Wie Pep Guardiola 2008 beim FC Barcelona Jose Mourinho ausstach

Am Mittwochabend stehen sich Pep Guardiola und Jose Mourinho wieder mit ihren Mannschaften gegenüber. Es ist längst nicht das erste und wichtigste Duell der beiden Startrainer...

Von Ben Hayward

FIFA Ballon d'Or Gala 2011: Pep Guardiola
Getty
Barcelona. Der Sommer des Jahres 2008 war für den FC Barcelona eine Zeit der (Neu-) Besinnung, eine Zeit für gründliches Nachdenken. Im Jahr 2006 hatten die Katalanen zum zweiten Mal in Folge die spanische Meisterschaft gewonnen und nach 1992 auch wieder die Champions League geholt. Vieles deutete auf eine neue Ära hin. „Kann diese Mannschaft Geschichte schreiben“, wurden die Spieler ständig gefragt. „Ja, wir können“, lautete stets die Antwort. Doch sie konnten nicht.

Zwei Jahre später hatte Barcelona erlebt, wie der Erzrivale Real Madrid in doppelter Ausführung die Primera Division gewann. Barca selbst landete in jenem Jahr gar nur auf dem dritten Platz und auch in Europa wurde das Starensemble seinen Ansprüchen nicht gerecht. Die Spieler waren Opfer des Hypes geworden und es musste etwas unternommen werden.

Präsident Joan Laporta stand in der Kritik: Mit seinem extravaganten und ausschweifenden Lebenswandel sei er den Spielern nicht immer das beste Vorbild gewesen und so habe Barca die Disziplin und damit den weltbesten Spieler - damals Ronaldinho und nicht Lionel Messi - verloren.

Bars in Castelldefels waren zum zweiten Zuhause des ehemaligen Weltfußballers geworden und sein Hang zu Parties, die die ganze Nacht andauerten lieferte den Stoff für ständig neue Schlagzeilen. Kurzum: Der Lebensstil passte einfach nicht mehr zu einem der größten Athleten auf diesem Planeten.

Doch war Ronaldinho das 2008 überhaupt noch? Eigentlich nicht. Er war überbezhalt, übergewichtig und seine Leistungen allenfalls durchschnittlich. Der Abstieg von „Ronnie“ war auch der Abstieg Barcas. Deco und Youngster Giovani dos Santos waren ebenfalls von der Rolle und das Verhältnis des Brasilianers zu Samuel Eto'o war zerrüttet. Barca war von der Spitze gestürzt und Frank Rijkaaard hatte die Kontrolle über seine Umkleide verloren.

Rijkaard war bei Spielern und Journalisten extrem beliebt, galt am Ende jedoch als zu weich, um die großen Egos im „Camp Nou“ zu dirigieren. Zuvor hatte seine „guter Cop, böser Cop“-Masche mit Henk ten Cate prima funktioniert. Seit 2003 hatten die beiden zusammen gearbeitet und es war kein Zufall, dass Barcas Dominanz endete, als ten Cate sich 2006 zu Ajax Amsterdam verabschiedete.


Entscheidungen, Entscheidungen ... | Barca wählte 2008 Guardiola statt Mourinho

Laporta wusste, dass Veränderungen eingeleitet werden mussten. Der Präsident selbst wäre dem Tief der Mannschaft um ein Haar zum Opfer gefallen. Mehr als die Hälfte der Anteilseigner wollte ihn aus dem Amt jagen und es fehlte nicht viel zu den 66 Prozent der Stimmen, die dazu nötig gewesen wären.

Schweren Herzens verkündete Laporta also auf dem Tiefpunkt seines Ansehens im Mai, dass sein enger Freund Frank Rijkaard den Verein verlassen werde. Kontrolle und Disziplin sollten wiederhergestellt werden. Viele Zeichen deuteten damals auf eine Verpflichtung Jose Mourinhos hin.

Der Portugiese war bei Barca als Assistent von Bobby Robson und später Louis van Gaal sehr beliebt. Er verscherzte es sich allerdings später mit Barcelonas Anhang, als er sich in Diensten des FC Chelsea heiße Begegnungen und Wortgefechte mit seinem ehemaligen Arbeitgeber lieferte. Dennoch: Er kannte den Klub, er war für seine Disziplin bekannt und er hatte bewiesen, dass er Erfolge liefern konnte. Zu Beginn der Saison 2007/08 hatte er in London seinen Hut nehmen müssen und er wollte den Job.

Einige Jahre zuvor war Mourinho noch wenig begeistert gewesen, als er nach dem Abschied Louis van Gaals im Jahr 2000 bei der Suche nach einem Nachfolger übergangen wurde. Eines Tages würde er zurückkehren, das war sein Ansinnen. Also sollte Berater Jorge Mendes 2008 Verhandlungen mit Barcelona einstielen. Die Katalanen, die fieberhaft nach einem neuen Trainer suchten, stimmten zu.

