Patrick Ebert exklusiv: "Man hat plötzlich Kohle und dreht durch"

Einst galt er als kommender Star. Heute spielt Ebert in Spanien und spricht bei Goal über seine Karriere, Freundschaft und verrät, von welchem Star er im Sommer Trauzeuge war.

EXKLUSIV

Als junger Spieler war Patrick Ebert eines der größten Talente Deutschlands und Teil des U19-Jahrgangs von Hertha BSC um Jerome Boateng, der zweimal in Folge ins Halbfinale der deutschen Meisterschaft vorstieß. Er avancierte auch bei den Profis zum Publikumsliebling und krönte sich 2009 mit Deutschland an der Seite der späteren Weltmeister Boateng, Manuel Neuer, Sami Khedira, Mats Hummels, Mesut Özil und Benedikt Höwedes zum U21-Europameister. 

Aus der großen Karriere wurde dennoch nichts. Auch, weil Ebert abseits des Platzes für Negativschlagzeilen sorgte und etwa mit Kumpel Kevin-Prince Boateng Sachbeschädigung beging. Heute spielt der mittlerweile 29-Jährige in Spanien für Rayo Vallecano. Im Sommer entschied er sich trotz diverser Anfragen, Rayo in die Segunda Division zu begleiten, da der Verein ihm während einer langwierigen Verletzung zur Seite stand.

Nach einer guten Vorbereitung ist er nun zurück und in Top-Form. Erst am vergangenen Wochenende traf er für die Hauptstädter. Bei Goal spricht er über begangene Fehler, sein Bild in den Medien, die Freundschaft zu den Boateng-Brüdern und seine Zeit in Moskau.

Sie haben sich im Sommer 2015 entschieden, zu Rayo Vallecano zu wechseln. Warum?

Patrick Ebert: Ich wollte Moskau gerne verlassen und zurück nach Spanien, wo ich bereits von 2012 bis 2014 gespielt hatte (bei Real Valladolid, Anm. d. Red.). Da kam das Angebot von Rayo gerade recht. Schließlich wollen wir jetzt den direkten Wiederaufstieg in die Primera Division, eine der besten Ligen der Welt.

Rayo ist in einem Vorort Madrids beheimatet. Wie ist das Leben in solch einer Metropole?

Ebert: Sehr gut und ganz anders als das in Berlin oder auch Moskau. Die Menschen sind viel mehr draußen, weil das Wetter so gut ist. Alle sind freundlich, die Lebensqualität ist sehr hoch. Ich bin aber nicht hier, um die Sonne zu genießen, sondern um Fußball zu spielen.

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Sprechen Sie inzwischen Spanisch? Schließlich spielten sie bereits von 2012 bis 2014 auf der iberischen Halbinsel.

Ebert: Es wird immer besser und ich kam nach der einjährigen Auszeit, während der ich in Moskau gespielt habe, wieder sehr schnell rein. Ich verstehe alles, kann mich selbst flüssig unterhalten. Natürlich gibt es aber auch viele Vokabeln, die ich noch nicht drauf habe. Gerade die, die nicht jeden Tag im Alltag vorkommen.

Verletzungen prägten Ihre Karriere. Wie geht es Ihnen derzeit?

Ebert: Ich bin sehr froh, inzwischen wieder voll belastbar zu sein und meine volle Leistungsfähigkeit abrufen zu können. Im letzten Jahr war ich acht Monate verletzt, daher genieße ich es jetzt, auf dem Platz zu stehen und zu spielen. Ich habe mir vor zwei Wochen den Ellbogen gebrochen und deshalb die letzten beiden Spiele verpasst, jetzt kann ich aber wieder spielen – und bin entsprechend heiß darauf.

Ihr Abgang aus Spanien 2014 verlief ein wenig unglücklich. Ihnen wurde vonseiten Valladolids Vertragsbruch vorgeworfen. Was war damals los?

Ebert: Was heißt unglücklich? Die Zeitungen schreiben immer viel. Mich hat aber nie jemand nach meiner Meinung gefragt. Ich hatte für zwei Jahre dort unterschrieben und mir wurde versichert, dass ich nach einer guten Saison, beim Klassenerhalt, und einem entsprechenden Angebot gehen darf. Die passenden Angebote waren dann da, auch aus der Bundesliga. Man hat mich aber nicht gehen lassen. Ich bin professionell geblieben, habe weiter alles für den Verein gegeben. Im Winter wollte man mir wieder Steine in den Weg legen. Zum Glück hat es mit Moskau dann geklappt.

Wie nervig ist es denn, wenn man Falsches über sich in den Medien liest?

