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Formidable Franzosen mausern sich zu WM-Titelkandidaten

Starspieler Franck Ribery fehlt den Franzosen verletzt. Aber in den beiden ersten WM-Spielen der Bleus fiel das überhaupt nicht ins Gewicht.

KOMMENTAR
Von Mark Doyle in Salvador

Blaise Matuidi verriet vor dem Beginn der Weltmeisterschaft, dass Frankreichs Nationalspieler um eine rechtzeitige Genesung Franck Riberys beteten. Der Mittelfeldspieler sagte: "Wir wissen, dass wir ihn brauchen."

Die ersten Eindrücke bei der Endrunde sprechen allerdings eine andere Sprache. Seitdem Ribery wegen einer hartnäckigen Rückenblessur absagen musste, hat Frankreich satte 16 Tore erzielt, acht davon in den beiden ersten WM-Spielen.

Eine bemerkenswerte Wandlung

Das 8:0-Warmschießen im Test gegen Jamaika taten viele Experten noch als wenig aussagekräftig ab. Auch der 3:0-Erfolg über Honduras vor wenigen Tagen sollte kein Maßstab sein, schließlich spielte der Gegner lange Zeit in Unterzahl. Das 5:2 im Duell mit der Schweiz am Freitagabend kann allerdings nicht mehr ignoriert werden. Frankreich verfügt wieder über eine Mannschaft, die man auf der Rechnung haben muss!

Und es ist eine bemerkenswerte Verwandlung, die diese Mannschaft durchgemacht hat. Vor einigen Monaten setzte kaum noch jemand einen Pfifferling auf Les Bleus, die gerade das Playoff-Hinspiel gegen die Ukraine mit 0:2 verloren hatten. Brasilien 2014 war damals ein meilenweit entferneter Traum.

Not macht ja bekanntermaßen erfinderisch und so stellte Didier Deschamps vor dem Rückspiel von seiner favorisierten 4-2-3-1-Formation auf ein offensiveres 4-3-3 um. Seitdem sind die Resultate beeindruckend.

Die Franzosen stürmten zu einem 3:0 im Rückspiel und lösten so in letzter Sekunde das Ticket nach Brasilien. Ein Erfolg, der die Mannschaft spürbar beflügelte: Die Niederlande wurden in bemerkenswerter Manier im März in die Schranken gewiesen und im Mai kassierte Norwegen ebenfalls in Frankreichs Hauptstadt eine 0:4-Packung.

Benzema, Giroud und Valbuena wirbeln gemeinsam

Einziger Makel der letzten Monate war ein 1:1 daheim gegen Paraguay Anfang Juni. Dieses Resultat, gepaart mit der Verletzung Riberys, senkte die Erwartungen der Öffentlichkeit der Grande Nation an ihre Elf. Und auch Starstürmer Karim Benzema beschrieb den Ausfall des Münchener Flügelflitzers als "schrecklich". Wie die Mannschaft mit dem Verlust ihre Topscorers aus der Qualifikation umgeht, das ist indes schon bemerkenswert.

Zwei Tage nach dem endgültigen Platzen von Riberys WM-Traum folgte also das Schützenfest gegen die Reggae Boyz. Über die Bedeutung dieses Vorbereitungsmatchs stritten die Gelehrten. Aber Ottmar Hitzfeld, Trainer der Schweiz, wies schon damals daraufhin, seine Mannschaft habe es gegen denselben Gegner nur zu einem 1:0-Erfolg gebracht.

Didier Deschamps entschied sich nun gegen die Eidgenossen für exakt jene Anfangself, die auch gegen Jamaika begonnen hatte. Mit Olivier Giroud, Karim Benzema und Mathieu Valbuena als variablem Angriffstrio.

Shootingstar Antoine Griezmann, der Riberys Position zuvor gegen Honduras gut ausgefüllt hatte, musste auf die Ersatzbank. Das durfte man nicht unbedingt erwarten und die Entscheidung pro Giroud wurde heiß diskutiert.

Sie entpuppte sich schließlich als goldrichtig. Giroud eröffnete den Torreigen in Salvador und legte Mathieu Valbuena Treffer Nummer drei auf. Benzema, der formal auf der Außenbahn aufgeboten war, stand im Zentrum nahezu jedes guten französischen Angriffs. Der Real-Stürmer hatte spürbar Freude an seiner Rolle und interpretierte sie sehr flexibel. Mit einem Tor und zwei Assists machte er seinen vergebenen Strafstoß wieder gut.

Deschamps sorgt für den Teamgedanken

Trotzdem wäre es falsch, diese hervorragende Mannschaftsleistung auf nur einen Spieler zu reduzieren. Vier Jahre nach dem peinlichen Streik in Südafrika bilden die Franzosen wieder eine Einheit, den Eindruck bekam man schon als im Salvador noch die Marseillaise lief. Und dadurch können sie auch Riberys Abwesenheit kompensieren.

Dafür gebührt Deschamps ein großes Lob. Der Teamgedanke steht wieder über allem und das ist ein Verdienst des Trainers.

Deschamps regiert mit strikter Hand, er duldet keine Aktionen, die den Erfolg der Mannschaft gefährden. So musste Paul Pogba gegen die Schweiz auf die Bank, weil er beim Auftakt um ein Haar vom Platz geflogen wäre. Sein Coach verlangt mehr Disziplin vom 21 Jahre alten Supertalent. Nachdem er eingewechselt wurde, legte Pogba Benzemas Treffer per Außenrist sehenswert vor.

Das Beschriebene unterstreicht: Frankreich verfügt über eine talentierte, pflichtbewusste Mannschaft, die bei dieser Weltmeisterschaft aus den richtigen Gründen für Schlagzeilen sorgen möchte.

Als die Endrunde ausglost wurde, war Frankreich die am niedrigsten platzierte europäische Mannschaft. Nun sind sie mit der heißeste Titelanwärter dieses Kontinents. Vive la differe-France!

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