Laporta wollte das Treffen mit Mourinho im Beisein von Klublegende Johan Cruyff stattfinden lassen. Schließlich war der damals sein wichtigster Berater. Mourinho war davon allerdings wenig angetan. Ihm war Cruyffs Persönlichkeit nicht geheuer, zudem hatte der Niederländer in seiner Zeitungskolumne den Spielstil des Ex-Porto-Trainers kritisiert. Also stellte Mourinho Cruyffs Rolle in Frage und meinte: „Warum soll er dabei sein?“ Laporta entgegnete: „Warum sollte er nicht dabei sein?“

Diese Entscheidung (Mourinho zu verpflichten) hätte so viele Dinge verändert. Guardiola war die richtige Wahl für Barcelona. Wie Rijkaard könnte er diesem Klub niemals Schaden zufügen.“

- Johan Cruyff

Es begann also wenig vielversprechend und Barca schickte anschließend Vize-Präsident Marc Ingla nach Lissabon, um mit Mourinho zu sprechen. Der Portugiese hatte eine 27-seitige PowerPoint-Präsentation vorbereitet und erläuterte darin, wie er das traditionelle 4-3-3-System des Vereins revolutionieren wolle. So, wie er es zuvor bei Chelsea und später auch bei Inter tat. Außerdem nahm er zum damaligen Kader Barcelonas Stellung.

Mourinho wollte Deco behalten. Einen Spieler, den er bereits in Porto unter seinen Fittichen hatte. Auch Samuel Eto'o sollte bleiben. Von Ronaldinhos Qualitäten war er dagegen nicht mehr gänzlich überzeugt. Dem Brasilianer widmete Mourinho ein eigenes kapitel in seiner Präsentation und es trug den Titel „Problem oder Lösung?“ Er war der Ansicht, dass es einer genaueren Analyse bedurft hätte, um zu sehen, ob der Spieler wieder zur grandiosen Form finden könne, die ihn zwei Jahre zuvor ausgezeichnet hatte.

Ingla berichtete später, Mourinho habe außerdem erklärt, seinen eigenen Trainerstab mitbringen zu wollen. Dazu zählten Fitnesstrainer Rui Faria, der nun in Madrid mit ihm arbeitet und Scout Andre Villas-Boas, der aktuellen Chelsea-Coach. Einen Assistenten wollte Mourinho aus den Barca-Reihen haben. Dies ist bei ihm Usus: Bei Chelsea entschied er sich für Steve Clarke, in Mailand wurde Beppe Baresi sein Co-Trainer und bei Real ist es derzeit Aitor Karanka. Seine Optionen in Barcelona wären vier Ex-Profis gewesen, mit denen er bereits gearbeitet hatte: Luis Enrique, Albert Ferrer, Sergi Barjuan und Pep Guardiola.

Damals hatte Guardiola gerade eine erfolgreiche Saison als Trainer von Barcelonas zweiter Mannschaft hinter sich. Das Jugendteam hatte er in beeindruckender Manier zum Aufstieg in die Segunda Division B geführt. Er galt als Barca-Boss der Zukunft, aber mit seinen 37 Jahren war er noch verdammt jung.

Doch Guardiola hatte die Unterstützung der Schlüsselfiguren im „Camp Nou“. Mourinho hatte dies hingegen nicht. Weil er Cruyff nicht treffen wollte, hatte er bei Laporta einen schweren Stand und zudem sammelte er Minuspunkte, als er erklärte, er werde seine provokative Art nicht ablegen. Bereits van Gaal war für Barcelona in Punkto öffentliche Wahrnehmung ein Desaster gewesen, das sollte sich mit Mourinho nicht wiederholen. Zudem gab es Zweifel an Mourinhos Philosophie, auch wenn dieser von einem offensiv-orientierten Barcelona geschwärmt hatte.

Jeder riet mir, Mourinho zu verpflichten, doch ich holte Guardiola. Ich hielt ihn für den Richtigen für diesen Job. Mourinho ist ein toller Trainer, doch das sahen wir auch in Pep. Und er hat unsere Erwartungen übetroffen.

- Joan Laporta, Ex-Barca-Präsident

Mourinho beendete seine Präsentation mit den Worten: „Ich weiß, wie Barcelona tickt.“ Er hoffte, dass sein früheres Engagement im „Camp Nou“ den Ausschlag zu seinen Gunsten gäbe. Doch er trat gegen einen Mann an, der beinahe sein ganzes Leben lang Barca gelebt und getamet hatte: Guardiola.

Pep war jung und frisch, er kannte den Verein besser als nahezu jeder andere. Er durchlief die Nachwuchsabteilungen und war später Kapitän der Profis. Er galt als Symbol Kataloniens und Barcas. Der technische Direktor Txiki Begiristain und Cruyff und schließlich Guardiola selbst erklärten ihn für „bereit“.

Barcelonas Führungsetage war in zwei Lager geteilt. Die einen wollten Guardiola unbedingt, die anderen zweifelten an dessen Reife. Laporta setzte sich schließlich mit der Unterstützung Begiristains durch. Auch wenn der ehemalige Präsident es heute kaum zugäbe: Er liebäugelte lange Zeit mit der Verpflichtung Mourinhos, ließ sich schließlich aber von seinen Vertrauten überzeugen.

„Ich sprach mit Cruyff, der in vielen Bereichen für mich eine Referenz ist“, erklärte Laporta. „Er sagte mir, dass Pep bereit sei. Mein technischer Berater erklärte mir dasselbe. Also teilte ich dem Vorstand meinen Entschluss mit und es folgte eine Debatte. Am Ende trafen wir mit großer Mehrheit eine Entscheidung. Es war ein Risiko, denn Barcelona musste in dem Moment reagieren.“

Der Verein reagierte in der Tat. Und hat seitdem nicht mehr zurückgeblickt.



 
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