thumbnail Hallo,

Defensive Planspielchen: Hummels langfristig nicht zu ersetzen

Für die Innenverteidigung stehen Joachim Löw zahlreiche Optionen zur Verfügung. Eines ist jedoch klar: Der Dortmunder ist in der Spieleröffnung langfristig nicht zu kompensieren.

Bahia. Deutschlands Start in die Gruppenphase der WM hätte kaum besser laufen können. Mit Portugal wurde der am stärksten eingeschätzte Gegner mit 4:0 weggefegt. Nun folgen vermeintlich leichtere Partien gegen Ghana sowie die USA. Die Offensive rund um Thomas Müller bewies Qualität, Sami Khedira spielte durch, auch die deutsche Wackel-Abwehr wusste endlich mal wieder vollends zu überzeugen.

Es hätte alles so schön sein können, gäbe es nicht die Verletzung von Abwehrchef Mats Hummels. Der 25-Jährige fiel nach einem Kopfballduell unglücklich auf sein rechtes Bein, musste das Spielfeld nach 73 Minuten verlassen. "Die Verletzung könnte mich das Ghana-Spiel kosten. Aber wir kämpfen darum, dass es klappt", schrieb der Innenverteidiger bei Twitter.

Wer könnte Hummels, der besonders im Aufbauspiel und mit langen, präzisen Pässen zu glänzen weiß, am Samstag (21 Uhr im LIVE-TICKER) ersetzen? Goal hat vier Szenarien durchgespielt:

1. Lahm spielt Rechtsverteidiger - Boateng rückt in die Mitte

Auf den ersten Blick scheint diese Variante sehr vielversprechend. Philipp Lahms Qualitäten auf der rechten Außenbahn sind unbestritten. Der Münchner zählt auf dieser Position zu den Weltbesten. Jerome Boateng könnte in diesem Fall in die Innenverteidigung rücken, die Position von Mats Hummels übernehmen.

KROOS: "WAR FRÜH IM BETT"
Get Adobe Flash player

Er spielt im Verein fast ausschließlich in der Zentrale und brilliert dort vor allem durch seine starke Technik. Boateng hat seine Fähigkeiten im Kurzpassspiel bei den Bayern noch einmal verbessert, kann so Angriffe initiieren. Was seinem Spiel fehlt, ist die Variabilität, die Qualität eines Hummels. Dieser spielt hohe Diagonalpässe mit einer von Boateng unerreichten Genauigkeit.

Warum diese Überlegungen jedoch bereits verworfen wurden, ist schnell erklärt. Lahm wird im Mittelfeld gebraucht, wo er dem deutschen Spiel als intelligenter Abräumer, als Denker und Lenker weitaus mehr hilft. Kein anderer vermag die alleinige Sechs in diesem Maße auszufüllen. Khedira hat seine Stärken eher in der Balleroberung und kommt als Box-to-Box-Spieler über seine Dynamik. Ihm fehlt das Auge, um Lahm zu ersetzen.

Das wäre eine Stärke von Toni Kroos, der allerdings im Zweikampf nicht so unnachgiebig ist, wie sein Münchner Kapitän. Er ist als Achter, als Passgeber für die Offensivreihe besser aufgehoben. Eine weitere Option wäre Bastian Schweinsteiger, so er denn fit ist. Bei Bayern hat er in der vergangenen Saison gezeigt, dass er nicht die richtige Wahl für diese Alleinverantwortung ist. Er braucht einen zweiten Sechser, wie er ihn in der Triple-Saison neben sich wähnte.

Mit Lahm in die Abwehr müsste Jogi Löw also das erfolgreiche 4-3-3 aus dem Portugal-Spiel gegen das altbewährte 4-2-3-1 tauschen. Fraglich, ob er das für einen einzigen Verletzten in Kauf nimmt. Ein Systemwechsel würde zu Lasten der offensiven Fluidität gehen, welche durch die Dreierreihe an vorderster Front geschaffen wurde.

2. Großkreutz spielt Rechtsverteidiger - Boateng macht den Hummels

Zum Auftakt ging es Löw hauptsächlich darum, die Kreise von Portugals Cristiano Ronaldo durch defensivstarke Akteure einzuengen. Gegen Ghana könnte er eine riskantere Taktik bevorzugen, einen richtigen Außenverteidiger aufbieten. Kevin Großkreutz hat bei Borussia Dortmund mit seiner Spielintelligenz gezeigt, dass er imstande ist, die vielfältigen Aufgaben zu erfüllen.

