Türkei: Tot ziens, meneer Hiddink! Güle güle, Guus.

Hiddink ist Geschichte - wer und was ist die Zukunft? Die neuen Ziele des TFF müssen lauten: Qualifikation zur WM 2014! Wird die Türkei den notwendigen Umbruch im System schaffen?

Von Christian Ehrhardt

Abdullah Avci (İstanbul Buyuksehir Belediyespor) (ibbspor.com)
Istanbul. Für die Fußballwelt kommt es kaum überraschend, dass bereits kurz nach dem Rückspiel in Kroatien quasi von Guus Hiddink selbst verkündet wurde, er würde mit großer Wahrscheinlichkeit per sofort nicht mehr der Verantwortliche für das türkische Nationalteam sein. Über die Seite des TFF wurde dann auch offiziell verkündet, dass man sich bei Guus Hiddink bedankt und sich die Wege im gegenseitigen Einvernehmen trennen werden. Zu groß waren letztlich die Erwartungen und Hoffnungen, zu tief sitzt die Enttäuschung bei den Funktionären wie auch den Fans darüber, nach der grandiosen EM 2008 bei der kommenden EM 2012 nur als Zuschauer mitwirken zu dürfen. Doch was nimmt man als Erkenntnisse der verpassten Qualifikation mit und wer wird auf Hiddink folgen? Wird es endlich längst notwendige und überfällige Reformen sowie grundlegende Veränderungen geben?

Nicht nur der Endpunkt für Hiddink

In Zukunft wird der TFF, so jedenfalls lassen sich die entsprechenden Meldungen aus den internen Kreisen des Verbandes deuten, nicht nur nicht mehr mit Hiddink, seinem Co-Trainer Cetin und dem Betreuerstab planen, sondern es wird wohl auch Spieler treffen - Torhüter Volkan Demirel zum Beispiel. Er soll in der Zukunft keine Berücksichtigung mehr finden. Ob das mit den Streitigkeiten zwischen Volkan und den Fans während des Kroatienspiels zusammenhängt, bleibt derzeit noch offen.

„Ay-Yildizlilar“ per sofort ohne Vier?

Als weitere Spieler, die von zukünftigen Nichtberücksichtigungen durch den Verband betroffen sein sollen, werden Servet Cetin und Gökhan Zan genannt. Ob Emre seine Ankündigung vor dem Kroatien-Spiel wahrmachen wird - er sprach davon, in der Zukunft nicht mehr für die Nationalelf zur Verfügung zu stehen -, muss man abwarten. Wie man ebenso abwarten sollte, ob denn Volkan, Servet und Zan tatsächlich nie wieder ins Team berufen werden. Emotionale Worte sind nun einmal schnell gesprochen – vor allen Dingen im türkischen Fußball und seinem Umfeld.

Deutliche Leistungssteigerung im Rückspiel gegen Kroatien lässt hoffen

Mit Sinan Bolat, Keeper von Standard Lüttich, scheint eine elementar wichtige Baustelle im türkischen Team geschlossen zu sein: Die Frage nach dem richtigen Torhüter. Aber nicht nur, dass Bolat gegen Kroatien streckenweise eine Weltklasseleistung bot, nein. Er konnte auch seine Sicherheit auf die Vorderleute übertragen und zeichnete so mitverantwortlich dafür, dass die türkische Hintermannschaft um Klassen sattelfester wirkte, als dies noch im Hinspiel der Fall war.

Saubere Defensivarbeit in Zagreb lässt hoffen

Auch der Defensivbereich im türkischen Mittelfeld zeigte über weite Phasen eine ansprechende Leistung. Das Sorgenkind im internationalen Vergleich war die Kreativabteilung und die Vollstreckungsstelle – da fehlt es derzeit einfach. Doch auch hinsichtlich der Kreaitvität zeigt sich für die Zukunft ein Silberstreif am Horizont. Eigentlich sogar zwei: Mehmet Ekici und Nuri Sahin.

