„Ihr Kollektiv kann den Goliath zerstören“ - Psychologische Schranken von Real Madrid im Duell mit Barcelona

Rhonda Cohen, eine der weltweit führenden Sportpsychologinnen, erklärt als Expertin, wieso Ihrer Meinung nach Real Madrid immer wieder an Barcelona scheitert.

Von Paul Macdonald

Clasico : Real Madrid - Barcelona : Coentrao, Iniesta, Di Maria
Clasico : Real Madrid - Barcelona : Coentrao, Iniesta, Di Maria
Madrid. 10. Dezember, Santiago Bernabeu. Der erste Liga-Clasico der Saison. Real Madrid, Tabellenführer der Primera Division und mit der Chance ausgestattet, auf sechs Punkte davonzuziehen, hatte alle Vorteile auf seiner Seite. Die letztjährige Unterlegenheit gegen den Erzrivalen sollte endlich ausgebügelt werden. Viele Experten hielten die Madrid, eine Mannschaft im Aufbruch für stark genug, im spanischen Fußball für eine neue Hackordnung zu sorgen.

Nach nur dreizehn Sekunden sah es so aus, als sollten alle, die an die Wachablösung glaubten, Recht behalten. Karim Benzema versenkte den Ball im Netz, legte den Grundstein für einen Sieg, der das Pendel in Richtung der spanischen Hauptstadt hätte ausschlagen lassen, nachdem es über drei Jahre lang an der Ostküste war.

Wir allen wissen natürlich, dass das Schicksal einen anderen Weg gewählt hat. Trotz des starken Auftakts und der Tatsache, dass man zu Hause nun alle Trümpfe in der Hand hielt, konnte Madrid der aufkommenden Dominanz des katalanischen Wunderteams nicht standhalten. Pep Guardiola gewann seinen achten Clasico im zwölften Spiel. Verloren hat er nur ein einziges Mal.

Auf hohem Niveau werden Spiele durch Kleinigkeiten gewonnen oder verloren. Doch an diesem Tag schien es eher so, als sei der Grund für Madrids Niederlage eher ein psychologisches Aufgeben gewesen und keine Frage von Taktik oder Kraft. Haben die Madrilenen einen Komplex entwickelt, wenn sie auf den amtierenden Champions-League-Sieger treffen, der ihre Fähigkeit Barcelona zu schlagen erheblich beeinträchtigt? Haben sich die vielen Niederlagen in den Köpfen der Spieler verankert?

GUARDIOLAS CLASICO-STATISTIK ALS BARCA-COACH
SPIELE
SIEGE
REMIS
NIEDERLAGEN
12
8
3
1
Am Mittwoch treffen beide im Viertelfinal-Hinspiel der Copa del Rey im Bernabeu erneut aufeinander. Rhonda Cohen, führende Sportpsychologin des London Sport Institute an der Middlesex Universität, glaubt, dass die Madrilenen geistig an einem Punkt angelangt sind, wo sie an die Möglichkeit, Barca schlagen zu können, nicht mehr ernsthaft glauben.

Cohen erklärt: „Es ist wirklich schwer mit Gegnern, auf die man regelmäßig trifft, da das Gehirn ein Muster erzeugt, dass man nur schwer brechen kann. Es ist wie eine erlernte Hilflosigkeit. Man denkt, man kann nicht gewinnen und das zieht einen nach unten.“

Nach dem Benzema-Knaller nutzte Real nicht diesen Moment für sich aus, sondern ließ die Katalanen immer stärker werden, bis diese schließlich voll im Spiel waren. Nach Xavis abgefälschtem Schuss schienen die Madrilenen jegliches Selbstvertrauen verloren zu haben. Barca hatte im Moment dieser Wende den Platz, die Bank und die Ränge inne und Cohen glaubt, dass nur eine Harmonie aus allem dazu führen kann, dass Madrid diesen Trend umkehren könnte.

„Das Beste, was sie tun können, ist, sich ihre Gegner anders vorzustellen. Sie müssen als Konkurrenten gesehen werden, die fehlbar sind, man muss sie sich in einer Art und Weise vorstellen, die wegführt von der katalanischen Überlegenheit. Die Spieler müssen als Einheit so denken und zusammenarbeiten. Ein solches Kollektiv kann den Goliath zerstören."


