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Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten machte sich die brasilianische Auswahl unsterblich. In einem hart umkämpften Finale bewies die Selecao im Elfmeterschießen am Ende die besseren Nerven.

Berlin. Ihren vierten Weltmeistertitel fuhr die Auswahl Brasiliens bei der Fußball-WM 1994 in den USA ein. Italien war der Gegner im Finale, das mit Roberto Baggio einen tragischen Helden hervorbrachte.

Hintergrund


Viele befürchteten, dass Gastgeber USA die Ausrichtung vernachlässigen würde schließlich spielt Fußball im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht einmal die zweite, sondern eher die vierte oder gar fünfte Geige. Doch weit gefehlt: ein tolles Programm und bis heute ungebrochene Zuschauerrekorde. Bulgarien war die positive Überraschung des Turniers, in welchem am Ende mit Italien und Brasilien zwei Fußballnationen im Finale standen.

Turnierverlauf

Schon nach wenigen Tagen ein Skandal: Diego Maradona wurde positiv auf Ephedrin getestet und vom Turnier ausgeschlossen. Überraschend in Gruppe A war der Sieg der USA über Kolumbien durch ein Eigentor von Andres Escobar. Tragischerweise wurde der Unglücksrabe wenige Zeit nach seiner Rückkehr von der WM in einer Bar in seiner Heimatstadt erschossen.

Rumänien gewann diese Gruppe vor der Schweiz, die USA kamen als Dritter weiter. Zum ersten Mal nach Zerfall der UdSSR war Russland bei einer WM vertreten und belegte in Gruppe B nur Rang drei. Brasilien und Schweden kamen hier weiter. Kamerun belegte mit dem 42-Jährigen Publikumsliebling Roger Milla diesmal nur Rang vier.

Deutschland und Spanien dominierten Gruppe C und belegten die ersten beiden Ränge. Obwohl die tapferen Südkoreaner gegen die Iberer einen Punkt holten, blieb ihnen ob des torlosen Remis gegen Bolivien ein Weiterkommen versagt.

Nigeria begeisterte mit dem Gruppensieg in Gruppe D vor den ebenfalls starken Bulgaren. Argentinien kam als Dritter weiter, doch ohne den gesperrten Maradona fehlte der spielerische Glanz. Debütant Griechenland war mit 0:10 Toren und ohne Punkt Kanonenfutter.

Ein historisches Novum bot Gruppe E, denn dort erzielten alle vier Teams je vier Punkte. Doch während Mexiko, Irland und Italien über die größere Anzahl erzielter Tore weiterkamen, musste Norwegen bittererweise die Heimreise antreten.

Nach Hause ging es auch für Marokko, das Gruppe F ohne Punkt beendete. Highlight dieser Staffel, die die Niederlande, Saudi-Arabien und Belgien mit je sechs Punkten überstanden, war das Tor des Turniers: der Saudi Saaed Al-Owairian traf nach einem Sahne-Solo über das gesamte Feld, bei dem er sechs Belgier aussteigen ließ.

Achtelfinale

In der K.O.-Runde war jedoch für Belgien Schluß: die frühe deutsche Führung glich Georges Grun aus, doch nach Toren von Klinsmann und Völler war der Last-Miunte-Anschluß nur noch Ergebniskosmetik. Einfacher als die Deutschen hatten es die Spanier, die die Schweiz 3:0 besiegten.

In einem hart umkämpften Spiel blieb Brasilien gegen Gastgeber USA mit 1:0 siegreich. Der Brasilianer Leonardo sah dabei wegen eines Ellbogenchecks gegen Tab Ramos Rot, bei welchem sich der US-Amerikaner mehrere Gesichtsfrakturen zuzog. Ohne schwere Verletzungen ging dagegen der 3:1-Erfolg Schwedens gegen Saudi-Arabien über die Bühne.

Sehr attraktiven Fußball boten die Rumänen mit ihrem Star Gheorghe Hagi, so auch beim Achtelfinalsieg über Argentinien. Die Niederlande erlebten dank eines frühen Treffers von Dennis Bergkamp einen klasse Auftakt und behielten gegen die Iren mit 2:0 die Oberhand, während es bei den Italienern spannend wurde. Zwei Treffer in letzte Sekunde durch Roberto Baggio sorgten für das Weiterkommen gegen Nigeria.

Packend war der Showdown zwischen Mexiko und Bulgarien. Hristo Stoichkov brachte die Osteuropäre in Führung, doch Alberto Garcia Aspe glich per Strafstoß aus. So kam es zum Elfmeterschießen, in welchem die Bulgaren bessere Nerven bewiesen.

Viertelfinale

Wieder sorgte ein Ellbogenschlag für erhitzte Gemüter: der Italiener Mauro Tassotti streckte Spaniens Luis Enrique nieder, doch obgleich es der Referee zunächst ungeahndet ließ, sperrte die FIFA den Azzurro anschließend für acht Partien. Nichtsdestotrotz siegte Italien mit 2:1.

