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Ausnahmespieler Socrates: Jede Sekunde muss die Beste sein
Am 4. Dezember ist Socrates gestorben: Er war der Kapitän der grandiosen brasilianischen Elf in den Achtzigern und kämpfte für demokratische Verhältnisse in seinem Heimatland.
Von Sebastian Knoth
Sócrates_Brasil

„Gewinn und Erfolg sind das Einzige, was für viele Menschen zählt. Aber es gibt diese und jene Werte. Ich meine: Jede Sekunde in meinem Leben muss die beste sein und die nächste muss die vorangegangene übertreffen. Was wirklich zählt, ist Glücklichsein.“
Aus welchem Munde wohl diese gedankenschweren Wörter stammen? Vielleicht Horaz? Nein, Sokrates. Unverkennbar, der griechische Philosoph. Falsch, der brasilianische Fußballer. Sein Name schien Programm zu sein: Sócrates. Der große Denker. Die auffallende Eloquenz sowie sein politischer Scharfsinn beeindruckten. Die Begeisterung für Bücher habe er von seinem Vater, dessen Liebe zur klassischen griechischen Literatur er außerdem seinen ungewöhnlichen Vornamen verdanke. Ein Intellektueller unter brasilianischen Fußballern? Eher eine Seltenheit. Aber was genau unterscheidete den ehemaligen Starspieler von den anderen Mitgliedern seiner Zunft? Die Antwort ist beim Anblick seiner Vita schnell gefunden: Wie kaum ein anderer Fußballer nutzte der einstige Weltklassespieler seine, durch den Sport erlangte, Popularität, als Plattform zur Äußerung politischer Ansichten – und den Kampf für Demokratie in seiner Heimat.
Sócrates zog in den 1980ern als genialer Mittelfeldstratege die Fäden der Seleção und führte die Kanarienvögel bei zwei Weltmeisterschaften als Kapitän auf das Spielfeld. 1982 in Spanien und 1986 in Mexiko zählten die Brasilianer auf Grund ihres gefürchteten Mittelfeldaufgebotes mit Sócrates, Falcão und Zico zu den Turnierfavoriten. Der Erfolg blieb aus. In Spanien 1982 stoppten der torhungrige Rossi und die Italiener die begnadeten Techniker und im Viertelfinale 1986 versagten den Ballkünstlern gegen Frankreich im Elfmeterschießen die Nerven. Auch Sócrates scheiterte seinerzeit vom Punkt. Weltmeister wurde er nie. Auch wenn er zu einer der besten und begabtesten Generationen des südamerikanischen Fußballs gezählt wird, der fehlende große Titel haftet ihm und seinen einstigen Mitstreitern noch heute an.

Wir blicken zurück: Bei Corinthians in São Paulo, von 1978 bis 1984 die fußballerische Heimat Sócrates`, spielten sich ehemals nicht nur auf dem grünen Rasen rätselhafte Szenen ab. Ende der Siebziger, als das aufstrebende Talent bei dem großen Traditionsverein der Millionenmetropole anheuerte, herrschte im Klub eine klar strukturierte Hierarchie. Eine autoritäre Führung thronte an der Spitze und verstand es bestens die persönlichen Belange ihrer Spieler gekonnt zu ignorieren. Unverblümt gesagt: Brasilien und Freiheit, zu dieser Zeit zwei nicht vereinbare Gegenspieler. In den Straßen und Städten befahlen und unterdrückten die Militärs, in den Vereinen des Landes die eigenmächtigen und herrschsüchtigen Bosse. Dem sozialistisch angehauchten Sócrates waren diese Ungerechtigkeiten seit langem ein Dorn im Auge.
Während seiner Studentenzeit hatte er die Repressionen des Militärregimes am eigenen Leibe erfahren müssen. Jetzt war das Fass endgültig übergelaufen. Gemeinsam mit etlichen der lange Zeit geknebelten Leidensgenossen, sehnte sich der studierende Fußballer nach dem süßen Duft der Demokratie. Und natürlich nicht nur auf politischer Ebene. Selbstverständlich auch im Verein. Sócrates gründete mit seinen Mitspielern die „Democracia Corinthiana“ eine Spielerbewegung, die fortan im eigenen Team demokratische Richtlinien etablierte. „Wir entschieden alles durch Mehrheitsbeschluss. Auch ganz simple Dinge wie etwa: Um wieviel Uhr essen wir zu Mittag? Es gab drei oder vier Vorschläge, wir stimmten darüber ab, und die Mehrheitsentscheidung wurde akzeptiert. Es gab keine Probleme,“ erklärt Sócrates das innovative Vorgehen.
In Folge der „abertura“ – jene demokratische Öffnung des Landes nach der Militärherrschaft durch Präsident Figueiredo –, versuchten die Mitglieder der „corinthianischen Demokratie„ mittels politischer Botschaften das brasilianische Volk zur Wahrung ihrer wiedererlangten Rechte zu animieren. Im Vorfeld der Wahlen im November 1982, druckten die Freiheitskämpfer „Wählt am 15.“ auf den Rücken ihrer Trikots. Im selben Jahr feierte die Mannschaft mit dem Aufdruck „Demokratie“ die Meisterschaft im Bundesstaat São Paulo. „Das war vielleicht der schönste Moment in meinem Leben. Und gewiss auch für 95 Prozent von denen, die dabei waren,“ so der einstige Anführer über den Gewinn des Titels.

„Zum letzten großen Treffen in São Paulo kamen 1,5 Millionen Menschen. Das war der Anfang von allem. Doch der Kongress stimmte der Gesetzesänderung nicht zu. Na gut, da hab’ ich mir gedacht, was soll’s. Die Einladung kam und ich dachte, dann bin ich weg.“
Nur ein Jahr später kehrte der 1,91-Hüne in die Heimat zurück und ließ seine Karriere bei Flamengo und Santos ausklingen, bis er 2004, im Alter von 50 Jahren, durch ein Comeback in der neunten englischen Liga noch einmal für Schlagzeilen sorgte.
Goal.com-Flutlicht
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