Vs 
MOURINHO & GUARDIOLA


Rhonda Cohen, Sportpsychologin:

„Wenn andere dich mental besiegen, dann knockt das dein Selbstvertrauen an und man beginnt, Dinge zu überdenken. Man glaubt nicht mehr an seinen Sieg und das hält einen unten. Es ist immer schwerer, nicht an etwas zu denken. Man muss überzeugt sein und dann vorwärtsgehen.“


Und was ist mit Jose Mourinho, dem Meister der Medien-Manipulation? Der Selbstbewussteste aller Trainer, hat seine Ziele in den vergangenen zwölf Monaten gegen Barcelona nicht erreicht, schnitt unterdurchschnittlich schlecht ab. Während der Clasico-Serie am Ende der vergangenen Saison, konnte der Portugiese seiner Mannschaft nicht die maximale Stabilität verleihen und trieb den sonst unerschütterlichen Guardiola dazu, auf Mourinhos Sprüche mit einem Kraftausdruck zu reagieren.

Die Worte Guardiolas, der Mourinho als den „Fucking Boss“ der Presseräume bezeichnete, beeindruckten „The Special One“ und seit der Auseinandersetzung mit Tito Vilanova bei der spanischen Supercopa im August ist Mourinho mehr philosopisch, denn angriffslustig geworden.

Alles im Kopf | Cesc und Barca heben eine mentale Blockade im Real-Team verursacht

Die Copa del Rey steht bevor und trotz der Tatsache, dass Madrid in der Liga vorne ist und in allen Wettbewerben fleißig Siege einfährt, scheint Mourinhos Glaube daran, dass sein Team Barcelona schlagen kann, gelitten zu haben. Während des Clasicos im Dezember schaffte er es nicht taktisch zu reagieren, während Guardiola sein Team nach der Anfangsphase umstellte, Dani Alves in eine vorgezogene Position schob, Busquets tiefer stellte und Fabregas mehr Freiraum nach vorne einräumte.

Trotz möglicher Auswechslungen, konnte Mourinho darauf nicht reagieren und sein Team zahlte die Strafe. Die Kombination aus Barcelonas erneutem Erfolg und Guardiolas siegreichen Umstellungen während des Spiels haben Mouinhos Qualitäten erschüttert. Laut Cohen könnte eine Über-Analyse von dem, was davor kam, zu einem kontraproduktiven Faktor werden. Sie ergänzt: „Wenn andere dich mental besiegen, wie in diesem Fall, knockt das dein Selbstvertrauen an und führt dazu, Dinge zu überdenken. Es ist immer schwerer, nicht an etwas zu denken. Mourinho muss in der Gegenwart bleiben, daran denken Selbstvertrauen zu haben und dann vorwärts gehen."

vs 
RONALDO GEGEN MESSI:
CLASICO-STATISTIK SEIT 2009



Spiele
10  10
Tore 3 7

Weiterhin ist Cristiano Ronaldo ein Fall, den Real Madrid lösen muss. Während er gegen die mittleren und schwachen Teams der Primera Division eine unfassbare Wirkung erzielt, geht er gegen Lionel Messi und seine Mitstreiter regelmäßig unter. Ronaldo ist ähnlich prahlerisch, wie sein Trainer, wurde aber in den vergangenen Wochen durch eine plötzliche Anfälligkeit durch harte Kritik abgelenkt, was zu zwei eklatanten Fehlschüssen im Dezember-Spiel führte.

In der ersten Halbzeit ging sein Schuss weit über das Tor und später vergab er einen einfachen Kopfball ebenso. Dies waren Chancen, mit denen der frühere Manchester-Star seine Kritiker zum Schweigen hätte bringen können. Doch gegen die Katalanen ist er immer wieder im Schatten von Messi, der auf der anderen Seite entscheidende Dinge tut. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Spanien hat man sich im Bernabeu negativ über ihn geäußert und wenn selbst der große Di Stefano ihn kritisiert, ist es verständlich, dass sich eine geistige Blockade gegen Barca gebildet hat.

Cohen glaubt, dass dieses Problem ein Teufelskreis ist. Die verzweifelten Versuche, sich gegen den Weltbesten durchzusetzen werden immer kontraproduktiver. „Ronaldo muss an die vielen Momente denken, als die Fans ihn angefeuert haben. Daran muss er auch weiter glauben und nicht daran, was passiert, wenn sich eventuell alle abwenden. Wir schwimmen alle mal stromabwärts. Man muss in der Gegenwart sein, jeder Ball, jeder Freistoß, jeder Pass. Man muss das Moment erleben und dieses für sich entscheiden."

Madrids Sehnsucht, Barcelona krampfhaft zu überflügeln und eine ähnliche Herrschaft auszubauen, hat tiefverwurzelte mentale Barrieren erschaffen, welche gebrochen werden müssen. Der größere Gegner ist inzwischen nicht mehr der FC Barcelona, sondern die Angst vor der eigenen Courage. Madrid führt einen Kampf gegen sich selbst.

Eure Meinung: Glaubt Ihr, dass die Real-Spieler inzwischen einen Barca-Komplex haben?

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