„Jörg Berger hätte auch die Titanic gerettet“

Am 20. August 2010 läutete die Fußball-Bundesliga ihre 48. Runde ein. Dann begann auch für den SC Freiburg und Hannover 96 der Ernst des Lebens. Denn der Klassenerhalt soll möglichst früh gesichert werden. Das gilt gleichermaßen für den 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt, die insgeheim von mehr als nur dem grauen Mittelmaß träumen. So wie aktuell der FC Schalke 04, der seinen erneuten Anlauf im Titelrennen wohl abschreiben kann. Fünf Bundesliga-Teams also mit unterschiedlichen Voraussetzungen, die allesamt eines vereint: Ihr Trainer hieß Jörg Berger. Von ihm erzählt unsere Goal.com-Serie „20 Jahre – 20 Momente“ heute.

Von Nils RESCHKE

Bundesliga-Saison 1997/98: KSC-Trainer Jörg Berger (Getty Images)

Frankfurt/Main. Auch in der Bundesliga-Spielzeit 2010/11 ist zu erwarten, dass wieder einige Vereine hinter den Erwartungen zurückbleiben, gar in den Abstiegsstrudel geraten. In solchen Fällen griff der Vorstand gerne zum Telefonhörer, um eine ganz bestimmte Nummer zu wählen: „Berger, übernehmen Sie!“ Doch Jörg Berger, der Trainer, den sie gerne ob seiner Motivationskünste in Extremsituationen auch den „Feuerwehrmann“ nannten, wird keine Brände mehr löschen können. Am 23. Juni 2010 verstarb der Übungsleiter im Alter von 65 Jahren in Duisburg an einem langjährigen Krebsleiden und verlor seinen schwersten Kampf – abseits des Stadions.

Berger, Fjörtoft und die Titanic

Im November 2008 begann für Jörg Berger nach der Diagnose Krebs die Chemotherapie. Trotz aller Rückschläge zeichnete ihn als Trainer stets eines aus: Kämpferherz! Berger selbst wusste das, gab öffentlich bekannt: „Ich tue das, was ich immer am besten konnte. Ich kämpfe, ich blicke nach vorn.“ Seine Spieler erreichte der in Polen geborene und in der DDR aufgewachsene Coach genau damit. Jan Age Fjörtoft, Frankfurts Held im Abstiegskampf 1999, adelte Berger seinerzeit mit den Worten: „Jörg Berger ist so ein guter Trainer, der hätte auch die Titanic gerettet.“ Treffender konnte man es nicht formulieren.

„Auf Schalke“ nach oben

Denn den größten Brandherd löschte Jörg Berger am 29. Mai 1999 bei der Eintracht, die mit dem Rücken zur Wand stand, sich dank eines unvergessenen 5:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern aber in letzter Sekunde rettete. Besser gesagt: Berger rettete Frankfurt, indem er seinen Spielern einbläute, an die winzige Chance zu glauben. Mit Jörg Berger verbinden deswegen alle Fußballfans nach wie vor den Inbegriff der letzten Chance, die Klasse doch noch zu halten. So wie in Frankfurt hatte er bereits mit dem 1. FC Köln und dem Karlsruher SC die Klasse gehalten. „Auf Schalke“ etablierte er die Königsblauen nach dem Wiederaufstieg auf ihrem Weg nach oben. Dort erfuhr Jörg Berger aber auch das erste Mal auf besonders bittere Art und Weise, dass sportliche Erfolge ganz schnell nichts mehr zählen. Gemeinsam hatte er mit Manager Rudi Assauer den krisengebeutelten Club bis in den UEF-Cup geführt. Am 3. Oktober 1996 wurde Berger dann entlassen. Den UEFA-Cup-Sieg mit „seinen“ Eurofightern feierte Huub Stevens.

