|
|
Oranjes Metamorphose zur Turnierelftal
Der 22. Juni 2008 ist der Tag, an dem der „Voetbal Totaal“ starb. Ruud van Nistelrooy schleppte sich mit Krämpfen durch den Baseler St. Jakob-Park und konnte nur zusehen, wie Torbinski und Arshavin den Oranje-Express in der Verlängerung überrollten. Wenn auch von Guus Hiddink geführt, war es doch nur „irgendeine“ Mannschaft, die den großen EM-Favoriten Holland ein weiteres Mal in die Schranken wies.
Von Francois DUCHATEAU
Basel/Kapstadt. Eigentlich hätte sich Fassungslosigkeit in den niederen Landen breitmachen müssen, schließlich hatte Marco van Bastens „Elftal“ zuvor in der „Todesgruppe“ die beiden letzten WM-Finalisten regelrecht vorgeführt, der zweite Anzug sogar die Rumänen nach deren Top-Quali mühelos abgefertigt. Doch man kannte das Gefühl bereits: Die Niederlande hatte nur ein weiteres Mal den Beweis erbracht, zu früh abgehoben zu sein, zu früh das Pulver verschossen zu haben und zu früh mit den Gedanken beim möglichen Halbfinale gegen Spanien gewesen zu sein. Doch Endstation war bereits gegen Russland. Wieder einmal starb Oranje in Schönheit. Mit van Marwijk schlägt die Stunde null
Jeder Tod ist auch eine neue Geburt und so beginnt mit der Amtsübergabe an Bert van Marwijk nach der EURO 2008 Hollands Stunde null. Dass der 16-Millionen-Einwohner-Staat Weltklasse-Spieler, -Talente und Traumfußball spielen kann, haben Generationen von Generation schon bewiesen, doch bis auf einen Europameistertitel (1988) blieb davon unterm Strich nichts übrig. Stattdessen musste man zusehen, wie meist die abgezockten Italiener oder Deutschen die Titel mit nach Hause schleppten.
Aus den Narben der Vergangenheit gelernt
Van Marwijk hat es sich wortwörtlich zur Mission gemacht, diesen Zustand zu verändern. Der Ex-Dortmunder wollte Hollands Titeldurst stillen und aus den Narben der Vergangenheit lernen. Bereits in seiner ersten Ansprache formulierte er überdeutlich das Ziel: „Wir wollen Weltmeister werden.“ Etwas, das Co-Trainer Frank de Boer so direkt in dieser Form beispielsweise 1998 aus Guus Hiddinks Mund nie zu hören bekam.

Van Marwijk formulierte dieses Ziel nicht nur, sondern stellte seinen Spielern einen Masterplan vor, mit dem man wortwörtlich Schritt für Schritt dem Traum immer näher kommen sollte. Die Zeit der Euphorie war damit endgültig vorbei: Jedes Match war ein neues Endspiel, denn von Favoritenstellungen oder schönem Fußball der Vergangenheit kann man sich nichts kaufen. Obwohl die holländische Nationalmannschaft mittlerweile historische 24 Mal ungeschlagen blieb, redet van Marwijk immer weiter vom „Fokus“, es dürfte wohl das Wort des Jahres in den Niederlanden werden. Dass Oranje Brasilien erstmals seit 1974 bei einem WM-Turnier wieder ausschalten konnte ist nicht mehr als Teilerfolg, eine Etappe auf dem Weg zum Cup. „Natürlich bin ich glücklich. Aber wir laufen jetzt nicht den ganzen Tag stolz herum und machen eine Polonaise. Wir sind noch nicht am Ziel.“
Alles richtig gemacht
Van Marwijk hat bisher alles richtig gemacht. Alle redeten vor Südafrika nur von den „Großen Vier“, doch am Ende sah jeder gegen Brasilien ein, dass ohne Dirk Kuyt die Balance nicht gestimmt hätte, um beispielsweise einem Maicon außer Gefecht zu setzen. Das späte Zuhauselassen von Ruud van Nistelrooy war nichts anderes, als ein enormer Vertrauensbeweis an sein Kollektiv, das seit 2008 mit ihm an seiner Mission arbeiten. Egotrips und Eifersüchteleien werden im Keim erstickt.
In den Niederlanden musste man sich erst einmal damit abfinden, dass die Zeit der Schönspielerei vorbei ist. Ein Mark van Bommel und Nigel de Jong sind auf einmal die Säulen der Startelf, mit dem simplen Ziel der Zerstörung des gegnerischen Spiels, während Ballkünstler wie Elia, van der Vaart, Huntelaar, Afellay und Babel auf der Bank bleiben. Das System van Marwijk steht für Stabilität – Oranje qualifizierte sich nicht nur als erstes europäisches Team für Südafrika, sondern weist trotz einer alles andere als prominenten Abwehrreihe eine ordentliche Bilanz auf – dennoch wird selbstbewusst, aber eben nicht kopflos stur nach vorne gespielt.

