Ein Double erinnert sich: Wie ich einmal Uli Hoeneß war



Zum 60. Geburtstag des Bayern-Managers erinnert sich Matthias Greulich an ein legendäres Fotoshooting als Uli-Hoeneß-Double an der Seite von Tattoo-Theo.

Mit einem Benefizspiel 2003 rettete Hoeneß mit dem FC Bayern den FC St. Pauli
Bongarts

München.
Da war die Sache mit den Rüben. Tattoo-Theo würde sie Uli Hoeneß auf den Unterarm stechen, ein Fotograf die Szene für die Ewigkeit festhalten. Da nicht zu erwarten war, dass der Bayern-Manager mitmachen würde, musste ein Hoeneß-Double her. Dieses Double war ich, wobei ein Hoeneß-Kopf später überdeutlich sichtbar auf das Bild unseres Fotografen Stefan Schmid montiert wurde. Immerhin: Tattoo-Theo war echt und pünktlich auf die Minute im Tätowierstudio auf St. Pauli erschienen. Die Idee mit den Rüben gefiel ihm.



Im Januar 2002 arbeiteten wir mit der Redaktion des vom FC St. Pauli herausgegebenen Magazins „1/4NACH5“ an einer liebevoll-ironischen Begrüßung der großen Bayern und ihres Managers, der gerade 50 geworden war. „Einer von uns“, hieß die Geschichte über den CSU-Sympathisanten, der damals zum ersten Mal mit Sympathiebekundungen für den Kiezklub aufgefallen war. Nun würde der am ganzen Körper tätowierte Theo Vetter bleibende Fakten schaffen.




Im "Rübenkrieg" mit Arbeiterfaust: Das Cover des "Millerntor Magazins", das 1989 nicht im Stadion vekauft werden durfte. Später erschien das Blatt mit dem Aufdruck: "Empfohlen von Uli Hoeneß"

Immerhin war Theo wegen des Bayern vor ein paar Jahren sogar für ein paar Stunden in den Knast gewandert, was ihn für diese Versöhnungsgeste denkbar geeignet erscheinen ließ. Während ich also in meinem besten Pullover auf dem Tätowierstuhl Platz nahm, erzählte Theo in breitem Hamburgischer Akzent vom „Rübenkrieg“, wie ihn der Boulevard seinerzeit getauft hatten. „Als Bayern München zu uns ans Millerntor kam, meinte Uli Hoeneß, dass man auf so ’nem Rübenacker nicht Fußball spielen kann. Ich fühlte mich in meiner Ehre als Fan und Hamburger verletzt. Was bildet der sich ein?“, dachte ich. Zum Rückspiel im Münchener Olympiastadion wollte er Hoeneß zehn Kisten Teltower Rübchen überreichen. „Da warteten schon fünf Ordner und haben mich festgehalten. ,Herr Hoeneß wünscht das nicht’, hieß es. Die Rüben sollte ich wieder mitnehmen. Dann haben mich fünf Polizisten abgeführt.“

Noch ein zweites Mal hatte es Ärger mit Theo und den Bayern gegeben: Seine – natürlich ebenfalls tätowierte – Arbeiterfaust auf dem Cover der damaligen Stadionzeitung „Millerntor Magazin“ war dabei weniger das Problem als die plakative Titelzeile „Der Klassenkampf“. Der zwar zugespitzte aber zutreffende Hinweis auf die arg unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten beider Klubs war für einen schäumenden Hoeneß nicht hinnehmbar. Er machte deutlich, dass der FC Bayern beim geringsten Zwischenfall - wie dem Werfen von Pfennigstücken auf die Bayern-Trainerbank wie ein Jahr zuvor geschehen - den Platz verlassen werde. Wie meist siegte auch hier die Abteilung Attacke gegen die hasenfüßige Konkurrenz: Der FC St. Pauli stoppte beschämt den Verkauf seiner eigenen Stadionzeitung. 



Mit Nadel und Farben: Theo sticht im Sunset Tattoo Studio auf St. Pauli eine Rübe in Ulis Unterarm; 
Foto: Stefan Schmid

Ob „Rübenkrieg“ oder Angriff auf die Pressefreiheit: Alles lange vergeben und vergessen. Uli Hoeneß war nun auf Lebenszeit St. Paulianer. Dass er anderthalb Jahre später tatsächlich mithalf, den von der Insolvenz bedrohten Klub durch ein Benefizspiel zu retten und im „Retter“-T-Shirt eine Ehrenrunde auf dem „Rübenacker“ drehte, dürfte nicht nur seinem neuen Kumpel Theo Tränen in die Augen getrieben haben. Persönlich kann Theo Vetter seinem Idol Uli Hoeneß nun leider nicht mehr gratulieren, er ist am 14. Juli 2004 gestorben.


 
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