Holland und Brasilien lieferten sich ein packendes und torreiches Duell und obwohl bei den Südamerikanern die Stürmerstars Romario und Bebeto getroffen hatten, war es mit Branco ein Abwehrspieler, der per Freistoß für den 3:2-Endstand sorgte. Deutschland hingegen musste nach Hause fahren, die Bulgaren, für die Stoichkov und Yordan Letchkov trafen, erwiesen sich als zu stark.

2:2 hieß es nach Verlängerung zwischen Rumänien und Schweden, weshalb das Elfmeterschießen entscheiden musste. Obwohl Hakan Mild gleich den ersten Strafstoß der Skandinavier versemmelte, kamen die Schweden weiter. Keeper Thomas Ravelli parierte gleich zweimal.

Halbfinale

Der Traum des Überraschungsteams Bulgarien fand schließlich gegen Italien ein jähes Ende. Beim 2:1 traf Roberto Baggio bei seiner wohl stärksten Vorstellung für die Squadra zweimal. Er sollte im Finale auf Brasilien treffen, das gegen dezimierte Schweden – Kapitän Jonas Thern wurde nach rund einer Stunde des Feldes verwiesen – dank Romario mit 1:0 die Oberhand behielt.

Finale

94.000 Zuschauer sorgten im Endspiel für eine Rekordkulisse im Rose Bowl in Pasadena. Mit den offensiven Brasilianern und den defensivstarken Italienern trafen zwei völlig unterschiedliche Fußballphilosophien aufeinander, die sich auf hohem Niveau neutralisierten.

So kam es, wie es kommen musste: Elfmeterschießen. Ausgerechnet Roberto Baggio verschoß, die Brasilianer behielten die Nerven und holten ihre vierte WM-Trophäe.

Helden und Versager

Mit diesem Titel war Brasilien bis 2006 alleiniger Rekordhalter, vor allem Sturmführer Romario war der Star der Selecao. Doch auch die Defensivstrategen Branco und Dunga waren in der Heimat gefeierte Helden.

Hristo Stoichkov machte sich in Bulgarien unsterblich, dank seiner Klasse gelang den Osteuropäern der Sprung ins Halbfinale. Auch die USA spielten ein gutes Turnier, zudem zeichneten sie sich als erstklassige Gastgeber dieser Endrunde aus.

Roberto Baggio war der tragische Held dieser WM. Erst seinen überragenden Leistungen war der Finaleinzug Italiens zu verdanken, doch am Ende verschoß ausgerechnet er den entscheidenden Elfmeter. Viele vermuten bis heute, dass er eigentlich angeschlagen war und seinen Schuß wohl besser einem Mitspieler hätte überlassen sollen. Auch Leonardo und Tassotti gerieten wegen ihrer Ellbogenschläge in die Schlagzeilen.

Mit Humberto Munoz Castro, dem Mörder von Andres Escobar, trat ein Mann den Gedanken einer WM mit Füßen. Schockiert nahm die Fußballwelt den Mord am kolumbianischen Nationalspieler auf. Eine große Tragödie in der Geschichte des Fußballsports und bis heute unverstanden.

Besondere Momente

Insgesamt überraschten vor allem die Kleinen! Nigeria, Bulgarien, auch Rumänien brachten neue Emotionen in den weltweiten Fußball. Viele sprechen bei Saaed Al-Owairians Tor noch immer vom schönsten der WM-Geschichte.

Die wohl größte Überraschung war Deutschlands Ausscheiden gegen Bulgarien. Das wiedervereinte Deutschland schien mit den Spielern der ehemaligen DDR stärker als je zuvor, doch Hristo Stoichkovs Freistoß drehte das Viertelfinale, bei dem man per Elfmeter geführt hatte. Yordan Letchkov, später in Diensten des HSV, besiegelte das Ende Deutschlands per Kopf.

Obgleich aus dem Spiel heraus kein Tor fallen wollte, bot das Finale 90 bzw. 120 Minuten großen und emotionalen Fußball. Beide Defensivreihen standen unheimlich kompakt, bei den Brasilianern stach vor allem der spätere Nationalcoach Carlos Dunga heraus. Das Finale von 1994 sollte das erste sein, das im Elfmeterschießen entschieden wurde.

Toptorjäger

6 Hristo Stoichkov (Bulgarien)
6 Oleg Salenko (Russland)
5 Romario (Brasilien)
5 Jürgen Klinsmann (Deutschland)
5 Roberto Baggio (Italien)
5 Kennet Andersson (Schweden)
4 Gabriel Bastituta (Argentinien)
4 Florin Raducioiu (Rumänien)
4 Martin Dahlin (Schweden)

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