Der historische Kuss: Mario Balotelli feiert Durchbruch in der „Squadra Azzurra“

Die Auswirkungen der Ausfälle von Cassano und Rossi sind nicht abzusehen, doch Balotelli lässt die Italiener hoffen und feiert weiter seinen langersehnten Durchbruch.

Von Rafael Corradino

Andrea Pirlo, Mario Balotelli, Giampaolo Pazzini - Poland-Italy (Getty Images)
Getty Images

Rom. Mario Balotelli hat einen langen Weg bestritten. Schon seit geraumer Zeit war klar, dass der in Palermo geborene Adoptivsohn italienischer Eltern für die italienische Nationalmannschaft spielen würde. Marcello Lippi ließ ihn und Antonio Cassano trotz Kritik der Presse für die Weltmeisterschaft 2010 außer Acht. Cesare Prandelli war das Ergebnis des Debakels in Südafrika. Er und vor allem Roberto Mancini haben auf den mittlerweile 21-Jährigen gezählt und ihn aufgebaut. Sie haben erreicht, was Jose Mourinho als Coach von Inter Mailand nicht für möglich gehalten hatte…

Das Ende einer jungen Ära

Der portugiesische Coach bezeichnete Balotelli als „unerziehbar“. Damals war der Stürmer erst 19 und wurde in den italienischen Stadien oft wüst und rassistisch verunglimpft, teilweise war noch nicht einmal seine Anwesenheit von Nöten. „Es gibt keine schwarzen Italiener“ musste er hören und lesen, obwohl er sich als Italiener fühlt und das Land und die Menschen liebt. Hinzu kam seine Verspieltheit auf dem Platz. Er widersetzte sich taktischen Anweisungen, wie im Halbfinale der Champions League gegen den FC Barcelona.

Eine knappe Führung sollte gehalten werden, doch er schoss unverblümt auf den Kasten und wollte die Katalanen mit Tricks „alt aussehen lassen“. Der portugiesische Chefcoach verlor an der Seitenlinie die Fassung, im Giuseppe Meazza pfiffen die eigenen Fans ihn aus. Er verstand es nicht, denn er wollte die Massen begeistern und für Unterhaltung sorgen. Nach Abpfiff warf er das Trikot der „Nerazzurri“ entnervt auf den Boden und leitete so das Ende seiner Ära bei Inter ein.

Die enttäuschende, erste Saison bei City

86 Partien hatte er für Inter bestritten, erzielte dabei 28 Tore und gab 16 Vorlagen. Beeindruckend vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass er ob der großen Konkurrenz bestehend aus Samuel Eto’o, Diego Milito und Goran Pandev oft nur als Einwechselspieler fungierte. Sein Wechsel zu Manchester City lag vor allem an Roberto Mancini, seinem Entdecker, der ihn unbedingt in der Premier League sehen wollte. Auf Grund einer hartnäckigen Verletzung setzte er sich in seiner ersten Saison nur sporadisch in Szene, doch seine andauernden Eskapaden außerhalb des Spielfeldes machten ihm einen Namen in der englischen Presse.

DER HISTORISCHE MOMENT

 DER LIVE!-KOMMENTAR
30' Da ist das Tor! Es ist das erste Pflichtspieltor für Mario Balotelli, der anschließend das Wappen seines Trikots küsst. Marchisio erarbeitet sich das Leder, der Citizen-Stürmer zögert nicht lange und lupft leichtfüßig über Szczesny hinweg in die Maschen.

Durchbruch in der schwersten Zeit

Die Konkurrenz bei den „Citizens“ wurde mit der Ankunft Edin Dzekos und Sergio Agüeros größer, so dass italienische Medien bereits über eine Rückkehr nach Italien spekulierten. Er blieb und blieb vor allem ruhig: Trotz ausbleibender Einsätze an den ersten Spieltagen der englischen Liga beschwerte er sich nicht. Eskapaden blieben aus und Balotelli wurde belohnt. Gegen den FC Everton kam er in der 60. Minute für Dzeko und erzielte nur acht Minuten später seinen ersten Treffer der Saison. Es folgten zwei Einsätze von Beginn an, in denen er jeweils einen wichtigen Treffer erzielte. Nach seinem Tor per Fallrückzieher war er vor dem Derby gegen Manchester United in aller Munde.

In der Nacht vor der großen Partie hatte er mit Freunden sein Haus in Brand gesetzt. Nach seinem Doppelpack jedoch, der die „Red Devils“ in die Knie zwang, war dieser Rückschlag nur ein Nebenschauplatz. Einen Rückschlag erfuhr auch die „Squadra Azzurra“. Giuseppe Rossi fällt mit einem Kreuzbandriss bis zu sechs Monate aus, Antonio Cassano nach einer Herzoperation eine ähnliche Zeitspanne. Der Durchbruch des 21-Jährigen schien also gerade rechtzeitig zu kommen.

„Beflügelnde Liebe“ zur „Squadra Azzurra“

Vor dem Match gegen Polen war klar: Balotelli soll und wird die italienische Nationalmannschaft als Stürmer zur Europameiterschaft 2012 führen. Cesare Prandelli wusste um die Verantwortung und wollte sie ihm nehmen: „Er soll nicht mit aller Kraft den Treffer suchen. Wichtig ist, dass er eine gute Vorstellung abgibt.“ Die erste halbe Stunde war er kaum zu sehen, doch nach der Balleroberung von Claudio Marchisio sorgte er mit seinem leichten Lob für eintretende Erleichterung bei den „Azzurri“. Seine Präsenz im zweiten Durchgang ließ diese immer größer werden. „Ich hätte nichts gegen eine Nationalmannschaft, die von Balotelli abhängig ist“, sagte Cheftrainer Prandelli einen Tag später. „Der Dank geht vor allem an Mancini. Mit Akteuren wie Mario oder Cassano muss man immer ehrlich umgehen, dann erfährt man auch von ihnen die Wahrheit.“

Die Wahrheit ist, dass „Supermario“ Italien und seine italienische Familie liebt. Er wird nicht müde, sich dessen zu bekennen. Nach seinem Treffer küsste er das italienische Wappen auf seinem Trikot demonstrativ und wurde von seinen Teamkollegen überschwenglich gefeiert. Es war der historische Kuss des ersten farbigen Italieners, der ein Tor für die Nationalelf erzielte. In der zweiten Halbzeit riss er seine Mannschaft mit, erarbeitete weitere Chancen und bereitete das 2:0 vor. Es war eine Demonstration der Liebe, die trotz des Gegenwinds immer weiter gewachsen ist und die Italien zu großen Erfolgen führen könnte. Mario selbst scheint gewachsen zu sein und endlich können die Italiener ihr derzeit größtes Talent genießen und feiern. „Balotelli, die Perle der ‚Azzurri‘“ titelte die Gazzetta dello Sport. Es entsprach dem internationalen Tenor. Möglicherweise wird er tatsächlich besser als Cristiano Ronaldo, so wie er es dem portugiesischen Ex-Weltfußballer einmal auf dem Platz gesagt haben soll…

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