thumbnail Hallo,

Götze, der Erlöser – aber was kommt nach der WM?

Im WM-Finale erlöste der Offensivmann nicht nur sich selbst, sondern eine ganze Nation. Gelingt ihm nun auch bei Bayern der Durchbruch?

Plötzlich stand er ganz alleine inmitten dieses riesigen Ovals, dem Maracana. Bemüht, das soeben Geschehene zu begreifen - das wohl größtmögliche in der Karriere eines Fußballers. Er hatte das, worauf andere erfolglos hinarbeiten: den WM-Titel. Garniert mit dem Siegtreffer nach später Einwechslung. Wiederholt fuhr sich Mario Götze durch die Haare und blickte ein wenig in Gedanken versunken Richtung Anzeigetafel. Vielleicht in der Hoffnung, dass ihm dort seine wunderbare Aktion noch einmal gezeigt wird, quasi als Bestätigung, dass er nicht träumt; dass all dies real ist.

Man muss nicht einmal weit zurückschauen, um das Szenario für wenig realistisch zu halten. Stand er, in den vergangenen Jahren oftmals als Wunderknabe und größte deutsche Fußball-Hoffnung gefeiert, zu Beginn der Weltmeisterschaft noch in der Startelf, verlor er diesen Status trotz eines Treffers gegen Ghana recht schnell. Zwar kehrte der 22-Jährige nach der Pause gegen die USA im Spiel gegen Algerien in die erste Elf zurück, gegen die Afrikaner enttäuschte er aber auf ganzer Linie. Joachim Löw brachte den Edeltechniker in der Folge nur noch als Joker.

Weniger positiv ausgedrückt könnte man auch von Götze dem Reservisten sprechen. Ohnehin eine Rolle, die der Junge aus der Jugend Borussia Dortmunds seit seinem Wechsel vom BVB zum FC Bayern kennengelernt hat.

Wechsel zu Bayern eher ein Rückschritt

Mit der Unterschrift in München hatte sich der 22-Jährige den nächsten Schritt für seine Karriere erhofft. Jedoch musste er schnell, auch wegen einer durch ein überhartes Einsteigen von Chelseas Ramires erlittenen Kapselverletzung, feststellen, dass sein steiler Aufstieg an Fahrt verlor. Anhand der im FCB-Dress gebotenen Leistungen darf man für ihn zumindest aus sportlicher Sicht von einem Rückschritt sprechen, stand er doch nur bei 30 von 57 Pflichtspielen in der Startelf.

Dass er in der Liga immerhin auf 18 Scorerpunkte (zehn Tore, acht Vorlagen) kam, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Wunderknabe viel zu selten sein wahres Potenzial zeigte. Tatsächlich profitierte er oftmals davon, in einer ungemein offensiv ausgerichteten Mannschaft zu spielen, traf er doch regelmäßig auf verängstigt agierende Gegner.

Nicht nur er, sondern auch die Bayern hatten sich mehr erhofft, als sie im vergangenen Jahr für Deutschlands Transferbombe schlechthin sorgten. Die Welle der Erschütterung war seinerzeit gewaltig und sorgte für ungemein viel Kritik an Götze, der sich wenige Wochen zuvor noch zu Dortmund bekannt hatte. Wie oft der hoch veranlagte Offensivallrounder während seines ersten, schweren Jahres wehmütig zurückgeblickt hat? Darüber lässt sich freilich nur spekulieren.

Status eines Erlösers

Gleiches gilt für die Auswirkungen, die sein Siegtreffer gegen Argentinien hat. Wies eine im Kicker veröffentlichte repräsentative Studie des Marktforschungs-Unternehmens Repucom vergangenen Sommer nach, dass Götze durch den Wechsel gen Süden deutlich an Sympathien verloren hatte, kommt sein Status aktuell dem eines Erlösers des deutschen Volkes gleich. Götze ist der Mann, der Deutschland den ersehnten vierten Stern brachte. Aber ist das nur eine Momentaufnahme?

Der Treffer jedenfalls war eine Aktion, die in den letzten Tagen wohl häufiger gezeigt wurde als Luis Suarez' Knabber-Anfall auf Giorgio Chiellini, die auf James Rodriguez' Arm posierende Heuschrecke und Juan Zunigas Foul an Neymar zusammen. Immerhin war es eine Aktion auf technisch allerhöchstem Niveau, wenngleich es bei Götze so einfach aussah.

In diesem Moment zeigte er wieder seine Klasse. "Der Mario ist ein geiler Kicker", sagte Jürgen Klopp einst über ihn, als dieser gerade mal ein paar Einsätze für die erste Mannschaft des BVB absolviert hatte. Schon damals war zu erkennen: Götze verfügt über das Repertoire, Spiele zu entschieden - eben so, wie gegen Argentinien.

Götze, der Kopfmensch

Der 22-Jährige ist aber auch ein Kopfmensch - nicht nur, weil er die Schule mit Fachhochschulreife beendete. Gut möglich, dass er nach seinem Wechsel zu den Bayern, den daraus resultierenden Erwartungen sowie der enormen Kritik im Kopf nicht frei war. Die Verletzung zu Saisonbeginn tat ihr Übriges. Gehemmt wirkte er in jedem Fall allzu oft.

Nun, da er die Nationalmannschaft nicht nur zum vierten Stern, sondern gleichzeitig sich selbst aus der Krise geschossen hat, wird er mental enorm gestärkt aus diesem Turnier gehen.

Er selbst und die Bayern-Verantwortlichen werden sicher darauf hoffen, dass dies der Fall ist und er häufiger im Bayern-Dress zum Matchwinner avanciert. So wie für die Nationalmannschaft im WM-Finale gegen Argentinien.

Dazugehörig