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Bastian Schweinsteiger nach WM-Titel: Von wegen "Chefchen"

Deutschlands hochveranlagte Generation vergoldete sich mit dem Triumph in Brasilien: Heroisch, im Stile eines Anführers, etabliert sich Schweinsteiger als Gesicht eben dieser.

München. Er dreht sich zurück, schlägt die Hände zusammen. Eine vertrauliche Geste nach rechts, nach links, ehe der Blick nach vorne schweift. Er ruft den Feingeistern zu. Anpfiff. Immer und immer wieder das gleiche. Es ist sein Ritual, seine Art, sich selbst, das ganze Team zu pushen, einzuschwören. So tat das Bastian Schweinsteiger auch im WM-Finale. Nur etwas lauter, noch entschlossener.

In solchen Begegnungen werden Legenden geboren - und es wird Fußball-Geschichte geschrieben. Besonders im Maracana, dem einst altehrwürdigen Tempel, der für die Endrunde einen zeitgemäßen, aalglatten Anstrich verpasst bekam. In Brasilien, einem Land, in dem Fußball nicht nur die schönste Nebensache der Welt ist, sondern in dem seine Helden vergöttert werden. Schweinsteiger war sich all dessen bewusst und legte eine würdige, eine epische Vorstellung hin. Es war das Spiel seines Lebens.

"Das Team", schwärmte Joachim Löw, "wurde von einem überragenden Schweinsteiger und einem überragenden Philipp Lahm angeführt. Was sie gelaufen sind - unglaublich." Gemeinsam trug das Bayern-Duo seine Kollegen durch 120 nervenaufreibende Minuten. Es grätschte, biss, es schrie. Die Eindrücke einer unsäglichen Debatte verblassten.

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Rund einen Monat ist es her, da wurden fehlende Typen moniert. Deutschland vermisse die Oliver Kahns, die Stefan Effenbergs, positiv Verrückte, die schonungslos Missstände aufdecken. Wenn nötig lautstark vor laufenden Kameras. Löw vertraut einer anderen Generation. Einer, die stets loyal ist, ihm und der Mannschaft gegenüber. Eine, die im schlagzeilenlüsternen Medienzeitalter mal Worthülsen verbreitet, um die Idylle nicht zu gefährden.

Die Rolle neu interpretiert

"In einer öffentlichen Welt, in der alles registriert wird", sagte Lahm einst der Süddeutschen Zeitung, "muss ich auf meine Wortwahl achten und darauf, wie ich mich verhalte". Über die Jahre wuchsen er und sein Freund Schweinsteiger. Sie reiften zu Persönlichkeiten, haben ihre Rollen gefunden und neu interpretiert. Ersterer ist Kapitän wie mediales Sprachrohr. Er stellt sich Journalisten, im Erfolg sowie Misserfolg, spricht unangenehme Themen an. Ende 2012 mahnte er nach einem 6:1 (!) über Irland etwa, die Grundtugenden nicht zu vergessen. Spanien sei "nicht besser, aber cleverer".

Löw schraubte gemeinsam mit seinen Führungsakteuren, dem Betreuerstab fortan an der taktischen Feinjustierung. Unentwegt predigte er, zunächst Stabilität zu wahren, die perfekte Mischung finden zu müssen. Zauber allein gewinnt keine Titel. Leidvoll erfuhr er dies bei der EURO 2012, wo der als unaufhaltsam gepriesene Euphorie-Kick von italienischer Rationalität gestoppt wurde.

"Wir müssen zum Ursprung zurück", so Lahm damals, "kontrolliert spielen, das Zentrum schließen. In die Köpfe muss rein, was wir als allererstes wollen: kompakt sein, geordnet stehen." Es war genau das, was später, in den wichtigsten Momenten, in Rio de Janeiro, in Erinnerung gerufen wurde.

Vom "Chefchen" zum Boss

Umringt von den Stars, unmittelbar vor der Verlängerung, hielt der Bundestrainer seine wohl wichtigste Ansprache. Noch einmal die Erschöpften aufbauen, noch einmal letzte Anweisungen geben. Löw wurde flankiert von Lahm und Schweinsteiger, seinen Vertrauenspersonen. Flache Hierarchie? Weit gefehlt. Emotional forderten sie, sich auf deutsche Elemente zu besinnen. Nachdrücklich, bemerkenswert, wie sich das für Anführer eben gehört. Den Willen, diese Leidenschaft lebten sie vor. Zur unbeugsamen Symbolfigur einer unvergesslichen Nacht avancierte Schweinsteiger.

Vom "Chefchen", wie die Sport Bild dazumal spottete, zum über jeden Zweifel erhabenen Boss. Zum Vorbild einer Generation, zum Gesicht einer goldenen Ära. Er rannte, am Ende waren es über 15 Kilometer, und quetschte den oft störrischen Körper aus. Der 29-Jährige wurde getreten, sogar geschlagen, von Krämpfen gefoltert, doch er stand auf. Ohne zu lamentieren, ohne aufzustecken. Selbst, als ihm Blut über das Gesicht lief und Kevin Großkreutz an der Seitenlinie zum Wechsel bereit stand.

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Vollgepumpt mit Adrenalin ließ er sich die Wunde unter dem Auge nähen. Ein schmerzhafter Anblick: Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hing über ihm, nur Schweinsteigers Beine sah man zucken. "Das gehört dazu, da muss man sich einfach reinhauen. So ein Spiel absolviert man nicht so oft in seinem Leben." Für gewöhnlich lässt er andere für sich sprechen, diesmal stand er entspannt Rede und Antwort. Immerhin war er angekommen am Ziel seiner Kindheitsträume.

"Ich bin jetzt leer"

2008 im EM-Finale zwangen ihn die Spanier inmitten ihrer Blütezeit in die Knie. 2012 scheiterte er mit Bayern auf tragischste Art und Weise an Chelsea. Statt der Krönung dahoam, dem Champions-League-Triumph, versagte er im Elfmeterschießen. Es waren bittere Stunden, die ihn zu dem Typen, dem Kämpfer machten, der er heute ist. Den Schweini vom Sommermärchen gibt es nicht mehr. Er und sein kongenialer Partner Podolski tragen Verantwortung, der eine mehr, der andere weniger. Wenngleich sie ihre jugendlichen Flausen weiterhin liebend gerne im Netz ausleben.

Lukas Podolski verriet danach: "Ich habe auf dem Platz gesagt, vor zehn Jahren sind wir mit dem Auto von der U21 zur Nationalmannschaft gefahren, jetzt stehen wir hier und haben das Ding." Zusammen feierten sie 2006 auf der Fanmeile in Berlin den dritten Platz, diesmal kamen sie als Helden zurück, empfangen von Hunderttausenden. Schweinsteiger arbeitete "mit aller Gewalt" darauf hin. Obwohl ihm die Fitness beinahe ein Schnippchen geschlagen hätte. Anfangs in der Gluthitze geschont, reichte es für das Viertelfinale gegen Frankreich "gerade so".

Erst der Spaziergang gegen Brasilien ermöglichte seine Gala. "Ich bin jetzt leer." Beim Feiern möchte er anderen den Vortritt lassen, gab er an. Trotzdem war ihm der Pokal schwer zu entreißen. Schon am nächsten Morgen posierte Schweinsteiger mit Freundin Sarah Brandner damit am Strand. Stunden zuvor, im Maracana, begründete er höchstselbst seinen Mythos. Jenen vom Dirigenten, vom deutschen Fußball-Gott.

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