nicht auf eine derartige Basis zurückgreifen. Vielmehr übernahm er den Verein am Tiefpunkt seiner Geschichte. Besitzer-Wechsel in den Jahren 1999 und 2002 hatten dem Klub nicht den gewünschten Durchbruch gebracht, nur zehn Jahre nach dem Meistertitel war man zu einem Fahrstuhlklub verkommen.
Im Juli 2004 wurde es äußerst kritisch, der Verein musste angesichts von über 70 Millionen Euro Schulden Konkurs anmelden. Seit dem Ende der Ära Maradonas im Jahr 1991 hatte Napoli kein Projekt, keine Strategie, nichts. Das Scheitern war die logische Folge einer Periode kontinuierlichen Missmanagements.
Zu genau diesem Zeitpunkt kaufte De Laurentiis den Klub, aber nicht den Namen. „Societa Sportiva Calcio Napoli“ wurde zum Synonym für eine gescheiterte Marke, eine mit den Füßen getretene ehemalige Glorie, die nicht mehr existierte, und das schon seit geraumer Zeit. Stattdessen wurde der Verein in „Napoli Soccer“ umbenannt und trat nun in der drittklassigen Serie C1 an.
| NAPOLI: FALL UND AUFSTIEG |
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| 1990 |
Angeführt von Diego Maradona gewinnt Napoli zum zweiten Mal in drei Jahren die Serie A |
| 2001 | Zweiter Abstieg in drei Jahren, man wackelt in der Serie B |
| 2004 | Nach der finanziellen Pleite übernimmt Aurelio De Laurentiis, der Napoli an die Spitze der Serie C1 führt |
| 2007 | Nach aufeinanderfolgenden Aufstiegen ist man zurück in der Serie A und verpflichtet Marek Hamsik und Ezequiel Lavezzi |
| 2011 | Man qualifiziert sich erstmals für die Champions League, Edinson Cavani ragt mit 33 Toren heraus. Am Ende steht Platz drei - die höchste Platzierung seit der Meisterschaft 1990 |
De Laurentiis brachte auch Sportdirektor Pierpaolo Marino mit in den Verein. Ein Mann, der in Italien für seine Rolle im „Udinese-Modell“ bekannt wurde, das sich durch ein weltweites Scouting-System auszeichnete und Udine zahlreiche Talente zu Tiefpreisen bescherte.
Aller Anfang ist schwer - das galt vor allem auch für De Laurentiis‘ erste Tage in Neapel. Am Morgen des ersten Trainings nach seiner Übernahme waren nur fünf Spieler für den Verein registriert. Roberto Sosa, Francesco Montervino, Cataldo Montesanto, Mariano Stendardo und Gennaro Esposito repräsentierten die Revitalisierung des Vereins, zur damaligen Zeit aber dürfte keiner mit diesem Gefühl zu Werke gegangen sein. Man hatte nichts zum Trainieren - keine Trikots, keine Fußbälle. Montesanto war der Retter, kramte aus dem Kofferraum seines Autos einen alten Ball hervor. Es war ein bescheidener Anfang.
Als man zum ersten Spiel antrat, schwebte der Geist des Zusammenhalts über den Köpfen der Protagonisten. De Laurentiis‘ Leidenschaft, seine Ideen und sein Geld versetzte die Napoli-Anhänger in Aufregung. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie etwas Derartiges vorgelebt bekamen, und sie vertrauten dem neuen Klub-Boss. Das Eröffnungsspiel in der Serie C1 gegen Cittadella wollten im San Paolo 60.000 Zuschauer sehen.
Während Marino im Hintergrund arbeitete und De Laurentiis der Kopf des Projekts war, nahm Edy Reja auf der Trainerbank Platz und sollte dafür sorgen, dass die Aufbruchsstimmung auch auf den Platz transportiert wurde. Nachdem der Ex-Cagliari-Coach während der Saison 2004/05 Giampiero Ventura ersetzt hatte, führte er die Azzurri in die Play-offs, wo man allerdings scheiterte. Ein Jahr später war Napoli erfolgreicher und stieg als Spitzenreiter in der Serie B auf, aus der man zwei Jahre zuvor abgestiegen war.
Zu diesem Zeitpunkt sicherte sich De Laurentiis wieder die alten Namensrechte und benannte den Klub in SSC Neapel um. Er wollte nicht, dass dieser Name in der Serie C beschmutzt wird, griff angesichts der neu gewonnenen Stärke fortan aber wieder darauf zurück.
Die Spielzeit 2006/07 lief nahezu perfekt, und im abschließenden Saisonspiel trat Napoli in Genua mit dem Wissen an, dass ein Unentschieden sie zurück in die Serie A bringen würde. Da der Gegner seinerseits aber einen Sieg für den Aufstieg brauchte, stand man trotz der Fanfreundschaft beider Teams vor einer schweren Aufgabe.