Er wusste durch seine dynamischen Flankenläufe zu überzeugen. Immer wieder hinterlief er die Dortmunder Rechtsaußen und bot so eine Anspielmöglichkeit in Richtung Grundlinie. Dabei vernachlässigte er selten die Abwehrarbeit. Mit der Rückkehr von Lukasz Piszczek spielte Großkreutz deutlich offensiver, bringt daher nur eine Halbserie als Defensivkraft mit.

3. Durm kommt auf links - Höwedes rutscht nach rechts oder in die Mitte

Für Erik Durm gilt das Gleiche wie für Großkreutz. In der Premierensaison für den BVB profilierte sich der 22-Jährige links hinten, absolvierte sieben Einsätze in der Champions League. Dabei demonstrierte er stets die gute Form. Trotzdem kommt Durm in der Bundesliga nur auf 19 Einsätze und wurde erst in diesem Jahr vom Stürmer umgeschult. Gegen ihn spricht vor allem die fehlende Erfahrung.

Eine Seitenwechsel Höwedes', gegen Portugal noch Linksverteidiger, wäre demnach denkbar. Der Schalker beherrscht beide Außenpositionen auf ähnlichem Niveau. Boateng wird dann wie in den anderen Fällen in die Mitte geschoben. Nachteil wäre, dass Löw drei Veränderungen vornehmen, seine endlich sattelfeste Viererkette durcheinander wirbeln müsste.

Natürlich könnte Höwedes als gelernter Innenverteidiger auch Hummels ersetzen. Sein Passspiel steht jedoch in keinem Vergleich. Mit zwei Innenverteidigern wie Per Mertesacker und Höwedes würde das Umschalt- und Aufbauspiel der Nationalmannschaft seine Stärke verlieren. Außerdem konnte er in der deutschen Mitte selten überzeugen.

4. Mustafi in die Mitte oder als Rechtsverteidiger

Shkodran Mustafi wurde im ersten Gruppenspiel für Hummels eingewechselt. Der 22-jährige Innenverteidiger von Sampdoria Genua ist physisch stark, taktisch clever, besitzt seine Stärken im Zweikampf. Da er über eine starke Spieleröffnung verfügt, käme er als direkter Ersatz in Frage.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ihn Löw, wie gegen Portugal, als Rechtsverteidiger aufbietet. Mustafi sollte im Vergleich zu Großkreutz bei Tacklings klar die Nase vorne haben. Wenn es um Offensivaktionen geht, ist ihm jedoch nicht nur der Dortmunder, sondern auch Boateng deutlich überlegen.

Fazit

Die Analyse zeigt, dass ein dauerhafter Ausfall von Hummels schwer zu verkraften wäre. Nach anfänglichen Problemen fand er unter Löw seine Rolle und ist nunmehr unumstritten. Keiner der Konkurrenten scheint in der Lage, den Aufbau anzukurbeln, wie er. Boateng beherrscht nicht die Kunst, mit langen, präzisen Bällen das Tempo zu variieren. Dennoch ist er diesbezüglich über Mertesacker zu stellen.

Löw steht gegen Ghana vor der Entscheidung: Zwischen Kevin Großkreutz und der offensiveren Spielweise, bei der Boateng in die Mitte gezogen, die Abwehr nicht komplett durcheinander gewürfelt wird. Mit seinen Läufen könnte Großkreutz die rechte Seite beleben, da sowohl Özil, als auch Müller und Götze dazu neigen, nach innen zu ziehen. Großkreutz wäre in dem Fall eine zusätzliche Anspielstation auf dem Flügel. Höwedes könnte eher absichernd agieren.

Oder Löw forciert weiterhin das Erfolgsrezept mit vier Innenverteidigern, dann würde er auf Mustafi setzen. Dieser könnte dank seiner Stärke im Mann-gegen-Mann-Duell auf Rechts dichtmachen und Boateng seine Wohlfühl-Position übernehmen. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit wären derartige Personalrochaden ob der Personalie Hummels undenkbar gewesen.

Dazugehörig