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Als der Titan wieder menschlich wurde
Zusammen mit Sepp Maier ist Oliver Kahn DIE herausragende Torwartfigur in der Geschichte des deutschen Fußballs. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der dreimalige Welttorhüter des Jahres ausgerechnet auf dem Höhepunkt seines Schaffens zum tragischen Helden wurde. Wie es bei der Weltmeisterschaft 2002 dazu kam, davon erzählt unsere Serie „20 Jahre – 20 Momente“ zur deutschen Fußball-Einheit heute.
Von Elmar NEVELING
Yokohama. Oliver Kahn hatte seinen Leistungszenit erreicht. Seit dem Champions League-Sieg 2001 mit dem FC Bayern München, bei dem er im Finale gegen den FC Valencia mit seinen Paraden im Elfmeterschießen zum Heroen wurde, war er nicht mehr nur ein starker Keeper. Nein, er war nun aufgestiegen zum „Titan“, zum „King Kahn“.

Die Null stand
Nun sollte auch im Nationalteam, das Kahn als Kapitän anführte, die Krönung folgen und der globale Fußball-Olymp bestiegen werden: Die Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea stand an. Auch wenn Deutschland nach dem schwachen Auftritt bei der WM 1998 und der desaströsen Vorstellung während der EURO 2000 längst nicht als Favorit galt, kannte Kahn nur ein Ziel: den Titel! Zusammen mit dem einzigen weiteren Weltklasse-Spieler im Team, Michael Ballack, hatte er eine durchschnittliche Mannschaft mit schier unglaublichen Paraden bis ins WM-Finale geführt. Nur ein einziges Gegentor (in der Gruppenphase beim 1:1 gegen Irland) hatte Deutschland auf seinem unerwarteten Weg bis ins WM-Finale hinnehmen müssen.
Mit Minimal-Siegen ins Finale
Wohl nie zuvor lebte eine Mannschaft so sehr von der Persönlichkeit, der Präsenz und der beinahen Unbezwingbarkeit ihres Torwarts. Kahn gegen den Rest der Fußballwelt: Sollten sie doch alle kommen, an ihm würde kein Ball vorbeiführen! Nach drei 1:0-Siegen in den K.o.-Spielen gegen Paraguay (Kahn feierte an diesem Tag seinen 33. Geburtstag), die USA und Südkorea stand die Truppe von Teamchef Rudi Völler am 30. Juni 2002 im Finale von Yokohama, in dem der Favorit Brasilien um seine Weltstars Ronaldo, Rivaldo, Roberto Carlos und Ronaldinho wartete.
Ronaldo verwertet Kahns Abpraller
Schon vor dem Finale war Kahn nicht nur zum besten Keeper, sondern zum insgesamt besten Spieler des Turniers bestimmt worden. Eine Auszeichnung, die umso wertvoller ausfiel, als dass sie zum ersten Mal bei einer WM an einen Torwart vergeben wurde. Das DFB-Team überraschte im Finale mit seiner deutlich besten Turnierleistung, spielte fast brasilianischer als der Gegner selbst, und wäre beinahe in Führung gegangen: Doch Oliver Neuvilles fulminanter Freistoßhammer kurz nach der Pause traf nur den Pfosten. Dann die 67. Minute: Dietmar Hamann ließ sich in der eigenen Hälfte den Ball abluchsen, Rivaldo setzte zum Distanzschuss an, Kahn ließ den Ball, den er vermutlich bei 99 von 100 Versuchen sicher festgehalten hätte, abprallen, sodass er Ronaldo vor die Füße fiel – und der Torschützenkönig des Turniers schob mühelos zum 1:0 ein. Zwölf Minuten später war es erneut Ronaldo, der mit präzisem Flachschuss von der Strafraumgrenze aus zum 2:0-Endstand traf – diesmal blieb Kahn ohne Abwehrchance.

