thumbnail Hallo,

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,
es ist noch ein langer, langer Weg zu gehen. Der HSV hat am vergangenen Sonntag eine richtungsweisende Entscheidung getroffen. Faktisch wird sich nicht viel verändern: Den e.V. wird es weiterhin geben und die Aktiengesellschaft existiert bereits – wobei viele Gegner der Ausgliederung dies ignorierten. Entscheidender ist, was sich in den Köpfen der Menschen bewegt hat. Es war erstaunlich zu beobachten, dass Wortbeiträge bejubelt wurden, für die es vor nicht allzu langer Zeit noch Pfiffe gegeben hätte. Die Mitglieder haben ihre eigene Rolle voller Demut verstanden.

Das Votum ist ein klarer Appell. Der HSV muss sich verändern, anpassen und neu definieren. Auf die neuen Aufsichtsräte wartet eine große und verantwortungsvolle Aufgabe, die sie mit einem Vertrauensvorschuss angehen können. Dass es überhaupt zu einem derart radikalen Paradigmenwechsel beim HSV kommen konnte, ist vielen unterschiedlichen und kleinteiligen Faktoren geschuldet und letztlich eine Folge des Missmanagements der amtierenden Personen. Dazu zählen die Vorstände, Aufsichtsräte, die machtvolle Abteilungsleitung der Supporters sowie der ihr nahestehenden Ultras.

Viel zu lange haben „Fußballfremde“, damit meine ich Personen ohne Fußballfachkompetenz mit ungenügendem Verständnis für das Geschäft hinter der Leidenschaft, Einfluss auf die Geschicke des Vereins ausgeübt. Umso positiver ist es nun, dass eben diese Personen ihre vermeintliche Niederlage überwiegend fair akzeptieren. Dabei ging es bei der Wahl am Sonntag nicht um Sieg oder Niederlage. Es ging einzig um einen längst überfälligen Schritt, der gemacht werden musste, um nicht vollkommen den Anschluss an die übrigen Bundesligaklubs zu verlieren.

Dennoch gab es an diesem denkwürdigen Nachmittag einige „Sieger“, ohne dabei etwas gewonnen zu haben. Dazu zählt Carl Jarchow, den es ehrt, dass er sich für eine Sache eingesetzt hat, die sein Aus beim HSV bedeuten könnte. Dazu zählt auch Jens Meier, der die Veranstaltung äußerst souverän und fair geleitet hat. Selbstverständlich gehören auch die vielen Menschen dazu, die HSVPlus durch ihre Arbeit im Hintergrund erst möglich gemacht haben. Mal wieder zeigt sich, wie Revolutionen dank des Internets ihr Ziel erreichen können. Das wiederum zeigt auch, welch große Kraft in diesem Verein steckt.

Mit der Ausgliederung allein ist es allerdings nicht getan. Es geht darum, den Verein umzukrempeln, zu analysieren, Maßnahmen zu treffen und sich Ziele zu setzen. Karl Gernandt hat seinen Dreijahresplan bereits angedeutet. Ich hoffe, dass er dann auf viele offene Fragen eine Antwort geben kann. Man wird sich Gedanken um ein sportliches Konzept machen müssen, um Nachwuchs, Scouting, um Botschaften, die der Verein transportiert, um Leitbilder, an denen sich jeder orientiert, um seine Fans und Ultras und um Vereinskultur. Dass es schon heute viel Positives mitzunehmen gibt, hat der Abstiegskampf eindrucksvoll bewiesen.

Denn wer dem Hamburger Publikum sonst Ungeduld und eine überzogene Erwartungshaltung nachsagte, wurde spätestens in diesem Jahr Lügen gestraft. Die Fans haben die Situation äußerst realistisch eingeschätzt, der Mannschaft auch nach Niederlagen das Vertrauen ausgesprochen, sie in Phasen angefeuert, wo es an anderer Stelle längst einen Platzsturm gegeben hätte. Bis auf wenige Ausnahmen haben sie einen ganz großen Beitrag zum Klassenerhalt geleistet und mit ihrer Wahl auf der Mitgliederversammlung einen Stein ins Rollen gebracht. Der HSV wird mit einer positiven Grundstimmung in die neue Saison gehen. Die erste Hürde ist geschafft.

Dass es nicht immer nur um das große Geld, Macht und Posten geht, beweist nicht nur Carl Jarchow, sondern auch Oliver Kreuzer. Der bisherige Sportvorstand ist gewillt, ins zweite Glied zu treten und auf seinen Vorstandsposten zu verzichten. Nun mögen alle Kritiker, dazu zähle ich sicher auch, meinen, Kreuzer bekomme in der Bundesliga doch sonst keinen Job mehr und tue das nur aus diesem Grund. Ich lasse mich aber gerne von der positiven Stimmung anstecken und sehe das heute ganz anders. Bei aller Kritik an seiner Person: Er ist Teil eines Teams, einer Struktur. Funktioniert die nicht, sieht auch der beste Angestellte irgendwann schlecht aus. Darüber könnte man beim HSV ein Buch schreiben.

Abschließend noch ein Blick auf die sportliche Entwicklung: Durch die bereits feststehende Verpflichtung von Zoltan Stieber und der bevorstehenden Einigung mit Matthias Ostrzolek lässt sich erahnen, wie Kreuzer und Slomka die Mannschaft in der kommenden Saison ausrichten wollen. Für ein ballbesitzorientiertes Spielsystem fehlen ihnen die Typen. Vielmehr rücken Laufbereitschaft und schnelles Umschaltspiel in den Vordergrund. Beide Spieler bringen die Voraussetzungen dafür mit und haben in ihren bisherigen Vereinen ähnliche Systeme gespielt. Slomka wird viel im physischen Bereich arbeiten müssen, um der Mannschaft modernen Tempofußball näherzubringen. Ich bin gespannt, wer noch auf die beiden Neuen folgen wird.

Bis dahin wird sich meine Kolumne in eine kleine Sommerpause verabschieden. Ich möchte mich an dieser Stelle für die vielen lobenden Worte in den vergangenen Wochen und Monaten bedanken – ob persönlich in der Arena, am Telefon oder über die sozialen Netzwerke. Ich bin fest überzeugt, dass wir uns künftig häufiger dem Sport widmen können. In Hamburg entsteht was. Ich glaube daran. Bis bald.

Bleib am Ball und folge Daniel Jovanov auf Facebook und Twitter!

Dazugehörig