Als nur noch wenige Minuten zu spielen waren, machte die Nachricht die Runde, dass das viertplatzierte Piacenza parallel gegen Triestina unentschieden gespielt hatte und das 0:0 beiden Mannschaften für den Aufstieg reichen würde. Das reichte, um das Stadion zum Beben zu bringen. Die Fans liefen auf das Feld, um ihre Helden zu ehren, obwohl das Spiel noch gar nicht abgepfiffen war und noch keines der Teams den Aufstieg in der Tasche hatte. Nachdem der Referee wieder Ordnung in die Szenerie brachte, beendeten einige Spieler die Partie mit den Trikots ihrer Mannschaftskollegen - nur um irgendwas anzuhaben und so das Spiel zu Ende zu bringen.
De Laurentiis wusste, dass der Aufstieg nur ein Beginn war. Sein Fünf-Jahres-Plan besagte, dass der Verein sich im italienischen Oberhaus behauptet, und dazu waren nun zwei weitere Jahre Zeit. Eine Ruhepause konnte er sich nicht leisten - die Fans waren jetzt hungrig auf den Erfolg, nach dem sie sich so sehr sehnten.

Die Einkaufspolitik des Jahres 2007 war allerdings nicht das, was die Anhänger sich erwartet hatte. Am Tag der Vorstellung zweier Neuverpflichtungen demonstrierten die Fans auf dem Vereinsgelände gegen das zurückhaltende Transfergebaren. Wie Unrecht sie mit ihrer Kritik hatten, sollte sich später herausstellen. Die zwei gekauften Spieler - Ezequiel Lavezzi von San Lorenzo und Brescias Marek Hamsik - wurden zum Katalysator des künftigen Erfolges.
Zwei Jahre später, in denen man die Liga auf den Plätzen acht und zwölf beendeten und die den erfolgreichen Abschluss der ersten Phase von De Laurentiis‘ Plan bedeuteten, ließ man Marino gehen, der für die Verpflichtungen von Lavezzi, Hamsik und fünf bis sechs weiteren Stützen aus Napolis derzeitigem Team verantwortlich war. Für ihn kam Riccardo Bigon, der zuvor Generaldirektor bei Reggina war. Unterdessen beerbte Roberto Donadoni Coach Reja, musste seinen Platz aber bald wieder räumen - und wurde durch Walter Mazzarri ersetzt, unter dem Napoli den nächsten großen Schritt machte.
Eine der Verpflichtungen dieses Sommers war der ortsansässige Fabio Quagliarella, der sich mit spektakulären Toren für Sampdoria und Udinese einen Namen gemacht hatte. Die Entscheidung, ihn 2010 wieder zu verkaufen, brachte die Fans erneut auf die Palme. Von der Ankunft von Edinson Cavani, der für 14 Millionen Euro kam, versprach man sich einen großen Gewinn für das Team, der Abgang von Quagliarella zu Juventus aber wurde äußerst kritisch beäugt. Dies führte zu Demonstrationen, als Cavani im Europa-League-Spiel bei Elfsborg auflief, der scheidende Held Quagliarella vor seinem Abschied aber auf der Bank Platz nehmen musste.
Napoli gewann 2:0, Cavani erzielte beide Tore. Seitdem hat sich niemand mehr beschwert. Quagliarella ging, Cavani beendete die Saison mit 33 wettbewerbsübergreifenden Toren und Napoli durfte erstmals nach 20 Jahren wieder an der europäischen Eliteklasse teilnehmen. Einmal mehr hatten die Fans De Laurentiis’ Führung in Frage gestellt, einmal mehr strafte er sie Lügen.
| Cavani beendete die Saison mit 33 wettbewerbsübergreifenden Toren und Napoli durfte erstmals nach 20 Jahren wieder an der europäischen Eliteklasse teilnehmen. |
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In der laufenden Spielzeit ging der Fokus auf die Champions League mit einem Rückwärtsschritt in der Serie A einher, aber das sollte nicht als mangelnder Einsatz von De Laurentiis gewertet werden. Die Phase zwei wird erst in über zwei Jahren beendet sein, und er hat bislang all seine Versprechungen wahr gemacht.
De Laurentiis hat nicht nur Akteure wie Hamsik, Lavezzi und Cavani nach Neapel geholt, sondern auch dafür gesorgt, dass sie bleiben. Seine sture Haltung in Sachen Einkaufspolitik hat ihm viele Fans eingebracht, und auch für die pünktliche Bezahlung der Akteure sorgt er - was in Italien nicht selbstverständlich ist -, wodurch der Napoli-Boss das Vertrauen seiner Angestellten genießt.
Auch die Unterstützung durch die Fans ermutigt die Protagonisten zum Verbleib, und die Anhänger werden auch in Zukunft mit demselben Elan wie De Laurentiis bei der Sache sein. Da Spiel gegen Chelsea wird da keine Ausnahme sein. Und egal, ob man gewinnt oder verliert, De Laurentiis und Napoli werden den gemeinsamen Weg fortsetzen, bereit für die nächste Phase des aufgestellten Plans - mit großen Ambitionen, aber auch mit wirtschaftlichem Verstand.
Eine kleine Verbesserung des Kaders könnte ausreichen, um wieder ernsthaft um den italienischen Titel mitreden zu können. Und so sehr die aktuellen Spieler auf den Straßen Neapels wie Götter verehrt werden, schwebt auch der Geist von Maradona in den Taten von Aurelio De Laurentiis stets mit.
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