Hertha-Randale: Vorwürfe gegen Nürnbergs Schäfer: „Er hat das Pulverfass entzündet!“

Etwa hundert Hooligans stürmten am gestrigen Nachmittag das Spielfeld im Berliner Olympiastadion, traten frustriert auf alles ein, was ihnen in den Weg kam. Fotograf Marco Wurzbacher erlebte den Abstiegsgipfel hautnah und berichtete Goal.com am Sonntag von den Geschehnissen. Der 32-Jährige erhebt dabei, wie auch einige andere Fans, schwere Vorwürfe gegen Nürnbergs Schlussmann Raphael Schäfer.

Ein Interview von Sebastian HEIER

Die Polizei stürmt erst spät den Berliner Block (Bongart/Getty)
Berlin. Diesen Abstiegsgipfel hatten sich die Zuschauer im Berliner Olympiastadion wohl mit einem schöneren Ende gewünscht. Das Heimspiel der Berliner Hertha gegen den 1. FC Nürnberg geriet am Samstagnachmittag allerdings in den Hintergrund, dabei sah es nach dem 1:0-Führungstreffer für den Hauptstadtklub noch sehr gut aus – spätestens nach dem 2:1-Siegtreffer der Nürnberger kippte die angeheizte Stimmung auf den Rängen.

Nach dem Abpfiff kam es zu Ausschreitungen im weiten Rund des Olympiastadions. Fotograf Marco Wurzbacher erlebte den Abstiegsgipfel hautnah und berichtete Goal.com am Sonntag von den Geschehnissen. Der 32-Jährige, der seit 1991 bekennender Herthafan ist, ist einer der Betreiber von Hertha-Inside, dem größten Herthafan-Portal im Internet. „Seit über 7 Jahren veröffentlichen wir Fotos, die das Geschehen auf den Rängen bei den Spielen unserer Mannschaft dokumentieren. Deswegen war ich beim Spiel [gegen den 1. FC Nürnberg] als Fotograf akkreditiert“, so Marco Wurzbacher.

Im exklusiven Interview mit Goal.com berichtet der 32-Jährige vor allem darüber, wie Nürnbergs Schlussmann Raphael Schäfer die Ausschreitungen mitprovozierte. Seine Bilder (siehe unten) belegen die Gesten von Nürnbergs Nummer eins, der von seiner Mannschaft nach dem Abpfiff als großer Held gefeiert wurde, weil er gleich in mehreren Szenen einen Gegentreffer der Berliner verhinderte.

„Erforderlicher Kampfgeist fehlte, die Stimmung kippte“

Bis zum Siegtreffer der Nürnberger herrschte in Berlin erstaunlich gute Stimmung. Die Fans wollten die Mannschaft unterstützen, wie haben Sie die Atmosphäre vor Spielbeginn und während der Partie erlebt?

Marco Wurzbacher: Diese Beobachtung kann ich bestätigen. Schon vor dem Anpfiff machte die Ostkurve gute Stimmung und die lautstarke Unterstützung riss während der gesamten ersten Halbzeit nicht ab. Selbst nach dem Ausgleichstreffer waren Anfeuerungen zu hören, aber als deutlich wurde, dass die Mannschaft den erforderlichen Kampfgeist nicht zeigt, kippte die Stimmung.

„Schäfer hat das Pulverfass entzündet“

Wie und vor allem warum schlug die Stimmung nach dem Abpfiff auf einmal um?

Marco Wurzbacher: Bei den Fans, die bei jedem Spiel alles für ihre Mannschaft geben, hat sich über die letzten Wochen und Monate sicher viel Frust aufgestaut. Die Mannschaft hat nie bewiesen, dass sie den Abstiegskampf wirklich angenommen hat und den Weg in Liga 2 mit allen Mitteln zu verhindern sucht.

In der ersten Halbzeit gegen Nürnberg war hingegen endlich zu sehen, dass die Mannschaft kämpfen kann. In der zweiten Halbzeit, insbesondere nach dem Ausgleich, war davon wieder wenig zu sehen.

Der letzte Funke, der das Pulverfass entzündet hat, war sicher das Verhalten von Raphael Schäfer nach dem Siegtreffer seiner Mannschaft und dann auch noch einmal nach dem Abpfiff.

Wie und wo haben Sie die Minuten des Rasenstürmens erlebt?

Marco Wurzbacher: Ich war im Innenraum des Olympiastadions und stand schräg hinter dem Tor von Schäfer. Ich habe fotografiert, wie er zunächst die Hertha-Fans verhöhnte und wie er anschließend mit seinen Mannschaftskameraden jubelte. Als ich mich danach umdrehte, sah ich, wie einige Fans schon den sogenannten Reportergraben überwunden hatten und auf dem Plexiglaszaun saßen. Ich habe mein Equipment gesichert und anschließend nur noch das Geschehen beobachtet.

„Schäfer hat die Anhänger von Hertha gezielt provoziert“

Nürnbergs Schlussmann Raphael Schäfer hat sich zu einer unsportlichen Geste hinreißen lassen. Was genau hat er gemacht und wie bewerten Sie eine solche Aktion? (Hat er damit die wütenden Fans erst dazu provoziert, den Rasen zu stürmen?)

Marco Wurzbacher: Wie schon angedeutet, gab es mehrere Aktionen von Herrn Schäfer. Bereits nach dem zweiten Tor seiner Mannschaft drehte er sich zu den Herthafans um, holte aus, ballte die linke Faust und kreuzte dann mit seinem rechten Arm in Höhe des linken Ellenbogens.

Nach Abpfiff war seine erste Reaktion wieder das Umdrehen zur Ostkurve. Zunächst reckte er zwei Finger in die Höhe, anschließen winkte er den Herthafans zu und warf Kusshändchen. Erst danach wandte er sich wieder dem Spielfeld zu, um mit seinen Mannschaftskameraden abzuklatschen. Fotos beider Aktionen haben wir in der Galerie von hertha-inside.de veröffentlicht.

Bild: Schäfers Jubel in Richtung Ostkurve

Bild: Das Kusshändchen von Nürnbergs Torhüter

Bild: Die Faust von Raphael Schäfer

Dies ist unzweifelhaft nicht nur „eine unsportliche Geste“, die vielleicht unbedacht geschehen sein könnte. Herr Schäfer hat die Anhänger von Hertha BSC gezielt provoziert und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, Brandstifter gewesen zu sein.

Natürlich kann niemand sagen, was ohne das Verhalten des Nürnberger Keepers tatsächlich passiert wäre, aber ich kann mir vorstellen, dass es den besonnen Kräften unter den Fans und Ordnern gelungen wäre, den Mob zurückzuhalten.

„Es herrscht eine gewisse Hilflosigkeit“

Die Klubführung ließ auf der anschließenden Pressekonferenz keine Fragen zu den Vorkommnissen zu. Selbst einen Tag danach ist auf der offiziellen Homepage kein Wort über die Ausschreitungen zu lesen. Was halten Sie von dieser „gespielten heilen Welt“?

Marco Wurzbacher: Zu dieser Frage kann ich keine Aussage machen. Ich denke, jeder, der gestern im Stadion war, egal ob Verantwortlicher oder Zuschauer, kann, kaum begreifen, was dort geschehen ist. Es scheint einfach eine gewisse Hilflosigkeit zu herrschen - mit einer „gespielten heilen Welt“ hat das in meinen Augen nichts zu tun.


 
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