WM 2014 – Ein Muss mit türkischem Coach!

Egal, ob der neue Mann am Ruder Abdullah Avci (in diversen - eigentlich allen - türkischen Medien wird er aktuell mit einer 99-prozentigen Wahrscheinlichkeit als Hiddink-Nachfolger gehandelt), Senol Günes, Ertugrul Saglam oder Tolunay Kafkas heißen wird – an Berti Vogts mag gerne glauben wer will – er wird auf Spieler wie Nuri Sahin (Real Madrid), Mehmet Ekici  (Werder Bremen), Ömer Toprak (Bayer Leverkusen), Mehmet Topal (FC Valencia) und Gökhan Töre (Hamburger SV) bauen können, welche in der Lage sein werden, einem neuen „Milli Takim“ ihren Stempel aufzudrücken.

Bringt der Mix aus jungen Legionären und einheimischen Spielern den notwendigen Wandel?

Dazu kommen Sinan Bolat, Kazim-Kazim, Egemen Korkmaz, Ismail, Umut, Hamit, Halil, Mustafa Pektemek wie auch Caner in Normalform und schon sieht die türkische Zukunft nicht mehr so düster aus. Findet sich im reichhaltigen Spielerangebot auf dem nationalen oder internationalen Markt noch ein Spieler mit türkischen Wurzeln, der echte Knipserqualitäten aufweist, ist das Überstehen der WM-Qualifikation eine absolute Pflicht.

Der Verband ist gefordert Reformen durchzuführen

Jugendarbeit, Jugendarbeit, Jugendarbeit – und zielgerichtetes Scouting ohne Cliquenwirtschaft. So muss die TFF-Devise der Zukunft lauten. Hierbei sollte man auch nicht zu stolz sein, Rücksprache mit dem DFB zu halten und sich ggf. an einen runden Tisch setzen. In Deutschland wachsen viele, viele Talente heran, die auf türkische Wurzeln schauen können. Die deutsche Elf ist in der glücklichen Lage, gar nicht so viele Talente verarbeiten zu können, wie sich derzeit in den Unterbaumannschaften tummeln.

Zusammenarbeit zwischen TFF und DFB ein Muss

Wieso sollte dieses Fußball-Potenzial international ungenutzt verkümmern oder nur auf Vereinsebene den internationalen Vergleich suchen dürfen? In Absprache mit dem DFB sollte die Türkei schauen, dass diese Talente genutzt werden und sie ihre faire Chance erhalten - im DFB-Dress oder im Trikot der türkischen Elf. Und der türkische Verband sollte hinsichtlich dieser jungen Spieler seine Taktik ändern: Weniger versprechen, dafür mehr halten.

Neustart jetzt!

In jedem Ende steckt bekanntlich auch ein neuer Anfang. Eine Fußball-Nation wie die Türkei muss einfach den Anspruch haben, im Weltfußball eine gewichtige Rolle zu spielen. Es darf nicht sein, dass ein so dermaßen fußballverrücktes Umfeld bei nahezu jeder Qualifikationsrunde zittern und beben muss, ob sich das eigene Team für die Endrunde qualifiziert. Nicht das Überstehen der Qualifikation muss das Ziel sein, auf welches man konzentriert hinarbeitet, sondern das Erreichen vom Achtel- oder Viertelfinale bei internationalen Turnieren muss anvisiert werden.

Aufgabenstellung: Spielerpotentiale im Ausland gezielt nutzen

Das entsprechende Spielerpotential mit türkischen Wurzeln ist definitiv vorhanden – in der Türkei, in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz, in Holland oder in Belgien. Man muss es nur sichten und fördern. Diese Aufgabe muss oberste Priorität im TFF haben, damit es irgendwann wieder heißt: En büyük Türkiye!

Eure Meinung: Sollen sich der TFF und der DFB an einen Tisch setzen und eine einvernehmliche Lösung für türkische Talente aus Deutschland suchen?

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