Ebert: Wir sind Personen der Öffentlichkeit, da muss man damit rechnen. Man kann das gar nicht verhindern, was die Leute schreiben und man würde ja verrückt werden, wenn man ständig darüber nachdenkt. Ich würde mir wünschen, dass die Leute mich zuerst persönlich kennen lernen, um zu sehen, dass ich kein Idiot bin. Das passiert allerdings leider sehr selten. Die Leute, die mich kennen, meine Familie, meine Freunde, wissen wie ich bin und dass das Bild, das von mir früher in den Medien existiert hat, falsch ist. Ich finde das schade, dass man diesen Stempel nicht mehr los wird. Genau deshalb lese ich auch keine Zeitung mehr.

Das von Ihnen angesprochene Bild Ihrer Person hat vor allem mit der Zeit bei der Hertha zu tun. Wie kam es, dass die Wahrnehmung Ihrer Person ins Negative abrutschte?

Ebert: Ich war jung damals und sicherlich nicht so professionell, wie man das von einem Profi erwarten sollte. Ich habe mich von mehreren Faktoren ablenken lassen. Seit sechs Jahren hat man keine negativen Schlagzeilen über mich mehr gelesen. Ich bin mittlerweile erwachsen und weiß, worum es geht im Fußball.

Heute leben Sie professioneller und haben sogar einen privaten Physiotherapeuten.

Ebert: Ich bin jetzt 29 Jahre alt. Als ich 19 war, konnte ich 18 Einheiten absolvieren und habe keinen Physio gebraucht. Das ist heute anders. Wir brauchen unsere Beine jeden Tag und leben von der Leistung unserer Körper. Da muss man einiges investieren. Ich habe seit meiner Zeit in Valladolid meinen eigenen Physio, der auch in Russland war und mich auch hier schon besucht hat. Ich merke, dass es mir gut tut. Natürlich ist auch die Ernährung sehr wichtig, dieser Einfluss von Nahrung und Schlaf war mir früher nicht bewusst.

Wie gehen Sie heute mit jungen Spielern um?

Ebert: Ich glaube, dass jeder gewisse Erfahrungen selbst machen und aus ihnen lernen muss. Jeder hat seinen eigenen Charakter und sein persönliches Umfeld. Daraus ergeben sich gerade als junger Spieler einige Handlungen, die sich im Nachhinein als klug oder eben als nicht so klug entpuppen. So ist das als Mensch. Ich versuche aber natürlich schon, mit unseren jungen Spielern zur reden. Wenn ich sehe, dass es nicht wirklich funktioniert, obwohl sie es eigentlich drauf haben, versuche ich, ihnen zu helfen und zu verhindern, dass sie die gleichen Fehler wie ich machen.

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Sie könnten sich sogar vorstellen, nach der Karriere jungen Spielern in beratender Funktion zur Seite zu stehen.

Ebert: Mir hat früher nie jemand Grenzen aufgezeigt. Im Gegenteil: Mein Umfeld hat mich teilweise eher bestärkt darin, falsche Entscheidungen zu treffen. Da hieß es: 'Komm schon, wir gehen heute Abend weg.' Deswegen habe ich mir Gedanken darüber gemacht, nach der Karriere Spielern zu helfen und ihnen Sachen mit auf den Weg zu geben, die ihnen sonst niemand sagt. Da ist Ehrlichkeit ganz wichtig. Denn es hilft keinem, wenn man ihn schonen will, indem man nicht ehrlich ist. Das würde ich mir wünschen, dass junge Spieler häufiger jemanden hätten, der Erfahrung hat, und der ihnen auch mal sagt: "So nicht!'.

Glauben Sie, dass die Vereine ihre jungen Spieler heute besser schützen?

Ebert: Das glaube ich schon. Und das ist auch gut so. Denn man unterschreibt als junger Kerl Verträge, wo es um viel Geld geht. Damit umzugehen ist sicherlich nicht einfach. Man hat plötzlich Kohle, dreht ein bisschen durch und macht Dinge, die man später bereut. In Deutschland kümmern sich die Vereine sehr gut um ihre Talente und bringen sie auf den rechten Weg. Wenn das allerdings übertriebene Züge annimmt und kein Spieler mehr ein Interview geben kann, ohne vom Verein Anweisungen zu bekommen, dann ist das zu viel des Guten.

Fußballerisch waren sie eines der größten Talente Deutschlands. Was braucht es neben dem Talent noch, um es zu schaffen?

Ebert: Ganz klar den Willen. Gerade in Phasen, in denen es nicht so gut läuft oder nach Verletzungen. Außerdem ist es ganz wichtig bei all der Professionalität sein Herz, sprich seine Begeisterung für das, was man tut, nicht zu verlieren. Man braucht natürlich auch Glück. Verletzungen werfen einen immer zurück. Heutzutage muss man zudem fußballerisch breit aufgestellt sein. Physis, Schusstechnik, Passspiel, Technik. Wenn das alles stimmt, spielt man Champions League. (lacht)

Warum sind Sie damals, als Sie Berlin verlassen haben, nicht in Deutschland geblieben?

