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Jovanovs HSV: Der schwerste Job der Bundesliga

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KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

ich bin kein Freund von Schwarzmalerei. Schon gar nicht von Weltuntergangsstimmung nach zwei Spieltagen. Aber der Auftritt des HSV gegen den SC Paderborn hat mich überrascht. Ich habe kein spielerisches Feuerwerk erwartet, bei dem der Aufsteiger aus dem Stadion geschossen wird. Ein deutliches 0:3 allerdings auch nicht. Das sah alles sehr nach einer Fortsetzung der vergangenen Saison aus. In Anbetracht der „längsten Vorbereitung der Geschichte“, den Kampfansagen vor dem Spiel, der Chance, all das, was war, hinter sich zu lassen, bin ich sehr erstaunt über die Leistung der Mannschaft.

Doch jedes Problem hat seine Ursache. Der Ausfall von Rafael van der Vaart ist ein Beispiel dafür. Nach seiner Auswechslung hat die Mannschaft merklich an Stabilität verloren. Ein anderes ist die Fitness von Pierre-Michel Lasogga. Dem bulligen Stürmer sieht man das fehlende Training an. Und noch immer ist das Spiel des HSV sehr von seiner Leistung abhängig. Denn es gibt außer ihm und van der Vaart niemanden in der Mannschaft, der Tore erzielen kann. Ilicevic wäre ein Kandidat dafür, ist den Beweis jedoch schuldig geblieben. Auch Beister, der noch einige Wochen ausfallen wird, kann Tore erzielen. Calhanoglu konnte das, spielt jetzt allerdings für einen anderen Verein.

Das Fehlen torgefährlicher Spieler macht den HSV leicht berechenbar, wenn diejenigen, die es können, nicht auf dem Platz stehen oder durch eine disziplinierte Defensivleistung aus dem Spiel genommen werden. Genau das hat der SC Paderborn umgesetzt. Zudem überließen sie dem HSV den Ball – phasenweise verzeichnete Slomkas Mannschaft Ballbesitzwerte von knapp 80 Prozent. Dieses Spiel lag ihr schon in der vergangenen Saison nicht. Und ohne neue Spieler konnte sich daran nach einer laufintensiven Vorbereitung auch nicht viel geändert haben.

Deshalb musste Dietmar Beiersdorfer reagieren. Mit Cleber hat man einen neuen Innenverteidiger verpflichtet, der durch seine Robustheit nicht nur defensiv für mehr Ruhe sorgen soll, sondern auch für mehr Variabilität im Spielaufbau. Ob Djourou oder Westermann der richtige Partner an seiner Seite wird, muss sich erst noch zeigen. Djourou hat gegen Paderborn mit exzellenten Zweikampfwerten und genauem Passspiel „überzeugt“ und liegt wohl vorn. Dennoch habe ich bei seinen Aktionen oftmals noch die vergangene Saison vor Augen. Sie ist, das ist unschwer zu erkennen, durch die Niederlage verstärkt ins Bewusstsein gerückt. Nicht nur bei mir als Schreiber – den Spielern wird es ähnlich gehen.

Ebenso sinnvoll halte ich den Transfer von Lewis Holtby, den der HSV gestern als perfekt vermeldete. Beim FC Schalke 04 spielte der 23-Jährige auch auf der Sechser-Position und könnte nun mit Valon Behrami ein neues Duo vor der Abwehr bilden. Oder Slomka baut um und lässt dem Schweizer den Vorzug als alleinigen defensiven Abräumer vor der Viererkette, sodass Holtby auf die offensiven Positionen rücken kann. Immerhin, und das macht Hoffnung, hat Slomka nun neue Optionen zur Verbesserung des Spiels. Nichtsdestotrotz steht der Cheftrainer schon jetzt mächtig unter Druck. Es gibt nicht wenige, die nach vier Spieltagen nur einen Punkt und damit den vorzeitigen Rauswurf prognostizieren.

Tritt dies tatsächlich ein, muss Beiersdorfer dafür nicht nur den ausbleibenden Erfolg benennen, sondern eine tiefer gehende Analyse durchführen, die auch außerhalb des Trainerstabs nach den Ursachen des Scheiterns forscht. Denn klar ist, dass viele unterschiedliche Trainertypen an der Aufgabe HSV gescheitert sind. Die Probleme sind immer dieselben. Sowohl auf dem Platz als auch in der Kabine. So wird von einer angespannten Atmosphäre innerhalb des Teams berichtet, weil die Spieler über die Trainingsintensität und Kommunikation des Trainers „irritiert“ sein sollen. Das kommt mir bekannt vor.

Dieses Problem wird der HSV nicht exklusiv haben. Aber es hat ihn fast in den sportlichen Abgrund geführt und es scheint keine Lösung dafür zu geben. Wer auch immer sein Amt in Hamburg antritt – irgendwann gibt er zermürbt auf. Wer sich ganz genau erinnert, wird das auch über Dietmar Beiersdorfer sagen können, der vor fünf Jahren sozusagen die „Flucht“ aus Hamburg antrat. Bei Slomka hatte ich schon nach einem Interview von Klaus-Michael Kühne den Eindruck, als frustriere ihn die Situation extrem. Damals sagte er: „Ich habe das Gefühl, im Sprint-Tempo Erfolg haben zu müssen.“

Bleibt man bei dem Gleichnis, dass der HSV ein schwerer Tanker inmitten von Schnellbooten sei, ist Erfolg im Sprint-Tempo so gut wie ausgeschlossen und auch Slomka zum Scheitern verurteilt. Beiersdorfers größte Herausforderung wird sein, nicht mit einem Trainerwechsel kurzfristig Symptome zu lindern, sondern die Ursache des Problems zu beheben und jedem Mitarbeiter eine vertrauensvolle, von der öffentlichen Meinung unabhängige Arbeit zu ermöglichen. Andernfalls bleibt der Trainerjob in Hamburg der schwerste Job der Bundesliga.

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