Pro Evolution Soccer 2011 im Test: Das Runde fühlt sich eckig an

Nicht nur der reale Fußball erfährt Veränderungen, auch die Qualität der digitalen Versoftungen variiert zusehends. Einst festgelegte Thesen haben ihre Gültigkeit längst verloren. „FIFA“ bietet inzwischen mehr als bloß ein hübsches Gesamtpaket an Lizenzen und Atmosphäre, während „PES“ mühsam am Drumherum bastelt, in den letzten Jahren aber seine Vormachtstellung auf dem Platz überraschenderweise abgeben musste. Denn Konami konnte in der aktuellen Konsolengeneration nie an die herausragenden Episoden „PES 5“ und „PES 6“ anschließen, was dazu führte, dass „FIFA“ vor allem in den letzten beiden Jahren in puncto Spielmechanik nicht nur aufholen, sondern sogar seinen japanischen Kontrahenten in manchen Bereichen überflügeln konnte. Eine These erweist sich dann jedoch immer wieder als korrekt: Konkurrenz belebt das Geschäft! „PES 2011“ unterscheidet sich deutlich von seinem Vorgänger, krankt jedoch nach wie vor an etlichen Ungereimtheiten. Goal.com und Iamgamer haben das Game getestet.

Von Dennis Oberleithner

Frankreich jubelt in PES 2011 (iamgamer.de)

iamgamer.de - Partner von Goal.com


Deutsche Clubs und die Copa Libertadores

An den weiterhin lückenhaften Lizenzen liegt das nicht. Für Bundesliga-Flair sorgen bloß die Bayern und die Bremer. Ernüchtert blicken wir auf die Insel, da auch die Premier League- Klubs, bis auf die roten Teufel aus Manchester und die Tottenham Hotspurs, allesamt auf Fantasienamen hören. Immerhin ist die italienische Serie A lückenlos lizenziert, ebenso wie die spanische Primera Division, die französische Liga und die holländische Eredivisie. Dazu gesellen sich einige mittelklassige, europäische Teams.



Die Champions League- Rechte sind nach wie vor im Besitz von Konami. Neuerdings treten wir auch in der Copa Santander Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zur europäischen Spitzenklasse, den Ball. Alle namhaften Teams wie beispielsweise Flamengo oder die Boca Juniors sind komplett lizenziert.

Der üppige Editor

Freunde der Fußballreihe wissen zugleich die fehlenden Originalteams zu schätzen, zumal der umfangreiche Editor Abhilfe schafft und eurer Kreativität freien Lauf lässt. Hier dürft ihr den Versäumnissen seitens Konami nachgehen. Denn nicht nur Trikots, Spieler, Aussehen und Stadien wollen bearbeitet werden, auch einige Transfers müssen nachgeholt werden. Denn in der Verkaufsversion kämpft Ibrahimovic nach wie vor in Barcelona um seinen Stammplatz und Bremen vertraut weiterhin auf die Ballkünste von Mesut Özil.

Meisterliga? Online!

Neben der Copa Santander Libertadores gibt es nur eine nennenswerte Neuerung, die die Spielmodi betrifft: In diesem Jahrgang ist die allseits beliebte Meisterliga endlich auch online spielbar. Große Unterschiede zur Offline-Variante suchen wir vergebens. Nur starten wir hier mit einem veränderten Budget und zu bestreitende Spiele zehren an unserem Bankkonto. Nach wie vor leiten wir unseren Lieblingsverein, absolvieren Trainingseinheiten und tätigen Transfers, die unsere Mannschaft idealerweise stärken. Der Netzcode ist übrigens in diesem Jahr brauchbar. Insgesamt laufen die Partien recht flüssig über den Bildschirm, auch wenn vereinzelte Slowdowns den Gesamteindruck trüben.

Die neue Freiheit

Bereits nach wenigen Schritten auf dem grünen Rasen ist es offensichtlich: Konamis neuester Ableger spielt sich spürbar anders als das Prequel. „Freiheit“ ist hierbei der entscheidende Faktor. Erstmals bewegt ihr eure Spieler in „PES“ in jede gewünschte Richtung. Und diese uneingeschränkten Kontrollen enden bei Weitem noch nicht beim jeweiligen Ballkünstler, denn auch Pässe und Schüsse wollen wohl dosiert sein. Per Kraftanzeige lernt ihr mit dem neuen System umzugehen. Selbst Kenner der Serie brauchen eine bestimmte Eingewöhnungszeit, um mit dem neuen Spiel vertraut zu sein. Richtung und Stärke der Pässe wie auch Schüsse bestimmt ihr! Somit ergeben sich völlig neue Möglichkeiten im Spielaufbau. Schnelle Tempowechsel sind ebenso möglich wie geschickt eingeleitete Lochpässe in die Schnittstelle der Viererkette. Ohne taktisches Vorgehen bleibt uns der Erfolg vor allem auf den höheren Schwierigkeitsstufen verwehrt. In diesem Bereich liegt „PES“ immer noch vor der Konkurrenz, vor allem wenn man einen Blick in das Taktikmenü wirft, das anfangs gerade bei Neulingen für Verwirrung sorgen dürfte. Ihr entscheidet, ob euch der Computer unter die Arme greift, selbstständig Auswechslungen tätigt und die Taktik im Spiel anpasst oder ob ihr selbst die Marschroute für euer Team bestimmt. Bis ins kleinste Detail lassen sich ausgefuchste Strategien entwickeln. Eure Spielweise passt ihr minutengenau und dem Spielstand entsprechend an.

