Statistiken der Champions League: Fleißige Bender-Zwillinge, Ballbesitz kein Erfolgsgarant

Goal.com hat die statistischen Daten der Gruppenphase der Königsklasse unter die Lupe genommen und analysiert - und kam zu einigen überraschenden Ergebnissen.

EPL - Chelsea FC v Bayer 04 Leverkusen, Fernando Torres and Lars Bender
Getty Images
ANALYSE
Von Clark Whitney

Im Fußball gibt es einige Annahmen, die als gegeben akzeptiert werden: Großer Einsatz mündet in Erfolgen, durch häufiges Passen können Laufwege verringert werden, mit hohem Ballbesitz gewinnt man Spiele und englische Vereine spielen härter und aggressiver als die anderen europäischen Teams. Aber wie viele dieser Behauptungen entsprechen tatsächlich der Wahrheit?

Goal.com hat die Gruppenspiele der Champions League unter die Lupe genommen und dabei die fleißigsten Akteure in der europäischen Elite-Klasse ausgemacht sowie die Beziehung zwischen zurückgelegter Distanz, Ballbesitz und dem erzielten Erfolg in Relation gesetzt.

„Lass den Ball die Arbeit machen“ ist ein Trugschluss

DORTMUNDS LAUFSTATISTIK
GEGEN MARSEILLE, ZUHAUSE
ZURÜCKGELEGTE DISTANZ
MAX DISTANZ
MIN DISTANZ
DURCHSCHNITT. DISTANZ
BALLBESITZ
122,9km
13,2km
11,0km
12,3km
53%
 DURCHSCHNITTSWERTE (GESAMT)
DISTANZ PRO SPIEL
DURCHSCHNITT. DISTANZ
BALLBESITZ
117,0km
11,7km
52%
*Nur die Feldspieler
Mit dem Aufstieg des FC Barcelona zu Europas herausragendem Team wurde die Formel „Lass den Ball die Arbeit machen“ zu so etwas wie einem Dogma. Nicht ganz zu Unrecht: Die Katalanen marschierten mit einem relativ geschwindigkeitsarmen Spiel, das sich hauptsächlich in der Hälfte des Gegners abspielt, in den vergangen Jahren von Titel zu Titel. Während der Gruppenphase hatte Barca im Durchschnitt 68 Prozent Ballbesitz. Pedro war mit einer durchschnittlich zurückgelegten Entfernung von 11,5 Kilometer der härteste Arbeiter im Team von Pep Guardiola, während Xavi mit 11,3 Kilometern den zweiten Platz belegte.

Einige der Statistiken legen nahe, dass mehr Laufarbeit mit weniger Ballbesitz einhergeht. So kommen drei der Top-10-Läufer von Teams, die im Durchschnitt 42 Prozent oder weniger Ballbesitz erreichten.

Dennoch kommen sieben der Top-10-Arbeiter von Mannschaften mit mindestens 50 Prozent Ballbesitz. In diesen Fällen kann man kaum behaupten, dass die Akteure hauptsächlich dem Ball hinterherliefen.

Tatsache ist, dass man ein Fußballspiel über mehrere Wege gewinnen kann - von denen einige physisch anspruchsvoller sind als andere. So gibt es Teams, die zu großer Laufarbeit gezwungen werden, um in Ballbesitz zu kommen; in anderen Fällen ist gerade ein großer Aufwand Teil der Taktik, etwa wenn hoch verteidigt und gepresst wird.

Das beste Beispiel hierfür war Borussia Dortmunds 2:3-Niederlage gegen Olympique Marseille am letzten Spieltag, die laufintensivste Partie der Gruppenphase. Der deutsche Meister legte exklusive Roman Weidenfeller eine Laufdistanz von 122,946 Kilometern zurück - das sind 12,3 Kilometer pro Spieler (inklusive weniger laufintensiven Positionen wie der des Innenverteidigers). Trotzdem hatte der BVB in diesem Match 53 Prozent Ballbesitz.

Und Dortmund ist nicht das einzige Beispiel für ein Team mit extrem großer Laufarbeit, das mehr als 50 Prozent der Zeit in Besitz des Leders war. Chelsea hatte zwei Spieler (Raul Meireles und Juan Mata), die im Durchschnitt 12 Kilometer pro Spiel liefen, im Mittel aber 51 Prozent Ballbesitz - am Ende landeten die „Blues“ auf dem ersten Platz ihrer Gruppe.

