Dortmunds Kevin Großkreutz im Sturmwirbel

Er scheint sich für das EM-Jahr 2012 viel vorgenommen zu haben. Drei Tore und drei Vorlagen in den ersten beiden Rückrundenspielen sind Zeugnis einer beeindruckenden Frühform.

Von Henning Klefisch

Kevin Großkreutz erzielte das 1:0 für Borussia Dortmund gegen den Hamburger SV
Bongarts
Dortmund. Die Begeisterung für Borussia Dortmund wurde Kevin Großkreutz regelrecht in die Wiege gelegt. Seine Mutter und sein Vater lebten die Dortmund-Begeisterung vor. Vater Martin gehörte in den Achtziger Jahren sogar zum harten BVB-Fankern. Bruder Lenny mutierte durch Kevin höchstpersönlich zum eingefleischten Dortmund-Fan. Die Südtribüne wurde zu Kevins zweiten Wohnzimmer. Viele Ultras kennt er persönlich. Die Deutsche Meisterschaft 1995 verfolgte er als sechsjähriger Junge auf der Tribüne. Nun spielt er selbst für den Herzensverein der gesamten Familie - und das ziemlich gut.

Maskottchen des BVB

Die Deutsche Meisterschaft im vergangenen Jahr sollte nur der Anfang einer Erfolgsgeschichte werden, die er mit Dortmund schreiben möchte. Insgesamt kommt er seit seinem Wechsel 2009 vom LR Ahlen zu seinem Stammverein auf 84 Einsätze für Schwarz-Gelb bei insgesamt 19 Treffern und 16 Assists. Eine Bilanz, die in den beiden Spielen nach der Winterpause erheblich verbessert wurde, denn seine drei Tore und drei Vorlagen lassen ihn in der Publikumsgunst noch weiter nach oben schnellen. Es scheint, als befinde sich Kevin Großkreutz derzeit in der Form seines Lebens. Nebenbei entwickelt er sich zum Maskottchen seines Arbeitgebers. Alle 15 Bundesligaspiele, in denen er getroffen hat, gewann der BVB.

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Ein Rückschlag

Wer Kevin Großkreutz verstehen will, muss seine Vergangenheit kennen. Kämpfen musste er immer, ob in der Schule oder auf dem Fußballplatz. Er war kein Überflieger, musste sich alles hart erarbeiten. Nach Stationen bei kleinen Dortmunder Vorortvereinen landete er im Alter von sieben Jahren in der Jugendabteilung von Borussia Dortmund, die er aber mit 14 Jahren wieder verlassen musste. Das Urteil der Jugendtrainer war eindeutig: Zu schmächtig und technisch unausgereift.

LR Ahlen nahm den talentierten, zuweilen aber hektisch agierenden Offensivspieler mit Kusshand und machte ihn zu einem guten Zweitligaspieler. Beim kleinen westfälischen Verein entwickelte er sich zu einem variabel einsetzbaren Offensivakteur, der mit viel Temperament, Leidenschaft und Kampfkraft zum absoluten Publikumsliebling der spärlichen Zuschauerkulisse mutierte.

23 Tore in 95 Spielen für Ahlen sind ein Beleg für die unbestrittene Klasse des Ur-Borussen, der im Jahr 2009 auch die Bosse von Borussia Dortmund beeindruckte.

Die Identifikationsfigur

Seither spielt er regelmäßig für seinen Heimatverein. Auch wenn er nicht die Kabinettstückchen wie Mario Götze zeigt, nicht mit der Kopfballstärke eines Mats Hummels glänzt oder nicht die Ballsicherheit eines Sven Bender hat, so ist er doch aufgrund seiner Kampfkraft zum absoluten Liebling des anspruchsvollen BVB-Publikums aufgestiegen.



Großkreutz weiß, was der gemeine BVB-Fan von seinen Idolen erwartet, weil er selbst einer von ihnen ist. Die Mentalität des bedingungslosen Einsatzes ist hoch angesehen im ehemaligen Mekka des Bergbaus. Nicht umsonst ist er für die treue schwarz-gelbe Fangemeinde die Identifikationsfigur schlechthin.

Einer von den „Dortmunder Jungs“

Legendär sind die Großkreutz-Auftritte vor dem „Epizentrum der Emotionen“, der Südtribüne. Wie ein Animateur begeistert der 23-Jährige die 25.000 Fans auf der größten Stehtribüne der Welt. Sämtliche BVB-Fanlieder kennt er in- und auswendig. Mit jeder Faser seines Körpers fühlt er den BVB, saugt regelrecht die unbeschreibliche Atmosphäre auf. Man spürt, mit welchem Stolz in seinen Augen er die frenetische Masse als Vorsänger anführt. Auch wenn an ihm kein begnadeter Sänger verlorengegangen ist, so spüren die Fans: „Das ist einer von uns“. Da werden Fehler auf dem Platz auch mal leichter verziehen und der laufstarke Spieler wird traditionell mit dem Fanchoral „Wir sind alle Dortmunder Jungs“ gefeiert.

