Pyrotechnik im Blickpunkt: Von vergebenen Chancen und Gefahren

Das Pyro-Thema bleibt aktuell. Eine Einigung zwischen Fangruppen und Verbänden ist nicht absehbar - DFB und DFL sind daran alles andere als unschuldig.

Von Claas Philipp und Kornel Pracki

Dynamo-Fans zünden Pyrotechnik in Dortmund
Lars Baron
Berlin. Es war eine fast schon historische Chance: Im Sommer trafen sich Vertreter von DFB und DFL mit einer Initiative von rund 150 Ultra-Gruppierungen, um sich zum Thema Pyrotechnik auszutauschen. Noch nie zuvor waren die Parteien in dieser Form aufeinander zugegangenen, noch nie hatte man sich an einen gemeinsamen Tisch gesetzt. Umso überraschter waren die Ultras, als die Verbände ihnen ein nicht für möglich gehaltenes Angebot machten: Wenn in deutschen Stadien an den ersten drei Spieltagen dieser Saison keine Pyrotechnik gezündet werde, sei man bereit, über eine teilweise Legalisierung von Bengalos & Co. nachzudenken - so das Versprechen.

Verbände dementieren

Die Ultras hielten ihren Teil der Vereinbarung ein - DFB und DFL hingegen nicht. Die Verbände brachen nicht nur ihr Versprechen, indem sie von sämtliche Legalisierungsplänen nichts mehr wissen wollten, sondern dementierten sogar, dass es derartige Absprachen gegeben habe: „Der DFB und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) weisen den Vorwurf entschieden zurück, die Faninitiative ,Pyrotechnik legalisieren - Emotionen respektieren‘ getäuscht und falsche Hoffnungen geweckt zu haben“, hieß es in einer am 9. September vom DFB herausgegebenen Presseerklärung.

Sitzungsprotokoll überführt DFB und DFL

Dass diese Erklärung schlichtweg falsch ist, beweist ein internes Sitzungsprotokoll, das Spiegel Online jüngst veröffentlicht hat - am 7. Juni nämlich war man durchaus zu einer Übereinkunft gekommen: Ein „Treffen mit unseren Vertretern zwecks detaillierter Ausarbeitung der Bedingungen, unter welchen der Abbrand möglich ist“ wurde seinerzeit von den Verbänden in Aussicht gestellt. Zudem war von einem Schreiben die Rede, das an die einzelnen Vereine geschickt werden könnte und in dem die Klubs „den Abbrand durch die Szene beantragen können, unter welchen Bedingungen das möglich ist und dass bei einem Abbrand keine Strafen drohen.“


Konkrete Pläne lagen vor

Dabei wurde sogar von detaillierten Umsetzungsplänen gesprochen: „Der Abbrand ist nur nach einer genauen Terminierung möglich. Vorerst: vor dem Spiel, vor Wiederanpfiff oder nach dem Spiel. Abbrand nur in Pyrozonen, wie diese angelegt werden, hängt von Örtlichkeit und Auflagen der Behörden ab. (…) Wenn die Einzelfälle funktionieren, soll es in den Richtlinien eine neue Anlage geben, in der das Verfahren, welches für eine Genehmigung von Pyrotechnik in Stadien nötig ist, festgeschrieben wird.“

Trotzreaktion der Ultras

Dass DFB und DFL nun von diesen Plänen Abstand nehmen und sie sogar leugnen, sorgt bei den Ultras natürlich für Unmut. So kam es in den letzten Wochen in den Stadien immer wieder zu Vorfällen mit Pyrotechnik - eine Art Trotzreaktion der Fans. Die Tür für weitere Gespräche ist nun zu, die Fronten sind verhärtet und beide Parteien weichen nicht von ihren Standpunkten ab.  Dass auf Seiten der Verbände keinerlei Gesprächsbereitschaft besteht, machten diese zuletzt erneut deutlich, als man darauf hinwies, dass die aktuelle Gesetzeslage eine (teilweise) Legalisierung überhaupt nicht zulasse.

