Jovanovs HSV: Resignation macht sich breit

Neue Hoffnung durch den Trainerwechsel? Mitnichten. Der HSV steuert seinem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte entgegen.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

wer monatelang eine Mannschaft beobachtet, Entwicklungen analysiert, und dann zu der Erkenntnis kommt, den Weg seines Vorgängers weiterführen zu wollen, hat offenbar die falschen Schlüsse gezogen. Meine Hoffnung, dass Peter Knäbel und sein Assistent Peter Hermann beim Hamburger SV an den entscheidenden Stellschrauben drehen, wurde schon bei der Aufstellung jäh zerstört. Den Herren ist es nicht nur gelungen, Zinnbauers Weg weiterzuführen - sie haben ihn sogar übertroffen. Neben der eklatanten Offensivschwäche ist auch noch eine instabile Verteidigung hinzugekommen. Eine Mannschaft, die sich nach einem 0:1 aufgibt und in vielen Situationen die pure Resignation verkörpert, ist auf dem besten Wege, die Verantwortlichen in ihrem Glauben zu erschüttern, dass der HSV von einem ungeschriebenen Naturgesetz vor dem Abstieg bewahrt wird.

Schlimmer als die Niederlage in Leverkusen waren allerdings die Sprüche hinterher. Knäbel habe keine elf Männer gesehen, aber er wisse nun, auf wen er sich verlassen könne, und auf wen nicht. Ist ihm das bei seiner Analyse des Kaders denn nicht vorher aufgefallen? Oder hat es einen weiteren Beweis benötigt, dass man das Mannschaftsgefüge völlig durcheinanderbringt, wenn man Spielern eine Art Einsatzgarantie ausstellt, ohne dass sie die dafür notwendige Fitness, spielerische Qualität oder Trainingsleistung mitbringen müssen? Oder hat es einen weiteren Beweis benötigt, dass Spieler, die regelmäßig zwischen Transferliste, Tribüne, U23, Ersatzbank und Startelf pendeln, auch auf dem Platz nicht mehr genau wissen, wo sie eigentlich stehen? Aber wer weiß das beim HSV überhaupt noch?

Auf die Reaktion gespannt

Mit seinen Aussagen hat Knäbel jedenfalls eines ganz sicher geschafft, nämlich sich selbst enorm unter Druck zu setzen. Wenn es in dieser Woche also wieder ein reinigendes Gewitter geben soll, in dem man seiner Mannschaft sagt, was man von ihr hält, also nicht allzu viel, und ihr die "Eier" für Männerfußball fehlen, um im Jargon zu bleiben, bin ich auf die Reaktion im Spiel gegen Wolfsburg gespannt. Denn diese elf Männer, die keine waren, dürften dann nicht mehr auf dem Platz stehen. Andernfalls sind auch Knäbels Sprüche nur heiße Luft und der Versuch, dem erzürnten Fan die Steilvorlage zu liefern, seinen Frust in Richtung Spieler zu kanalisieren. Vielleicht darf dann der links liegen gelassene Gojko Kacar mal ran, der tun und machen kann, was er will, eine faire Chance aber nicht bekommt. Oder vielleicht kommt jemand auf die verwegene Idee, den aussortierten Artjoms Rudnevs wieder einzusortieren? Und hat Maxi Beister eigentlich schon genügend Spielpraxis gesammelt?

Bei den HSV-Fans steht Heiko Westermann (r.) oft im Zentrum der Kritik

Wenn der HSV, unabhängig von der Besetzung der Führungsetage, eines wirklich in Perfektion beherrscht, dann ist das das Demontieren seiner Spieler. Wer jetzt auf "Altlasten" und "Versager" der letzten Jahre schimpft, der hat das Kernproblem des Vereins meiner Einschätzung nach nicht verstanden. Denn die Versager von heute sind die Hoffnungsträger von gestern. Wer heute seine Hoffnungen daran knüpft, dass es im Sommer einen radikalen Schnitt im Kader gibt, hat die vergangenen radikalen Schnitte und Umbrüche offenbar alle verpasst. Was heute über Westermann, van der Vaart  oder Jansen gesagt wird, hört man spätestens in der nächsten Saison über Holtby, Müller oder Behrami. Erst wenn die weg sind, heißt es dann, kann es bergauf gehen.

Klare Entscheidungen, klare Regeln

Aber das Kernproblem sind nicht die Spieler, denen man beim HSV Lustlosigkeit, fehlenden Ehrgeiz und Bequemlichkeit vorwirft. Es geht bei einem Fußballverein wie in jedem anderen Gebilde, in dem Menschen miteinander zu tun haben, um Führung, klare Entscheidungen, klare Regeln. Es geht um einen vorgelebten Leistungsgedanken, der hier nicht existiert, oder um Vorbilder, die nicht da sind. Das Spiel des HSV ist ein Spiegelbild dessen, was sich im Inneren tut. Es gibt keine starken Persönlichkeiten, es gibt keine klar festgelegte Kompetenzbereiche. Beim HSV tut jeder alles, nur das nicht, wofür er eingestellt wurde. Es werden keine Entscheidungen getroffen, von denen man inhaltlich überzeugt ist, sondern die sich nach "außen" gut verkaufen lassen.