Manchmal sind Spieler dazu gezwungen, viel zu laufen, um den Fuß an den Ball zu kriegen. Und manchmal lassen Teams den Ball die Laufarbeit machen. Aber die Statistik zeigt keinen generellen Zusammenhang: Es ist ein Mythos, dass die hart arbeitenden Teams diejenigen mit weniger Ballbesitz sind.

Premier-League-Teams laufen weniger als erwartet

TOP-LÄUFER DER PL (KM/CL-SPIEL)
ARSENAL CHELSEA
M. Arteta
R. v Persie
11.8
11.0
R. Meireles
J. Mata
12.6
12.0
 MAN CITY  MAN UTD
Y. Toure
G. Barry
11.5
11.5
M. Carrick
W. Rooney
12.1
10.7
Wenn man an die Premier League denkt, denkt man vor allem an Power und Schnelligkeit. Englands Oberhaus wird vor allem aufgrund seiner großen Physis gelobt. Und während es stimmt, dass die schnellsten Akteure von der Insel kommen, ist es schlichtweg falsch, wenn behauptet wird, dass dies mit großer Laufarbeit einhergeht.

Von den Top-10-Läufern der Gruppenphase kommt nur einer aus England - Chelseas Raul Meireles. Und nur drei Spieler der vier Premier-League-Vereine kamen auf einen Durchschnittswert von 12 Kilometern oder mehr pro Spiel.

Aus verschiedenen Gründen können die schnellsten Spieler überhaupt nicht diejenigen sein, die am meisten laufen. Schnelle Sprints sind anspruchsvoll für den Körper, und die Beinmuskeln bei Sprintern haben einen höheren Anteil an kraftvollen, aber leichter ermüdenden schnell-zuckenden Muskeln als bei anderen. Dies ist zum Beispiel bei Theo Walcott der Fall.

Während man meinen könnte, dass die Geschwindigkeit des englischen Fußballs dazu führt, dass Spieler von der Insel mehr als andere laufen, sagt die Statistik was anderes. Lange Pässe führen zwar zu einer schnellen Spielverlagerung, aber einige bei Kontern vorstoßende Stürmer machen unter dem Strich nicht die gleiche Laufdistanz aus wie ein Team, das sich kompakt von einem Ende des Feldes zum anderen begibt.

Um es klar zu sagen: Zwischen zurückgelegter Distanz eines einzelnen Spielers und dem Erfolg des Teams gibt es keinen Zusammenhang. Von den Teams der zehn fleißigsten Läufern der Gruppenphase haben sich genau die Hälfte für das Achtelfinale qualifiziert.

Fünf von ihnen kamen aus Mannschaften, die in ihrer Gruppe auf dem letzten Platz landeten (Otelul Galati und Dortmund). Zwei kamen von Klubs auf den Spitzenpositionen, drei von zweitplatzierten Vereinen.

TOP-LÄUFER | Die fleißigsten Akteure der Gruppenphase
Spieler
Team
Distanz pro Spiel (km)*
Max Distanz (km)
Ioan Filip
Otelul Galati
13,353 13,866
Sven Bender Dortmund 13,047 13,574
Yoann Gourcuff Lyon 12,672 13,078
Shinji Kagawa Dortmund 12,636 12,605
Gabriel Giurgiu Otelul Galati 12,625 12,986
Raul Meireles Chelsea 12,615 13,118
Kevin Grosskreutz Dortmund 12,613 12,455
Viktor Fayzulin Zenit 12,593 13,302
Helio Pinto APOEL 12,584 13,433
Lars Bender Leverkusen 12,516 13,097
*Mit mindestens 270 gespielten Minuten

Serie-A-Teams: Erfolg mit geringem Ballbesitz und wenig Laufarbeit

DIE SERIE-A-TEAMS IN DER CL
INTER DURCHSCHNITT. BALLBESITZ: 48%
TOP-LÄUFER*: NAGATOMO (11.4)
MILAN DURCHSCHNITT. BALLBESITZ: 50%
TOP-LÄUFER: NOCERINO (11.4)
NAPOLI DURCHSCHNITT. BALLBESITZ: 43%
TOP-LÄUFER: INLER (11.6)
*(km/Spiel)
Aus keiner Liga kommen so viele für das Achtelfinale qualifizierte Vertreter wie aus der Serie A. Nachdem Udinese in den Play-Offs rausflog, zogen alle drei verbleibenden Mannschaften - Inter, Milan, und Napoli - in die nächste Runde ein.

