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Es gibt keine logische Erklärung dafür, warum Spanien nicht den vierten großen Titel in Folge gewinnen sollte. Das Team verfügt über genügend Talent und Erfahrung.

KOMMENTAR
Von Peter Staunton

Es ist schon merkwürdig, dass Titelverteidiger Spanien nur bei wenigen Experten als Favorit auf den Triumph bei der Weltmeisterschaft gilt. Dagegen tippte eine große Mehrheit kurz vor Turnierstart auf Gastgeber Brasilien als angehenden Champion. Die 0:3-Packung von La Roja im Endspiel des Confederations Cup gegen die Selecao mag viel dazu beigetragen haben. Allerdings sollte man aufpassen, nicht zu viel in jene Partie im Maracana zu interpretieren.

Spaniens Niederlage war ganz bestimmt kein Anzeichen für den bevorstehenden Niedergang einer großen Mannschaft. Wenn man so will, war es vielmehr das Beste, was Vicente del Bosque zu dem Zeitpunkt passieren konnte. Die Brasilianer durften anschließend üben, wie es ist, einen Pokal vor heimischem Publikum in die Höhe zu recken. Er wiederum sammelte wichtige Erkenntnisse, hat klare Anhaltspunkte, was bei der anstehenden Endrunde funktionieren wird und was nicht. Es war schlicht eine kurze Dürreperiode, bei der nicht viel auf dem Spiel stand.

Vor wenigen Wochen sagte Xavi der Times of India: "Wir wurden von einem jungen Team geschlagen, das praktisch in seinem Garten spielte. Wir haben völlig verdient verloren. Ich habe aber ein Gefühl: Dass wir vor einem Jahr hier gespielt haben, wird eine immense Hilfe sein. Wir kennen die Gegebenheiten. Wir haben fünf Partien unter unterschiedlichen klimatischen Bedingungen bestritten. Nun werden wir ähnliche vorfinden und davon profitieren wir." Eine heilsame Niederlage also?

Alonso ist dabei, Arbeloa nicht

Damals konnten die Spanier nicht ihre beste Elf aufbieten. Die komplette Innenverteidigung fehlte und vor allem Xabi Alonso wurde schmerzlich vermisst. Mit ihm steht und fällt das Spiel. Er ist der, der den größten Einfluss hat. Auf ihn kann man sich verlassen. Er versprüht die nötige Ruhe am Ball. Er macht eine gute Mannschaft zu Champions. Mit ihm ist man deutlich weniger anfällig für Konterangriffe.

Zudem bekam Alvaro Arbeloa von Neymar seine Grenzen aufgezeigt. Mittlerweile ist er keine Option mehr. Atletico Madrids Juanfran hat über die Saison bewiesen, dass er ein herausragender Außenverteidiger ist. Cesar Azpilicueta als Alternative ist ebenfalls nicht zu verachten. Zwei Achillesfersen aus dem Confed-Cup-Finale wurden damit beseitigt.

Ein dickes Fragezeichen bei dem Team, das seit 2008 beinahe unbezwingbar scheint, ist der Hunger nach Erfolg. Man gewann die letzten großen Turniere allesamt. Gut möglich auch, dass einige Fans und Experten nicht auf Spanien setzen, weil sie sich wünschen, dass diesmal jemand anders triumphiert. Es gibt einen Trend, dass die auf Ballbesitz ausgelegte Taktik verstärkt argwöhnisch betrachtet wird. Der EM-Titel 2012 wurde, so hatte es den Anschein, fast schon schulterzuckend zur Kenntnis genommen.

"Wir haben geschafft, was noch niemand schaffte"

"Es ist wahr, dass wir während der EURO als langweilig kritisiert wurden", so Xavi. "Aber uns kümmert es überhaupt nicht, was die Leute denken." Warum sollte man vom erdrückenden Tiki-Taka abrücken? Der Erfolg gibt den Spaniern Recht. Mit welchem Recht sollten sie nur ein Mitfavorit sein? Vielleicht, weil seit 1962 keine WM-Titelverteidigung glückte? Nun ja, sie schreiben Geschichte. Seit Jahren. Das Team zählt zu den besten aller Zeiten. Ein vierter großer Triumph in Folge würde dies nur weiter zementieren. All das ist Anreiz genug. Von Bequemlichkeit keine Spur.

"Natürlich ist keiner mehr der Spieler, der er vor sechs Jahren war", gab Fernando Torres im letzten Monat der Marca zu Protokoll. "Wenn du Meister bist, dann hast du einen anderen Fokus. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit. Ich will genauso gewinnen, wie ich es 2008, 2010 und 2012 wollte. Nichts hat sich verändert. Niemand kann unsere Hingabe anzweifeln und wir haben geschafft, was niemand vor uns schaffte."

Mit Diego Costa verfügt Spanien über eine weitere Waffe. Der in Brasilien geborene Stürmer bringt neue Qualitäten in den Angriff. Qualitäten, die David Villa und Torres nicht hatten. Er arbeitet enorm hart, ist physisch stark, opfert sich selbstlos auf. Dadurch ist man schwieriger auszurechnen. Viele Kontrahenten ziehen sich weit hinter den Ball zurück. Dank Costa hat del Bosque, ein relativ konservativer Trainer, die Möglichkeit, solche Situationen anders aufzulösen.

Bärenstark, wenn es drauf ankommt

"Er ist ein Spieler, der sehr stark ist. Er ist viel unterwegs, spritzig, dynamisch und erzielt Tore", weiß Pedro Rodriguez. Wenn die Spanier müssen, finden sie zumeist einen Weg. Seit 2006 haben sie so kein K.o.-Spiel mehr verloren, in jenen der EURO 2008 und 2012 sowie der WM 2010 keinen Gegentreffer kassiert.

Ihnen wird zwar vorgeworfen, sie würden stagnieren. Vielmehr ist es aber so, dass sie mittlerweile ein nahezu telepathisches Verständnis aufgebaut haben. "Ich sehe uns als eine Familie an", erklärte Juan Mata Laureus im Mai. "Wir kennen uns schon eine lange Zeit und wir spielen seit sechs oder acht Jahren zusammen. Wir fühlen uns miteinander wohl und ich denke, das ist der Schlüssel."

Viele Brasilianer glauben, der Titel gehöre bereits ihnen. Zahlreiche Experten teilen diese Meinung. Sicher, die Bühne ist bereit für die Gastgebers. Wie sich ein Titel zu Hause anfühlt, durften sie beim Confed Cup erfahren. Den amtierenden Welt- sowie Europameister deshalb abzuschreiben, wäre ein gefährliches Wagnis. Mit Spanien ist zu rechnen, sie sind der Topfavorit. Erneut.

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