Flucht in den Westen

Auch Jörg Bergers Privatleben schrieb ganz besondere Kapitel. Seine aktive Fußballlaufbahn bei Lokomotive Leipzig war aufgrund einer hartnäckigen Muskelverletzung schnell beendet. Ebenso rasch machte sich Berger aber einen Namen als Übungsleiter in der DDR und nutzte dies 1979 zur Flucht in den Westen, obwohl er bereits inoffiziell als Nachfolger von Georg Buchner als DDR-Nationaltrainer galt. Der Stasi blieb Berger nach seinem „Abgang“ ein Dorn im Auge. Der Coach erhielt anonyme Morddrohungen und wehrte sich dagegen. Bei allen Spielen um Tore, Punkte und den Klassenerhalt musste der Übungsleiter auch gegen den Staatssicherheitsdienst kämpfen. Später wurde gar ein Giftanschlag auf Berger zu Beginn seiner Trainerkarriere im Westen öffentlich.

Vom Tivoli in Aachen...

Das alles schreckte Jörg Berger nicht ab – im Gegenteil. Es machte ihn stark, und der Trainer verstand es auch nach seiner persönlichen Enttäuschung beim FC Schalke, diese positive Energie auf seine Spieler zu übertragen. Beim KSC gelang ihm ebenso der Klassenerhalt wie 1999 beim beschriebenen „Finale furioso“ mit der Frankfurter Eintracht. Doch Jörg Berger trieb auch die Sehnsucht, einen Verein auf längere Dauer zu führen und nicht immer nur als „Mann fürs Grobe“ angeheuert zu werden. Im Oktober 2001 führte ihn sein Weg nach Aachen auf den Tivoli.

...bis ins Pokal-Finale nach Berlin

Dort ereilte Jörg Berger dann die schreckliche Diagnose: Darmtumor! 2002 musste sich der Alemannia-Coach operieren lassen, kehrte aber an die Seitenlinie zurück. Und feierte mit den Aachenern unter anderem dank eines 2:1 gegen Bayern München den Einzug ins DFB-Pokal-Endspiel. Ein Titel blieb ihm auch da gegen Werder Bremen verwehrt. Doch weil die Grün-Weißen Meister wurden und in der Champions League spielten, schaffte Aachen den Sprung in den UEFA-Cup. Ein Trostpflaster auch für Jörg Berger bei seinem Abschied aus Aachen, hatte die Alemannia doch am letzten Spieltag beim Karlsruher SC den Aufstieg in die Bundesliga verspielt.

Ein letzter Einsatz auf der Alm

Aachen kämpfte also erstmals um internationalen Ruhm, während sein ehemaliger Trainer um sein Leben kämpfte. 2005 kehrte Bergers tückische Krankheit zurück. Er musste sich wegen der diagnostizierten Lebermetastasen erneut operieren lassen. Es folgte 2008 eine Chemotherapie. Trotzdem hielt Jörg Berger nichts davon ab, bei Arminia Bielefeld ein letztes Mal im Profi-Fußball einzuspringen – am allerletzten Spieltag! Das passte zu seinem bewegenden Leben. Doch die Arminia konnte er nicht vor dem Absturz in die Liga zwei bewahren. Für Jörg Berger ging indes der Kampf gegen den Krebs weiter: „Früher musste ich Mannschaften retten. Jetzt muss ich mich selber retten.“ Am 23. Juni 2010 hatte er seinen Kampf verloren.

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„20 Jahre – 20 Momente“, das ist die Goal.com-Serie zur deutschen Fußball-Einheit. Denn der 21. November 1990 war im deutschen Fußball ein historischer Tag: Der Verband der DDR wurde aufgelöst. Geboren als neues Mitglied des DFB war der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV). Die deutsche Fußball-Einheit war 49 Tage nach der politischen Deutschen Einheit vollzogen. Goal.com erinnert an die größten Triumphe, tragischsten Momente und berüchtigsten Skandale der letzten 20 Jahre.



 
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