„Fußball muss bezahlbar sein“

„Fußball muss bezahlbar sein“ – dem sollte eigentlich jeder zustimmen, dem unser Sport am Herzen liegt. Dennoch steigen die Eintrittspreise. Wird das auf Dauer gut gehen?

Von Tobias Voß

Fans von Dynamo Dresden
Bongarts

Hamburg. Vor der Partie zwischen dem Hamburger SV und dem deutschen Meister aus Dortmund kam es in der Hamburger Innenstadt zu einer gemeinsamen Kundgebung beider Fanlager. Rund 1000 Fußballfans von beiden Vereinen demonstrierten am 09. April 2011 für faire Eintrittspreise und trafen hierbei auch auf viel Verständnis aus der Bevölkerung. Im Zuge dieser Demonstration bot der Hamburger SV den Initiatoren der Kampagne „Kein Zwanni für’n Steher“ Gespräche über die zukünftige Preisgestaltung für Gästefans an.

Im Januar wird es in Hamburg nun aber erneut einen Boykott der BVB-Anhänger geben. Trotz der Gespräche im vergangenen Sommer verlangt der Hamburger SV weiterhin Eintrittspreise, die die Fans vom BVB nicht zu zahlen bereit sind.

Rückblick: „Kein Zwanni für’n Steher!“

Für mediales Aufsehen sorgte das Thema Eintrittspreise zum ersten Mal rund um das Revierderby zwischen dem FC Schalke und Borussia Dortmund am 19. September 2010. Mit Start des Vorverkaufs der Gästekarten sahen sich die Anhänger des BVB erstmals mit Eintrittspreise von über 20 Euro für die billigste Kategorie – den Gästestehplatz – konfrontiert. Für viele war mit diesem Betrag eine Grenze endgültig überschritten worden. Die Aktion „Kein Zwanni für’n Steher!“ war geboren. Die Initiatoren riefen zum Boykott des Derbys auf. Erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit war der Gästeblock beim Revierderby nicht ausverkauft – für die Initiative „Kein Zwanni“ ein Achtungserfolg, der nicht nur von deutschen Medien aufgegriffen wurde.

Auch die Fans des FSV Mainz 05 setzen in der vergangenen Saison ein Zeichen. Die Mainzer traten am 33. Spieltag der Saison 2010/2011 ebenfalls beim FC Schalke an – und mussten ebenfalls auf ihre treusten Fans verzichten. Aufgrund der hohen Eintrittspreise hatte sich auch die aktive Fanszene des FSV Mainz 05 dazu entschlossen, dem Auswärtsspiel in Gelsenkirchen fern zu bleiben.

Fans streiken

In der dritten Bundesliga wurde in der vergangenen Saison ebenfalls eine Partie von den Gästefans „bestreikt“. Die Anhänger von Dynamo Dresden sahen sich aufgrund überhöhter Preise für Auswärtsfans genötigt, dem Derby ihrer Mannschaft in Erfurt fernzubleiben.

Vierter im Bunde wurde im Sommer dieses Jahres der SV Werder Bremen. Die Hanseaten reisten anlässlich der ersten Runde des DFB-Pokals ins beschauliche Heidenheim. Der Drittligist erhoffte sich offenbar das Geschäft seines Lebens und verlangte über 20 Euro für eine Stehplatzkarte im Gästebereich – eine Unverschämtheit, befanden die Bremer und verzichteten auf die Fahrt nach Heidenheim.

Auch die Fans des BVB riefen im Sommer eine zweite Boykottaktion ins Leben, nachdem die Rechnungen für die Eintrittskarten in Sandhausen eingetrudelt waren. Satte 18 Euro für einen Steh- und sogar 49 Euro für einen Sitzplatz sollte das Spiel der ersten Pokalrunde beim SV Sandhausen kosten. Erst nachdem der SV Sandhausen die Preise – zumindest für die Stehplatzkarten – senkte, entschlossen sich die Anhänger des BVB ihren Boykott abzusagen.

Das Problem: Topspielzuschläge

Das Hauptproblem bei der Preisgestaltung vieler Fußballvereine ist dabei nicht einmal das allgemeine Preisniveau. Dafür, dass die Mehrzahl der Vereine ihre Eintrittspreise inflationsbedingt anhebt, kann man sicherlich in gewissem Maße noch Verständnis aufbringen. Dass man den eigenen Fans für Heimspiele in der Champions League beziehungsweise der Europa League den ein oder anderen Euro mehr abverlangt, ist in einem akzeptablen Rahmen auch annehmbar. Das eigentliche Problem sind vieler Ort jedoch die „Topspielzuschläge“.

So kategorisieren  viele Vereine ihre Heimspiele (beispielsweise) in die Kategorien A, B, C und D. Ein Spiel der niedrigen Kategorie D, oft Partien gegen Aufsteiger oder unattraktive Gegner wie die TSG Hoffenheim, ist oftmals viel günstiger als ein „Spitzenspiel“ der Kategorie A. Besonders zu spüren bekommen diese Topspielzuschläge ausgerechnet diejenigen, die sowieso schon viel Geld und Zeit in den Fußball investieren: die Anhänger nämlich, die ihrem Verein zu jedem Spiel folgen. So sehen sich die Auswärtsfahrer des FC Bayern München zum Beispiel in vielen Stadien der Republik mit Zuschlägen von 10 oder 20 % auf den normalen Eintrittspreis konfrontiert.

Haben Fußballvereine nicht auch eine soziale Verantwortung?

Selbstverständlich ist die allgemeine Nachfrage bei Gastauftritten des Rekordmeisters höher. Jeder „Gelegenheits-Stadiongänger“, der es nur ein bis zwei mal im Jahr ins Stadion schafft, guckt sich viel lieber ein Spiel seines Teams gegen den FC Bayern an, als Partien gegen den VfL Wolfsburg oder den FC Augsburg. Dementsprechend ist eine Preiserhöhung aus ökonomischer Sicht durchaus sinnvoll. Aber es gibt einen Punkt, an dem auch diese Stadionbesucher lieber zweimal überlegen werden, ob ihnen der Besuch eines Fußballspiels wirklich 30, 40, 50 oder sogar noch mehr Euro wert ist. Und noch schlimmer: Die treusten Fans, die bei jedem Auswärtsspiel dabei sein wollen, werden durch diese Preispolitik noch viel eher gezwungen, auf Spiele ihres Vereins zu verzichten.

Also: Haben Fußballvereine nicht auch eine soziale Verantwortung? Liegt es nicht auch im Interesse der Vereine, dass junge Menschen und Geringverdiener sich den Stadionbesuch noch leisten können? Man muss bloß nach England schauen, um zu sehen, welche Auswirkungen eine solche Preisgestaltung hat. Dort wird bald vielerorts eine ganze Fangeneration fehlen, da sich vor allem Jugendliche einen Stadionbesuch nicht mehr leisten können. Man schmückt sich doch so gerne mit der „tollen Atmosphäre“, die im Stadion herrscht und auch oftmals von den Gästestehplätzen ausgeht. Wenn die Preisschraube sich immer weiter dreht – drohen uns dann bald die vielzitierten „englischen Verhältnisse“? Ebendiese wird ein zweiter Artikel zur Reihe „Fußball muss bezahlbar sein“ genauer beleuchten.

Eure Meinung: Mehr als 20 Euro für die billigste Eintrittskarte – Was haltet ihr von der Preisentwicklung in deutschen Stadien? Wie lange kann das noch gut gehen?

 

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