„Da bricht eine Welt zusammen“

Champions-League-Endspiel 1999, Manchester United gegen den FC Bayern - es gibt kaum ein Spiel, über das mehr geschrieben und ausgiebiger diskutiert wurde: War der Sieg der Engländer verdient? Wie kann man im Endspiel der Königsklasse binnen weniger Sekunden kurz vor Schluss zwei Gegentore nach zwei Ecken kassieren? Was wäre passiert, wenn Lothar Matthäus sich nicht hätte auswechseln lassen und wenn Carsten Jancker oder Mehmet Scholl statt des Aluminiums ins Netz getroffen hätten? Weil es hierauf keine Antworten gibt, beschäftigen wir uns mit dem Drumherum und den Reaktionen, die dieses unfassbare Spiel mit sich brachte.

Von Falko BLÖDING

Champions League-Finale 1999: Bayern München ist am Boden (Getty Images)
Barcelona. „Fußball ist ein einfacher Sport: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Dieser Satz von Gary Lineker, seines Zeichens ehemaliger englischer Stürmer von Weltklasseformat, ist einer der berühmtesten, die es im Weltfußball gibt. Diese Aussage beschreibt den großen Respekt, ja die Angst, die das Mutterland des Fußballs vor deutschen Kickern hat. Das gilt sowohl für die Nationalmannschaft, als auch für Duelle auf Klubebene. Linekers Spruch, der längst zu einen geflügelten Wort mutiert ist, wurde am 26. Mai 1999 in Barcelona ad absurdum geführt.

Erst geht alles seinen gewohnten Gang…

Im größten Spiel des Jahres, dem Finale um die Krone des europäischen Vereinsfußballs, standen sich Manchester United und der FC Bayern München gegenüber. Es war ein würdiges Endspiel, beide Mannschaften dominierten in jenem Jahr ihre Liga und hatten auf dem Weg ins „Camp Nou“ hochkarätige Gegner aus der Bahn geräumt. Als Bayerns Mario Basler bereits nach sechs Minuten einen Freistoß direkt zum 1:0 für den deutschen Rekordmeister verwandelte, schien alles seinen gewohnten (Lineker-) Gang zu gehen. 84 Minuten später, es stand noch immer 1:0 für den FCB, passierten die denkwürdigsten 102 Sekunden der Champions League-Geschichte: United glich zunächst durch Teddy Sheringham aus, ehe der „Killer mit dem Babyface“, Ole Gunnar Solskjaer, zuschlug und in der Nachspielzeit den 2:1-Siegtreffer für Manchester markierte.

„Die besten zwei Minuten der Sportgeschichte“

Englands Presse war völlig aus dem Häuschen, praktisch in „deutscher“ Manier hatten die „Red Devils“ die Bayern in die Knie gezwungen. „Ich wünschte, ich könnte sagen, dass die enttäuschten Gesichter der Deutschen nicht zum Vergnügen beitrugen. Aber ich müsste lügen. Jeder traurige Ausdruck, der den Fernsehschirm ausfüllte, erhöhte nur noch das Vergnügen“, schrieb „Times“-Kolumnistin Lynne Truss und auch bei der seriösen BBC hielt sich das Mitleid für die Münchener und generell Fußball-Deutschland in Grenzen: „Boris Becker, Franz Beckenbauer, Steffi Graf, Gerhard Schröder – eure Jungs haben eine höllische Tracht Prügel erhalten“, sagte Moderater Rob Bennett freudestrahlend. Und der Mirror hatte gar die „besten zwei Minuten in der Geschichte des Sports“ gesehen.

Für die Bayern brach eine Welt zusammen

Während auf der Insel also frohlockt wurde und der an diesem Abend schwache United-Keeper Peter Schmeichel auf dem Rasen in Barcelona Purzelbäume schlug, herrschte bei den bayerischen Protagonisten einfach nur Fassungslosigkeit. „Da bricht eine Welt zusammen“, konstatierte Torschütze Basler und der damalige Präsident Franz Beckenbauer meinte: „Das war die grausamste Niederlage, weil wir so nah dran waren. Ein paar Sekunden haben ausgereicht, um Manchester wieder ins Spiel zu bringen. Ich habe selten eine unglücklichere Niederlage erlebt als diese.“ Lothar Matthäus, der sich während des zweiten Durchgangs erschöpft auswechseln ließ und dafür Kritik erntete, sagte: „Es ist bitter, es ist traurig. Es ist unfassbar für Spieler und Fans, was hier passiert ist. Der Mannschaft kann man keinen Vorwurf machen.“

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