Die drei italienischen Mannschaften sind der beste Beweis dafür, dass im Fußball einzig und allein die Tore zählen. Alle drei sind unter den Teams mit der kürzesten zurückgelegten Laufdistanz zu finden, und es ist nicht etwa so, als würden sie den Ball für sich laufen lassen: Einzig Milan hat durchschnittlich 50 Prozent Ballbesitz erreicht, die anderen liegen darunter.

Napoli hat es geschafft, mit einer tief stehenden Abwehr die Kräfte für schnelle Konter zu mobilisieren - besonders gegen Manchester City.

Inter hat sein Glück mehr als einmal herausgefordert, landete am Ende aber dennoch vor ZSKA Moskau an der Tabellenspitze. Die große Erfahrung war ein entscheidender Faktor für die Nerazzurri, die das Know-How und die nötige Finesse hatten, um den Gegner niederzuringen.

Wie die Statistik zeigt, hat Milan einen ausgeglichenen Ballbesitz, aber die Zahlen werden dadurch verfälscht, dass ein Drittel der Partien der „Rossoneri“ gegen die Ballbesitz-Könige Barcelona ausgetragen wurden. In den übrigen vier Spielen kontrollierte der amtierende italienische Meister das Tempo und agierte dabei eher geschwindigkeitsarm. Das funktionierte letztlich bestens, auch wenn die Gegner nicht gerade hochkarätig waren: Milan erspielte sich vor Viktoria Pilsen souverän den zweiten Platz.

Teams mit weniger Ballbesitz fast genauso erfolgreich

BALLBESITZ VS ERFOLG
ACHTELFINAL-TEAMS BALLBESITZ
BARCELONA
MARSEILLE
BAYERN MÜNCHEN
REAL MADRID
BASEL
ARSENAL
CHELSEA
ZENIT
LYON
MILAN
BENFICA
LEVERKUSEN
ZSKA MOSKAU
INTER
NAPOLI

APOEL
68%
56%
56%
55%
53%
51%
51%
50%
50%
50%
48%
48%
48%
48%
43%
42%
TOP FIVE (BALLBESITZ )
QUALIFIZIERT?
BARCELONA (68%)
VALENCIA (60%)
MAN UTD (59%)
MAN CITY (57%)
MARSEILLE (56%)

X
X
X

Ein weiterer Beweis dafür, dass man im Fußball über mehrere Wege zum Erfolg kommen kann, ist der Blick auf die Ballbesitz-Statistik der für das Achtelfinale qualifizierten Teams: Der Anteil an Mannschaften mit weniger als 50 Prozent ist fast genauso hoch wie derer mit über die Hälfte Ballbesitz.

In der Gruppenphase waren 15 Mannschaften im Durchschnitt über 50 Prozent der Zeit im Besitz des Objektes der Begierde, von denen sich sieben für die Runde der letzten 16 qualifiziert haben.

Auf der anderen Seite kamen 14 Klubs auf unter 50 Prozent, und fast genauso viele (sechs) zogen in die nächste Runde ein. Die drei verbleibenden Teams hatten einen ausgeglichenen Anteil an Ballbesitz, und alle kamen weiter.

Barcelona hat mit seinem geschmeidigen Passspiel den größten Anteil aller Mannschaften in der Gruppenphase und zog problemlos ins Achtelfinale ein. Die drei darunter liegenden Teams aber - Valencia, Manchester United und Manchester City - schieden aus.

Auf der anderen Seite der Skala kam Viktoria Pilsen auf lediglich 39 Prozent und schaffte es nicht, in die K.o.-Runde einzuziehen. Die Konterteams APOEL und Napoli aber, die auf 42 und 43 Prozent kamen, hatten nur geringfügig mehr Ballbesitz, erreichten aber das Achtelfinale.

So wird die fast schon philosophische Debatte um Ballbesitz vs. Konterspiel in die nächste Runde gehen. Vor zwei Jahren überließ Inter im Finale den Bayern größtenteils den Ball, gewann aber souverän. In der letzten Saison triumphierten die Pass-Könige von Barca gegen das schnelle Manchester United. Und in diesem Jahr? Wir werden es bald wissen, vor dem Achtelfinale jedenfalls hat sich keine der Ideologien als die einzig wahre erwiesen.

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