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Huub Stevens erinnert sich an das UEFA-Cup-Märchen 1997 mit den Schalker Eurofightern

Huub Stevens erinnert sich an das UEFA-Cup-Märchen 1997 mit den Schalker Eurofightern

„Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlugen Brügge sowieso. Valencia, Teneriffa, Inter Mailand, das war ’ne Show.“ Noch heute erinnert ein Schlachtruf in der Nordkurve an die „Eurofighter“, die 1997 sensationell den UEFA-Cup in den Pott holten. Huub Stevens erinnert sich exklusiv auf Goal.com an das königsblaue Wunder.

Gelsenkirchen. Obwohl zu Saisonbeginn 1996 noch Jörg Berger auf der Bank des FC Schalke 04 saß, spielte Huub Stevens von Anfang an eine Rolle beim UEFA-Cup-Wunder. Als Coach von Roda JC empfing der Holländer die Revierkicker in der ersten Runde. Kurz nach dem Duell in Kerkrade angelte sich Rudi Assauer den Ex-Nationalspieler. Dass die Ehe zwischen dem ehrlichen Arbeiter aus Limburg und den „Knappen“ eine Erfolgsstory werden würde, zeichnete sich bereits früh ab. Huub Stevens fühlte sich im Ruhrgebiet zuhause und sah, wie die Menschen Fußball lebten und litten. „Das war in Sachen Fußball eine ganz besondere Zeit. Eine sehr intensive, emotionale und auch euphorische Zeit“, erinnert der einstige Bundesligacoach sich exklusiv auf Goal.com. „Die Begeisterung einer ganzen Region, das Leben in Zeichen von Blau-Weiß, so viele tolle Momente, große Erfolge, riesige Enttäuschungen, und alle wurden gemeinsam getragen.“

„Vielleicht hat man nicht die Klasse seiner Gegner, aber gemeinsam kann man alles erreichen“

Stevens’ Erfolgsformel basierte im Gegensatz zu den bisherigen Turniersiegern nicht auf Stars, die hatte S04 schlicht und ergreifend nicht. Beim Sittarder musste die Null stehen – nur dann kann der Gegner nicht gewinnen. Stevens schweißte ein diszipliniertes Team zusammen, dass mit Kampf und Leidenschaft fehlende Klasse Wett machte - die „Eurofighter“ waren geboren „Das war im besten Sinn des Wortes eine Mannschaft, jeder war für jeden da, man hat sich gegenseitig geholfen“, erinnert sich Stevens. „Teamgeist war angesagt, und jeder hat den anderen  mitgerissen.“ Auch Mike Büskens hat der schönsten Zeit seiner Karriere eine eigene Sektion auf seiner Homepage gewidmet und erklärt: „Vielleicht hat man nicht die Klasse seiner Gegner, aber gemeinsam kann man alles erreichen.“

Die Eurofighter: Einer für alle, alle für einen

Was einen echten Eurofighter ausmacht, beschreibt Büskens am Beispiel des niederländischen Ex-Nationalstürmers Youri Mulder, dessen Ausfall die elf Kumpel im Finale als Einheit kompensierten. „Nie werde ich seine Grätsche im Spiel gegen Roda Kerkrade vergessen. Das Spiel war noch keine zehn Sekunden alt und Youri setzte sofort ein Zeichen. Diese Grätsche an der Mittellinie zeigte unseren Gästen sofort, wer hier Herr im Haus ist und dass es für sie hier nichts zu holen gibt.“ Auch der Ellbogeneinsatz bei Kopfballduellen von Arena-Ingenieur Johan de Kock „war gefürchtet“. Martin Max hingegen „war ein echter Schalker Junge: Geboren auf Kohle und stand schon als Kind in der Nordkurve.“ Doch auch wer anders tickte, gehörte dazu: „Yves Eigenrauch passt absolut nicht in das Klischee eines Fußballprofis: Interessiert sich besonders für Kunst. Bestimmt der erste Spieler auf Schalke, der ein eigenes Buch herausgebracht hat. Sensationell fand ich in diesem Buch das Bild von einem spanischen Stromkasten. Dennoch war er gefürchtet: Er war ein wahnsinnig bissiger Verteidiger, der aber wohl nie bewusst Foul spielte. Dachten Gegenspieler, sie hätten ihn abgeschüttelt, so stand er im nächsten Moment wieder vor ihnen und nahm ihnen den Ball ab. Sogar Ronaldo hatte nicht den Hauch einer Chance gegen den ‚Finnen’.“

Eine Hand am Cup gegen die Stars von Inter Mailand

Obwohl man den Gelsenkirchenern, die in der laufenden Bundesligasaison nur im enttäuschenden Mittelfeld herumdümpelten, Runde für Runde das Aus im UEFA-Cup vorhersagte, landete Schalke im Finale und musste es gegen das Starensemble von Inter Mailand aufnehmen, wo mit Pagliuca, Bergomi, Fresi, Zanetti, Sforza, Winter, Ince, Djorkaeff, Ganz und Zamorano große Namen in der Startelf standen. „Was ich damals in der Kabine gesagt habe, werde ich gestern wie heute für mich behalten“, schweigt Stevens, doch es zeigte Wirkung beim Hinspiel im Parkstadion. Den angeschlagenen Martin Max brachte der Coach nicht von Anfang an, um die Null zu halten und hatte Erfolg. Als Marc Wilmots nach siebzig Minuten das Leder mit einem 25-Meter-Schuss ins Tor drosch und die „Nerazzurri“ an Lehmann scheiterte, hatte S04 eine Hand am Cup – ein Bild vom Stadionscreen, dass sich in die Netzhaut einer ganzen Region brannte.

„Ein Wechselbad der Gefühle“ im Giuseppe Meazza

Die Euphorie kannte keine Grenzen. 18.000 Schalker reisten mit in den Tempel Giuseppe Meazza, selbst Schüler bekamen am Finaltag frei. „Das war sicher eines der wichtigsten Spiele für uns alle“, erinnert sich der von den Fans gewählte Jahrhundertrainer. „Ein Hexenkessel – ein Wechselbad der Gefühle. Zuerst der späte Ausgleich durch Zamorano, dann die Verlängerung – und letztlich der klare Sieg im Penalty-Schießen, ich bekomme immer noch eine Gänsehaut.“ Dass Königsblau den Italienern mental überlegen war, bewies der Keeper Jens Lehmann im Elfmeterschießen, als er zu Aaron Winter ging und sagte: „Pass auf, ich bleib jetzt einfach stehen“, was den Routinier (und Holländer) so irritierte, dass er verschoss. Zuvor hatte bereits Zamoran vergeben. Nachdem Wilmots den vierten Schalker Penalty verwandelte, wanderte der Pott in den Pott. Schalke hatte ein Fußballmärchen geschrieben. Noch jetzt verbindet die „Eurofighter“ von damals eine enge Freundschaft, eine mit der man alles erreichen konnte. Auch heute sind solche Wunder noch möglich, meint Stevens. „Du musst nur den entscheidenden Lauf bekommen, eine Eigendynamik – und dann kann das auch so positiv enden.“



„20 Jahre – 20 Momente“, das ist die Goal.com-Serie zur deutschen Fußball-Einheit. Denn der 21. November 1990 war im deutschen Fußball ein historischer Tag: Der Verband der DDR wurde aufgelöst. Geboren als neues Mitglied des DFB war der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV). Die deutsche Fußball-Einheit war 49 Tage nach der politischen Deutschen Einheit vollzogen. Goal.com erinnert an die größten Triumphe, tragischsten Momente und berüchtigsten Skandale der letzten 20 Jahre.

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