Aufgestauter Druck fand sein Ventil
Nach Schlusspfiff ging ein Bild um die Welt, das einen minutenlang am Torpfosten kauernden Kahn zeigte, mit leerem Blick und mit sich verzweifelt hadernd. Typisch für den von Ehrgeiz und Härte zu sich selbst bestimmten Kahn, dass er seine im Finale erlittene Bänderverletzung im Finger nie als Entschuldigung für seinen Patzer zuließ. Nach der nicht minder bitteren Last-Minute-Niederlage im Champions League-Finale 1999 gegen Manchester United hatte Kahn zwar gelernt, auch mit herben sportlichen Enttäuschungen umzugehen. Doch der Unterschied zu damals war, dass sich Kahn den Fehler diesmal selbst ankreiden konnte. In Interviews vermutete er später, dass der Druck, den er angesichts seiner nahezu konstant perfekten Leistungen selbst aufgebaut hatte, so groß wurde, dass ein baldiger Patzer – quasi als Druckventil – nur die logische Folge war und fast einer Befreiung von der unermesslichen Erwartungshaltung gleichkam. Nur ausgerechnet im WM-Finale hätte sie nicht unbedingt erfolgen müssen…
Respekt auch von gegnerischen Fans
In Deutschland vergaßen die Fans nicht, wem sie es entscheidend zu verdanken hatten, dass ihr Team überhaupt erst ins Finale gekommen war. Zum Start der neuen Bundesliga-Saison 2002/03 bot sich Kahn ein vollkommen ungewohntes Gefühl: Sonst mit Pfiffen und Bananen „begrüßt“, empfing ihn vor dem Spiel des FC Bayern bei Borussia Mönchengladbach ein anerkennender Applaus sogar der Borussen-Fans. Für Kahn, der seine Motivation auch daraus zog, als Feindbild zu gelten, eine ungewohnte Situation – und ein Vorgeschmack auf seine Rolle als Sympathieträger bei der WM 2006, als er souverän und vorbildlich mit seiner Rolle als Nummer zwei hinter dem bevorzugten Jens Lehmann umging. Dabei war gerade das Turnier im eigenen Land sein erklärtes Ziel gewesen, um seinen Patzer auszubügeln.
Verehrung in Asien
Eine geradezu überwältigende Popularität erfährt Kahn bis heute in Asien, die nicht allein auf seinen herausragenden Leistungen gründet, sondern ebenso auf seiner würdevollen Art, mit dem Patzer umzugehen, der ihn vom scheinbar Unfehlbaren wieder zum „Normalsterblichen“ erdete. Inzwischen ist Kahn mit Yokohama 2002 im Reinen, wie er dem Sport-Informations-Dienst acht Jahre später verriet: „Auch wenn man es nicht glauben mag, aber das WM-Turnier 2002 hat in meinem Leben keine große Bedeutung mehr.“

„20 Jahre – 20 Momente“, das ist die Goal.com-Serie zur deutschen Fußball-Einheit. Denn der 21. November 1990 war im deutschen Fußball ein historischer Tag: Der Verband der DDR wurde aufgelöst. Geboren als neues Mitglied des DFB war der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV). Die deutsche Fußball-Einheit war 49 Tage nach der politischen Deutschen Einheit vollzogen. Goal.com erinnert an die größten Triumphe, tragischsten Momente und berüchtigsten Skandale der letzten 20 Jahre.

Die Null stand
Nun sollte auch im Nationalteam, das Kahn als Kapitän anführte, die Krönung folgen und der globale Fußball-Olymp bestiegen werden: Die Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea stand an. Auch wenn Deutschland nach dem schwachen Auftritt bei der WM 1998 und der desaströsen Vorstellung während der EURO 2000 längst nicht als Favorit galt, kannte Kahn nur ein Ziel: den Titel! Zusammen mit dem einzigen weiteren Weltklasse-Spieler im Team, Michael Ballack, hatte er eine durchschnittliche Mannschaft mit schier unglaublichen Paraden bis ins WM-Finale geführt. Nur ein einziges Gegentor (in der Gruppenphase beim 1:1 gegen Irland) hatte Deutschland auf seinem unerwarteten Weg bis ins WM-Finale hinnehmen müssen.
Mit Minimal-Siegen ins Finale
Wohl nie zuvor lebte eine Mannschaft so sehr von der Persönlichkeit, der Präsenz und der beinahen Unbezwingbarkeit ihres Torwarts. Kahn gegen den Rest der Fußballwelt: Sollten sie doch alle kommen, an ihm würde kein Ball vorbeiführen! Nach drei 1:0-Siegen in den K.o.-Spielen gegen Paraguay (Kahn feierte an diesem Tag seinen 33. Geburtstag), die USA und Südkorea stand die Truppe von Teamchef Rudi Völler am 30. Juni 2002 im Finale von Yokohama, in dem der Favorit Brasilien um seine Weltstars Ronaldo, Rivaldo, Roberto Carlos und Ronaldinho wartete.
Ronaldo verwertet Kahns Abpraller
Schon vor dem Finale war Kahn nicht nur zum besten Keeper, sondern zum insgesamt besten Spieler des Turniers bestimmt worden. Eine Auszeichnung, die umso wertvoller ausfiel, als dass sie zum ersten Mal bei einer WM an einen Torwart vergeben wurde. Das DFB-Team überraschte im Finale mit seiner deutlich besten Turnierleistung, spielte fast brasilianischer als der Gegner selbst, und wäre beinahe in Führung gegangen: Doch Oliver Neuvilles fulminanter Freistoßhammer kurz nach der Pause traf nur den Pfosten. Dann die 67. Minute: Dietmar Hamann ließ sich in der eigenen Hälfte den Ball abluchsen, Rivaldo setzte zum Distanzschuss an, Kahn ließ den Ball, den er vermutlich bei 99 von 100 Versuchen sicher festgehalten hätte, abprallen, sodass er Ronaldo vor die Füße fiel – und der Torschützenkönig des Turniers schob mühelos zum 1:0 ein. Zwölf Minuten später war es erneut Ronaldo, der mit präzisem Flachschuss von der Strafraumgrenze aus zum 2:0-Endstand traf – diesmal blieb Kahn ohne Abwehrchance.