Es gab durchaus berechtigten Anlass zur Hoffnung, dass durch die Ausgliederung des Profifußballs einiges anders werden würde. Andererseits gab es auch leise Zweifel, ob die Probleme von demjenigen in den Griff zu bekommen sind, der es schon in seiner ersten Amtszeit nicht geschafft hat. Zwar hat sich Dietmar Beiersdorfer mit Peter Knäbel und Bernhard Peters ein kompetentes Team zusammengestellt, was es in dieser Form beim HSV noch nie gab. Doch heute, ein Dreivierteljahr später, zeichnen sich erste Risse ab. Wenn der Aufsichtsratschef Karl Gernandt davon spricht, dass Knäbel bei einem Abstieg seine Strahlkraft verlieren würde, zeigt sich schon nach der ersten Niederlage, dass der Sportchef extrem geschwächt ist. Er opfert sich, hält den Kopf hin und trägt Verantwortung für Dinge, die er nur am Rande zu verantworten hat.

Überhaupt stellt sich die Frage, welche Rolle der ehemalige technische Direktor aus der Schweiz beim HSV eigentlich einnimmt. Geht es um Transferangelegenheiten, ist es an erster Stelle Beiersdorfer, der als Vereinsboss von Beratern und Vermittlern kontaktiert wird. Provokant formuliert: Knäbel übernimmt als eine Art Randfigur Aufgaben, mit denen sich Beiersdorfer nicht beschäftigen will. Die gleiche Fragestellung muss auch bei Bernhard Peters erlaubt sein. Vielleicht habe ich es missverstanden, aber ich hatte geglaubt, er sei primär für den Nachwuchs und die Weiterbildung von Trainern zuständig. Hauptsächlich anzutreffen ist Peters aber im Bereich der Profis. Und längst ist durchgedrungen, dass die Spieler seinen Methoden mit Skepsis gegenüberstehen. Auch im Nachwuchsleistungszentrum ist Peters - vorsichtig ausgedrückt - nicht der Beliebteste. Schwierige Voraussetzungen, wenn man Trainer und Spieler coachen will.

Informationen durchgesickert

Ähnlich ist es für ihn in Hoffenheim gelaufen. Unter Holger Stanislawski oder Markus Babbel war seine Anwesenheit bei Ansprachen und taktischen Besprechungen unerwünscht. Und sollte es tatsächlich dazu kommen, dass Thomas Tuchel neuer HSV-Coach wird, gibt es dem Vernehmen nach auch hier Konfliktpotenzial. Dank Karl Gernandts Aussagen vor knapp einer Woche, über deren Tragweite er sich zum Zeitpunkt des Interviews nicht bewusst gewesen sein muss, wissen wir, dass nicht nur ein Interesse am ehemaligen Cheftrainer von Mainz 05 besteht, sondern auch ein Konzept "detailliert durchdekliniert" wurde. Und selbst im Falle eines Abstiegs wird es aus der Schweiz mal wieder Geld regnen, um Tuchel den Umbau des Kaders zu ermöglichen. Das ist zumindest seinen Aussagen zu entnehmen. Doch nicht alles, was der Aufsichtsratsvorsitzende verspricht, muss tatsächlich eintreffen.

Der ehemalige Mainzer Trainer Thomas Tuchel soll in der neuen Saison Coach beim HSV werden

Besonders an dieser Geschichte lässt sich gut dokumentieren, wie beim HSV regelmäßig der zweite vor dem ersten Schritt gegangen wird. So ist es auch bei der Planung des HSV-Campus gelaufen, um ein Beispiel aus der Vergangenheit heranzuziehen. Getrieben von dem Gedanken, nach einer schlechten Saison für positive Nachrichten und Aufbruchstimmung zu sorgen, wurde der Öffentlichkeit ein Projekt präsentiert, das noch nicht bis in letzte Detail durchdacht war und letztlich völlig neu konzipiert werden musste. Auch bei Transfers läuft es ähnlich: Erst den Brasilianer Cleber verpflichten, dann Gedanken machen, wie man Bedingungen schafft, um Spielern aus einer anderen Kultur eine einfache Integration zu ermöglichen. Oder erst den Fokus auf Tuchel legen, dann sich um den Klassenerhalt sorgen.

Was bleibt, sind viele Fragezeichen. Eine Vereinsführung, ein "Trainer", eine Mannschaft und ein Umfeld - allesamt in Resignation versunken. Das große Aufbäumen gegen den Abstieg ist nicht zu erkennen. Und während sich im vergangenen Jahr die gesamte Stadt mit dem HSV solidarisierte, bleibt auch dieser Effekt in diesem Jahr aus. Es gibt nicht mehr viel, was die Hoffnung auf einen Klassenerhalt am Leben hält.

Get Adobe Flash player