Offene Rechnungen mit dem Effektivfußball
Im Land der Cruijff-Manie wird viel genörgelt über den „nüchternen“ Effektivfußball, den van Marwijk spielen lässt. Doch mittlerweile hat man sich auch mit diesem arrangiert. Der Zweck heiligt schließlich die Mittel, in dem Fall die Resultate den Hunger nach dem WM-Pokal. Dass Deutschland auf einmal mit traumhaft jugendlichem Kombinationsfußball daherkommt, beeindruckt in Holland niemanden. Man genießt sogar den eigenen „deutschen Stil“, bestätigt Frank de Boer: „Noch bei der EM 2008 haben wir große Spiele gemacht, 3:0 gegen Italien, 4:1 gegen Frankreich, dann aber gegen Russland sang- und klanglos verloren. Unser Ziel war, Stabilität zu gewinnen. Dieses Team ist reif, es hat ein System verinnerlicht. Wir können jetzt ein Spiel schlecht beginnen und doch siegen.“ Hugo Borst, bekannter holländischer Kolumnist, schrieb am Wochenende im Algemeen Dagblad: „Holland wordt geen wereldkampioen, Holland wordt Weltmeister.“ Nach 1974 gibt es also immer noch eine offene Rechnung und angesprochen auf sein Traumszenario fürs WM-Finale gestand Henk Ten Cate am Wochenende auf NOS: „Deutschland spielt besser, aber Holland trifft in allerletzter Minute.“
„Fokus“ auf Uruguay
Doch Bert van Marwijk verbietet aktuell Gedanken ans Endspiel, der „Fokus“ liegt nun auf Uruguay, der Teamspirit, die Anspannung, die Ernsthaftigkeit ist vollends da. „Das nächste Spiel ist ein ganz gefährliches. Die Spieler von Uruguay sind große Kämpfer und Überlebenskünstler“, warnt er. Dass so ein starker Glaube – denn Euphorie ist es nicht - in den Niederlanden in seine Arbeit herrscht, liegt an der Erkenntnis, dass Oranje zur Turniermannschaft mutiert ist. Jeder weiß, dass noch Luft nach oben herrscht, doch Holland wird von Spiel zu Spiel stärker, unbezwingbarer, vor allem mental. „Der Höhepunkt ist noch nicht erreicht. Wir haben eine Mission zu erfüllen und wollen Weltmeister werden.“ Auch Dirk Kuyts Hunger ist noch nicht gestillt. „In dieser Truppe steckt so viel. Wir wollen mehr. Wir wollen alles. Bei der WM in Südafrika konnte jeder sehen, wie sehr sich das Team im Vergleich zu damals weiterentwickelt hat. Damals ist alles außer Kontrolle geraten. Mittlerweile ist die Mannschaft mental aber so stark, dass wir uns vom Auftreten des Gegners nicht mehr durcheinanderbringen lassen. Und am Dienstag gegen Uruguay werden wir wieder so spielen, als wäre es die letzte Partie unseres Lebens.“Die Goal.com WM-Kommentatoren: Unser Team für Südafrika

Dein Tipp
Niederlande - Nordirland
Tipp abgegeben
Most Popular Predictions
-
Niederlande 3-0 Nordirland
- 19.1 %
-
Niederlande 3-1 Nordirland
- 13.92 %
-
Niederlande 2-0 Nordirland
- 12.03 %
Goal.com-Flutlicht
/* empty because this one does not have controls */?>
-
Eden Hazard und die Geschichte des Millionentransfers, der ihn zu Chelsea führte
Es ging um richtig viel Geld, als der belgische Shootingstar beiden Großklubs aus Manchester absagte und an die „Stamford Bridge“ wechselte. Dort macht er nun so richtig Kasse.
-
Bensingers Bayern – Die FCB-Kolumne: Mit zwei Spitzen gegen dreckige Scheine?
KOLUMNE - Jede Woche gibt euch FCB-Reporter Maximilian Bensinger Einblick in sein Gefühlsleben. Was gibt es Neues an der Säbener Straße? Emotional und erschreckend subjektiv!
-
Mit Giovinco, M'Vila & van der Wiel: Die EM-Stars, die in diesem Sommer wechseln könnten
Die EM bietet den teilnehmenden Akteuren die Möglichkeit, sich ins Schaufenster zu stellen, um sich für neue Klubs zu empfehlen - wir bieten einen Überblick der Wechselkandidaten.
-
Starte dein eigenes Tippspiel auf Kicktipp.de!
Ob Bundesliga, Fußball International oder EM 2012 - Tippe jetzt online gegen Freunde und Kollegen in deiner eigenen Tipprunde