Auch sein Engagement für Pyrotechnik wird hoch angesehen in der Dortmunder Ultraszene. „Wenn es vernünftig gemacht wird und sicher ist, sieht es schön aus, dann ist es toll. Es darf nicht sein, dass Bengalos oder Böller auf den Platz fliegen, da hört der Spaß auf. Aber ansonsten sind Bengalos eine tolle Sache“, versucht der Offensivspieler des BVB in der Sport Bild einen Kompromiss zu finden.

Um seine Verbundenheit mit der Stadt auch visuell auszudrücken, hat er sich die Dortmunder  Skyline auf der rechten Wade eintätowieren lassen.

Seine Liebe zum BVB beschreibt er wie folgt: „Ich will hier nicht weg. Ich brauche das nicht zwangsläufig, nur weil ich jetzt etwas mehr Geld verdiene. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Wenn ich hier über die Straße gehe, kennt mich jeder. Und ich kenne jeden. Und wenn mich die Leute grüßen, dann, weil sie mich mögen. Nicht, weil ich jetzt ein Fußballprofi bin. Ich komme aus bescheidenen Verhältnissen. Mein Vater ist Disponent in einem Getränkehandel. Aber soll ich mich dafür schämen? Nein, ich bin stolz auf meine Herkunft. Und wenn ich hier mal weggehen würde, dann nur, weil ich bei einem anderen Verein spielen und deshalb umziehen müsste. Freiwillig würde ich Dortmund ohnehin nie verlassen“, sagte er bei Reviersport.

Beispiele gegen Hoffenheim

Seine Leidenschaft für den Verein versucht er auf dem Platz auszuleben, die sich beispielhaft am letzten Heimspiel gegen Hoffenheim zeigen lässt. Nach Dortmunds Ballgewinn läuft er vom eigenen zum gegnerischen Strafraum und entzieht sich der Bewachung durch seinen Gegenspieler. Die gefühlvolle Hereingabe von Kuba verwertet das „Laufwunder“ artistisch mit dem rechten Außenriss.



Eine weitere Szene vom 3:1 Sieg gegen Hoffenheim: Kagawa bedient im Strafraum den glänzend freigelaufenen Großkreutz, der mit der Hacke den kleinen Japaner wieder bedient. Der überwindet mit einem platzierten Schuss den gegnerischen Torwart Starke. Zwei typische Szenen, die den Spieler Großkreutz charakterisieren. Auch wenn ein fußballerischer Feingeist an ihm nicht verloren gegangen ist, so kombiniert er Kampfgeist mit einer unermüdlichen Laufstärke.

Großkreutz, der Ehrgeizige, der immer besser werden will:„Mein Ziel für diese Saison war es auch, mich persönlich zu verbessern und ich glaube, dass schaffe ich auch“, sagte er. Auf dem Spielfeld ergibt dies eine vortreffliche Mischung, die ihn bis ins DFB-Team gebracht hat. Auch seine Chancen in der deutschen Nationalmannschaft schätzt er realistisch ein: „Letztlich muss der Trainer entscheiden. Ich muss mich hier beweisen, mit der Mannschaft Erfolg haben und was dann passiert, wird man sehen“, so der Offensivallrounder, der alle Angriffspositionen spielen kann.

Legendäre Aussagen

Im Laufe der Jahre ist Kevin erwachsener geworden, versucht seine Emotionen nur noch auf dem Platz auszuleben. Legendär seine Aussagen in der Sport Bild, als er provokant anmerkte, dass sein „Kind ins Heim kommt, wenn es Schalkefan werden würde.“ Ebenso die Aussage „ich hasse Schalke wie die Pest“, die ihn zu einem neuen Hassobjekt des Dortmunder Erzivalen werden ließen.

Früher als Lautsprecher kritisiert, macht der „Gescholtene“ jetzt in Bezug auf die Meisterschaft auf Understatement: „Wir denken nur von Spiel zu Spiel. Bayern ist Favorit und bleibt Favorit. Sie sind auch nicht umsonst an der Tabellenspitze.“ Im Gespräch mit den Medien treten Parallelen zu seinem Fußball auf: Direkt, geradeaus, ehrlich. Großkreutz will mit seinen rhetorischen Fähigkeiten keinen Grimme-Preis gewinnen. Das hat er auch gar nicht nötig. Er weiß seine Fähigkeiten glänzend einzusetzen und ist ein Beispiel dafür, was mit Ehrgeiz und Einsatz zu erreichen ist. Denn von einem ist er felsenfest überzeugt: Er war, ist und bleibt immer ein „Dortmunder Jung“, der seinen Kindheitstraum leben darf.

Eure Meinung: Schafft Kevin Großkreutz noch den Sprung auf den EM-Zug?


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