Chance verspielt

Bleibt die Frage, warum man die Erlaubnis für das kontrollierte Abbrennen von Pyrotechnik dann überhaupt in Aussicht gestellt hat - und so ist eins klar: Die Figur, die DFB und DFL bei dieser Diskussion gemacht haben, ist äußerst unglücklich. Unter dem Strich hat man so die große Chance verspielt, im Dialog mit den Ultras für ein entspanntes Verhältnis zwischen Verbänden, Vereinen und Fan-Gruppierungen zu sorgen.

Wie gelangt die Pyrotechnik ins Stadion?

Trotz der großen Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien gelingt es den Ultras immer wieder pyrotechnisches Material in das Stadion zu schmuggeln. Dabei nutzten die Fans verschiedenste Möglichkeiten, um die Kontrollen zu umgehen: Das Material wird in großen Trommeln, Fahnenstangen, im Hosenschritt, am Unterarm oder gar schon Tage vor der Partie im Stadion versteckt. Eine moderne Variante der Pyro-Liebhaber ist der Transport des reinen Pulvers, das unter einer dicken Oberkörperbekleidung bei der Leibesvisitation kaum zu ertasten ist. Im Stadion wird das Pulver dann meist hinter großen Zaunfahnen gezündet damit die Täter schwieriger zu identifizieren sind.

Welche Gefahren birgt der Einsatz von Pyrotechnik?

Das bengalische Feuer erzeugt zwar eine ganz besondere Atmosphäre während eines Spiels, sorgt aber innerhalb eines Fanblocks für große Gefahr. Die Handfackeln entwickeln hohe Temperaturen, die über tausend Grad erreichen und so zu Verbrennungen führen können. Zudem entwickelt sich ein giftiger Rauch, der zu weiteren Schäden führen kann. Im
Verbot gegen Pyrotechnik

Nicht nur die staatlichen Stellen und Behörden, sondern auch FIFA und UEFA untersagen den Einsatz von Pyrotechnik.

- Wolfgang Niersbach, DFB-Generalsekretär
Frühjahr 2010 wurden zwei Anhänger des 1. FC Nürnbergs während einer Auswärtspartie in Bochum beim Anzünden solcher Feuerwerkskörper im Gästeblock schwer verletzt.

Derby-Alarm                         
                                                                        
Besonders hitzig wird es bei einem lokalen Derby,
wenn beide Seiten eine aggressive Haltung
einnehmen. Während des Derbys zwischen dem
1. FSV Mainz 05 und dem 1. FC Kaiserslautern kam
es bereits im Vorfeld der Partie zu mehreren Auseinandersetzungen. Der Konflikt ging im Stadion weiter, als mehrere Feuerwerkskörper gezündet wurden. Dabei wurden neun Polizeibeamte und ein Mann aus Kaiserslautern verletzt. Bemerkenswert ist, dass die Zahl der verletzten Beamten weitaus größer ist, als die der Ultras. In der vergangenen Saison wurden insgesamt 48 Beamte durch Feuer und Pyrotechnik verletzt - dabei lediglich nur zwei Fans.

Europapokal-Spiele ebenso betroffen

Das Olympiastadion in Berlin ist weniger für Pyro-Vorfälle bekannt, doch vor drei Jahren sorgten mitgereiste Galatasaray-Fans für ein neues Bild in der Heimstätte der Hertha. Die Gala-Anhänger zündeten zahlreiche Feuerwerkskörper, die zwei Mal zu einer Spielunterbrechung führten. Der türkische Verein erhielt zudem eine sehr hohen Geldstrafe. Vor kurzem sorgten ebenso die Wiederholungstäter der Hannover-Ultras für ein ähnliches Bild in Kopenhagen, als sie während der Europa-League-Partie den Gäste-Block „erleuchteten“ - der Verein muss nun die Strafkosten dafür tragen.

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