Liegt ihr in der Endphase des Spiels ein Tor zurück, bestimmt ihr bereits vor der Partie, dass in dieser Situation die Brechstange ausgepackt werden soll.
Der Taktikeditor lässt keine Wünsche offen. Fußballfetischisten erfreuen sich an unzähligen Einstellungsmöglichkeiten, Neulinge lassen sich zu Beginn von der CPU unterstützen.
Um den Spielablauf etwas aufzulockern, integriert Konami ein neues Tricksystem, das sich unkompliziert aktivieren lässt. Per gedrücktem L2 bzw. LT-Button und Bewegung des rechten Analogsticks vollführt ihr allerhand Kunststücke auf dem virtuellen Grün. Diese teils akrobatischen Einlagen gehen nicht nur gut von der Hand, sondern erscheinen bei gezieltem Einsatz auch nützlich.
Denn nach einer erfolgreichen Finte öffnen sich so oft neue Räume und eine Überzahlsituation entsteht, die ihr zu eurem Vorteil nützen solltet.

Ballphysik mit Schwächen

Am Flankensystem hat Konami nichts verändert: Nach wie vor reicht ein Druck auf die Kreis- beziehungsweise B-Taste für einen Ball in den Strafraum. Betätigt ihr den Button zweimal hintereinander, schlägt der Spieler einen gefährlichen, halbhohen Ball vor das Tor. Mittels mehrmaligem Antippen saust das virtuelle Spielgerät flach in die Gefahrenzone und wird folglich unberechenbarer.

Apropos Spielgerät: Die Kugel verhält sich nach wie vor realistisch. Überwiegend bei Abprallern macht sich die insgesamt starke Spielphysik bemerkbar, die im aktuellen Teil zur großen Verwunderung auch Schwächen offenbart. So klebt der Ball am Fuß des Spielers (zu beobachten bei langsamen Dribblings) und im Mittelfeld kommt es zu teils nicht nachvollziehbaren Situationen, wenn das Spielgerät wie eine Flipperkugel von den Akteuren abprallt. Trotz dieser Mängel bewegt sich die Ballphysik nach wie vor auf hohem, wenn auch nicht fehlerfreiem, Niveau.

Obwohl sich „PES 2011“ wirklich bemüht, wieder an vergangene Glanzzeiten anzuknüpfen, wirkt das Spielgeschehen auf dem Platz trotz der vielen Freiheiten und taktischen Finessen unrund. Wo bei der Konkurrenz packende Zweikämpfe und Intensität dominieren, bleibt „PES“ bei körperlichen Auseinandersetzungen zurückhaltend. Die Drängeleien sind zu vorhersehbar und bei hohen Bällen verharren die Spieler seelenruhig auf ihrer Position. Da gibt es kein Gerangel, um etwa besser zum Kopfball ansetzen zu können.
Auch die Defensiv-KI schwächelt. Die Verteidiger reagieren allesamt zu träge, weshalb nach einiger Eingewöhnungszeit gut gespielt Lochpässe das probate Mittel zum Erfolg sind. Bei Eckbällen warten die Verteidiger seelenruhig im Strafraum, ob denn nun etwas passieren könnte, anstatt schon im Vorhinein auf die Situation zu reagieren.
Eine weitere Enttäuschung sind die Torhüter, die zu oft scheinbar einfache Bälle abklatschen lassen und manch harmloses Geschoss nicht bändigen können.
Viele Animationen wurden überarbeitet, wirken allerdings teilweise immer noch ein wenig hölzern. Immerhin stimmen wieder die Spielerproportionen, was in den letzten Teilen der Serie auch nicht immer der Fall war.

Trocken, nüchtern, undynamisch

Inzwischen verliert „PES“ die Konkurrenz aus den Augen. Konamis Kick spielt sich, ungeachtet der vielen taktischen Möglichkeiten, trocken, nüchtern und emotionslos. Es fehlt die Dynamik, die Dramatik, die Intensität. Auf dem Platz ist man ob des veralteten Zweikampfsystems, der teils hölzernen Animationen und des trägen Spielgeschehens mindestens zwei Jahre zurück.

Und das trotz gravierender Änderungen gegenüber dem Vorgänger. Nach wie vor fehlt eine Stadionatmosphäre, die uns in Stimmung versetzt, die Emotionen weckt, die uns nach vorne peitscht, wenn wir einem Rückstand hinterherlaufen. Wir lauschen den ewig gleichen Fangesängen sowie den altbekannten Kommentatoren Wolf Fuss und Hansi Küpper, die ihren Job allerdings besser machen als die Kollegen von „FIFA 11“.
Grafisch stechen die feinen Spielermodelle und die ansehnlichen Stadien hervor. Licht und Schatten beobachten wir bei den zahlreichen Animationen, die von elegant bis ungelenk reichen.