Ebert: Es war so, dass ich für keinen anderen Verein als die Hertha spielen wollte. Ich war dort 14, 15 Jahre und hatte eine super Zeit. Ich hatte schon vorher mit Kevin (Prince Boateng, Anm. d. Red.) darüber geredet, dass wir in allen vier großen Ligen, also Deutschland, England, Spanien und Italien, spielen wollen. Da dachte ich mir: Warum nicht nach Spanien wechseln. Kevin hat in allen gespielt, ich bisher nur in Deutschland und Spanien. Aber wer weiß, ich bin ja noch nicht 36 und habe noch einige Jahre vor mir. Es war damals eine gute Entscheidung, die ich nicht bereue.


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Sie waren als junger Spieler eng mit den Boateng-Brüdern befreundet. Besteht diese Freundschaft nach wie vor?

Ebert: Ja, so eine Zeit vergisst man nicht so einfach. Ich bin noch mit den ganzen Jungs von früher befreundet. Sejad Salihovic zum Beispiel. Oder Christian Müller und Änis Ben-Hatira. Ich war im Sommer sogar Trauzeuge auf der Hochzeit von Kevin. Manchmal redet man ein, zwei Monate nicht, aber ich denke, wir alle haben nicht vergessen, wo wir herkommen und was uns verbindet. Deshalb denke ich, wir werden ewig befreundet sein.

Sind Freundschaften besonders eng, wenn man gemeinsam den Weg zum Profi gegangen ist?

Ebert: Auf jeden Fall! Wir waren alle jung, zehn, elf Jahre alt, als wir uns kennengelernt haben und hatten einen Traum: Profis zu werden und im Olympiastadion zu spielen. Acht Spieler aus meinem Jahrgang haben es geschafft. Das ist natürlich eine Riesen-Sache, die uns alle zusammengeschweißt und geprägt hat. Es ist einfach schön, wenn man sieht, dass wir alle das nicht vergessen haben. Generell lernt man als Fußballer ständig neue Leute kennen. Mit den einen versteht man sich gut, mit den anderen nicht so gut. Genau wie im richtigen Leben.

In Moskau wohnten Sie mit Serdar Tasci in einem Haus. Haben Sie zu ihm noch Kontakt?

Ebert: Serdar ist ein guter Junge, ich habe mich mit ihm gut verstanden. Als er zu Bayern gewechselt ist, haben wir geschrieben. Seit er wieder zurück in Russland ist, hatten wir noch keinen Kontakt. Aber wir hatten eine gute Zeit zusammen und haben viel gelacht.

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Verfolgen Sie den deutschen Fußball regelmäßig?

Ebert: Wer mich kennt, weiß, dass ich fußballverrückt bin. Ich schaue nicht nur die Bundesliga, sondern auch die Premier League und natürlich LaLiga. Ich verfolge die Spiele von Jerome (Boateng, Anm. d. Red.), weil es mich interessiert und er eine überragende Entwicklung genommen hat. Die Spiele von Kevin auch, weil er auf meiner Position spielt und mich seine Verhalten auf dem Platz interessiert. Sonst schaue ich vor allem Spiele von Mannschaften, die schönen Fußball spielen.

Wie fühlt es sich an, wenn ein alter Freund wie Jerome Boateng plötzlich zu den besten Spielern der Welt gehört?

Ebert: Ich freue mich riesig für ihn, er hat es verdient. Ich wünsche jedem nur das Beste, mit dem ich zusammen groß geworden bin. Es war für uns alle abzusehen, weil er schon damals dieses große Potenzial hatte und völlig klar im Kopf war. Er ist völlig zurecht Fußballer des Jahres geworden. Schön, so etwas zu sehen.

Wäre auch denkbar, dass wir Sie noch einmal in der Bundesliga sehen?

Ebert: Man weiß im Fußball nie. Im Moment bin ich hier, ich weiß nicht, wo ich nächstes Jahr bin und nicht, wo ich in drei Jahren bin. Das kann man nie vorher sagen. Es hängt alles von meinen Leistungen ab.

Gibt es eine Frage, die Sie sich wünschen würden, in Interviews häufiger gefragt zu werden?

Ebert: Ich hätte eine Bitte. Berichtet, wenn ihr könnt, über aktuelle Sachen und über Leistung. Ich habe kein Problem, wenn man nach einer schlechten Leistung oder einer Roten Karte schlecht über mich schreibt. Aber holt nicht acht Jahre alte Geschichten immer wieder hervor. Lasst doch die Spieler Menschen sein und bleibt beim Sportlichen. Ich verstehe nicht, warum man das immer wieder macht. Was will man damit erreichen? Mich tangiert das zwar sowieso nicht, da ich es nicht lese, aber ich würde mir wünschen, dass man den künftigen jungen Spielern erspart, ständig Ereignisse neben dem Platz aufzugreifen und dass man die Vergangenheit ruhen lässt.