WM-Finale 2002: Ronaldo verwertet Kahns Abpraller zum 1:0
Aufgestauter Druck fand sein Ventil
Nach Schlusspfiff ging ein Bild um die Welt, das einen minutenlang am Torpfosten kauernden Kahn zeigte, mit leerem Blick und mit sich verzweifelt hadernd. Typisch für den von Ehrgeiz und Härte zu sich selbst bestimmten Kahn, dass er seine im Finale erlittene Bänderverletzung im Finger nie als Entschuldigung für seinen Patzer zuließ. Nach der nicht minder bitteren Last-Minute-Niederlage im Champions League-Finale 1999 gegen Manchester United hatte Kahn zwar gelernt, auch mit herben sportlichen Enttäuschungen umzugehen. Doch der Unterschied zu damals war, dass sich Kahn den Fehler diesmal selbst ankreiden konnte. In Interviews vermutete er später, dass der Druck, den er angesichts seiner nahezu konstant perfekten Leistungen selbst aufgebaut hatte, so groß wurde, dass ein baldiger Patzer – quasi als Druckventil – nur die logische Folge war und fast einer Befreiung von der unermesslichen Erwartungshaltung gleichkam. Nur ausgerechnet im WM-Finale hätte sie nicht unbedingt erfolgen müssen…
Respekt auch von gegnerischen Fans
In Deutschland vergaßen die Fans nicht, wem sie es entscheidend zu verdanken hatten, dass ihr Team überhaupt erst ins Finale gekommen war. Zum Start der neuen Bundesliga-Saison 2002/03 bot sich Kahn ein vollkommen ungewohntes Gefühl: Sonst mit Pfiffen und Bananen „begrüßt“, empfing ihn vor dem Spiel des FC Bayern bei Borussia Mönchengladbach ein anerkennender Applaus sogar der Borussen-Fans. Für Kahn, der seine Motivation auch daraus zog, als Feindbild zu gelten, eine ungewohnte Situation – und ein Vorgeschmack auf seine Rolle als Sympathieträger bei der WM 2006, als er souverän und vorbildlich mit seiner Rolle als Nummer zwei hinter dem bevorzugten Jens Lehmann umging. Dabei war gerade das Turnier im eigenen Land sein erklärtes Ziel gewesen, um seinen Patzer auszubügeln.
Verehrung in Asien
Eine geradezu überwältigende Popularität erfährt Kahn bis heute in Asien, die nicht allein auf seinen herausragenden Leistungen gründet, sondern ebenso auf seiner würdevollen Art, mit dem Patzer umzugehen, der ihn vom scheinbar Unfehlbaren wieder zum „Normalsterblichen“ erdete. Inzwischen ist Kahn mit Yokohama 2002 im Reinen, wie er dem Sport-Informations-Dienst acht Jahre später verriet: „Auch wenn man es nicht glauben mag, aber das WM-Turnier 2002 hat in meinem Leben keine große Bedeutung mehr.“

„20 Jahre – 20 Momente“, das ist die Goal.com-Serie zur deutschen Fußball-Einheit. Denn der 21. November 1990 war im deutschen Fußball ein historischer Tag: Der Verband der DDR wurde aufgelöst. Geboren als neues Mitglied des DFB war der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV). Die deutsche Fußball-Einheit war 49 Tage nach der politischen Deutschen Einheit vollzogen. Goal.com erinnert an die größten Triumphe, tragischsten Momente und berüchtigsten Skandale der letzten 20 Jahre.
Goal.com-Umfrage
Die Umfrage läuft vom 01.11.2010 bis zum 08.11.2010
Die Umfrage läuft vom 01.11.2010 bis zum 08.11.2010
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