Positiv

- unzählige taktische Möglichkeiten
- mehr Freiheit dank 360 Grad-Steuerung
- neues Passsystem
- Meisterliga online
- gut gelungene Spielermodelle
- verbesserter Netzcode
- nettes Tricksystem
- immerhin Bayern und Bremen lizenziert
- üppiger Editor
- teils hübsche Animationen
- insgesamt gute Ballphysik ...

Negativ

- Defensiv-KI
- Neulinge überfordert der Taktik-Editor zu Beginn
- oft katastrophale Torhüterleistungen
- veraltetes Zweikampfsystem
- trockene, nüchterne Präsentation
- Fangesänge
- schwache Fußballatmosphäre
- Lizenzen
- Ball klebt am Fuß!
- ... teils hölzerne Animationen
- ... allerdings nicht immer nachvollziehbare Ballphysik

FAZIT

Als bekennender „PES“-Fan der ersten Stunde bin ich nach wie vor enttäuscht. Konami schafft es einfach nicht, an „PES 5“ und „PES 6“ anzuschließen. In dieser Konsolengeneration folgt eine Enttäuschung der Nächsten. Obwohl sich dieses „PES“ zweifelsohne Mühe gibt. Die neue Freiheit weiß ich ebenso zu schätzen wie die vielen taktischen Möglichkeiten, die mir die Japaner offerieren. Dennoch sehe ich zu viele Baustellen und die sind nicht abseits des Platzes auszumachen („PES“ hatte immer schon seine Defizite im Bereich der Lizenzen). Das Spielgeschehen wirkt träge, überholt, undynamisch und ohne jegliche Dramatik. Das Zweikampfsystem ist veraltet, sogar die Ballphysik schwächelt auf hohem Niveau. Auch die Torhüter haben nichts dazu gelernt, die Defensiv-KI erweist sich als mangelhaft. Immerhin macht das Gebolze nun ob des verbesserten Netzcodes und der Meisterliga online mehr Spaß.

WERTUNGEN

Grafik: 84
Sound: 71
Gameplay: 83

Gesamtwertung Xbox 360 & Playstation 3: 80

Einen Award hat dieses Fußballspiel dennoch nicht verdient. Prinzipiell wird die Serie seit Jahren schon zu hoch bewertet und wir als Redakteure sind unter anderem dazu verpflichtet den Entwicklern aufzuzeigen, dass es so nicht weitergehen kann. „PES“ ist weit von seiner Bestform entfernt. Spielemagazine, die dem Titel Awards unterjubeln, schaden letztendlich der Entwicklung des Spiels. Denn so fühlen sich die Japaner in ihrer Arbeit bestätigt. Sie wähnen sich in „Sicherheit“. Zweifellos: Der Weg ist der Richtige, aber es ist ein verdammt langer und beschwerlicher zurück auf den Genrethron. Ich persönlich wünsche PES alles Gute für die kommenden Jahrgänge, allerdings spiele ich im Moment das Fußballspiel, das einfach mehr Spaß macht und das heißt, obwohl ich das vor einigen Jahren nie vermutet hatte: „FIFA 11“.

>>> PES 2011 HIER BESTELLEN!
PlayStation3 (Hier bestellen!), Xbox 360 (Hier bestellen!) und PC (Hier bestellen!).


Eure Meinung: Wie gefällt Euch PES 2011?



 
Goal.com-Flutlicht
  1. Eden Hazard und die Geschichte des Millionentransfers, der ihn zu Chelsea führte Eden Hazard und die Geschichte des Millionentransfers, der ihn zu Chelsea führte

    Es ging um richtig viel Geld, als der belgische Shootingstar beiden Großklubs aus Manchester absagte und an die „Stamford Bridge“ wechselte. Dort macht er nun so richtig Kasse.

  2. Bensingers Bayern – Die FCB-Kolumne: Mit zwei Spitzen gegen dreckige Scheine? Bensingers Bayern – Die FCB-Kolumne: Mit zwei Spitzen gegen dreckige Scheine?

    KOLUMNE - Jede Woche gibt euch FCB-Reporter Maximilian Bensinger Einblick in sein Gefühlsleben. Was gibt es Neues an der Säbener Straße? Emotional und erschreckend subjektiv!

  3. Mit Giovinco, M'Vila & van der Wiel: Die EM-Stars, die in diesem Sommer wechseln könnten Mit Giovinco, M'Vila & van der Wiel: Die EM-Stars, die in diesem Sommer wechseln könnten

    Die EM bietet den teilnehmenden Akteuren die Möglichkeit, sich ins Schaufenster zu stellen, um sich für neue Klubs zu empfehlen - wir bieten einen Überblick der Wechselkandidaten.

  4. Starte dein eigenes Tippspiel auf Kicktipp.de! Starte dein eigenes Tippspiel auf Kicktipp.de!

    Ob Bundesliga, Fußball International oder EM 2012 - Tippe jetzt online gegen Freunde und Kollegen in deiner eigenen Tipprunde