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Jovanovs HSV: Alles auf Null

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

kein anderer Verein hätte in dieser Saison einen Abstieg so sehr verdient, wie der HSV. Das sagen zumindest viele neutrale Beobachter. Wobei: Was bedeutet schon verdient? Klar, der HSV hat 21 von 34 Bundesligaspielen verloren, dabei 75 Gegentore kassiert, zwei Mal den Trainer getauscht, keines der beiden Relegationsspiele gewonnen, ein desolates Management, Grabenkämpfe in der Mitgliedschaft und viele, viele weitere Gründe dafür geliefert. Aber ist es nicht genau das, was den Fußball ausmacht? Nicht immer gewinnt die Mannschaft, die den besseren Fußball spielt. Im Sport passieren unvorhersehbare Dinge, die über Sieg, Niederlage oder Klassenerhalt entscheiden.

Das ist der Punkt, der konventionelle Unternehmen von einem Fußballverein unterscheidet. Die Profimannschaft muss sich Woche für Woche an ihrer Leistung messen lassen. Es gibt wöchentlich ein Ranking, eine Tabelle, die aussagt, wie gut oder wie schlecht man war. Es gibt wesentlich mehr "Stakeholder", also Interessensgruppen, die die Leistungsfähigkeit der Mannschaft beeinflussen können. Zudem ist das enorme öffentliche Interesse ein zusätzlicher Druckfaktor. Die Wissenschaft spricht längst von "Fußballunternehmen" statt nur noch von Fußballvereinen.

An der Spitze des Fußballunternehmens HSV sind vier Vorstände, die in den vergangenen Jahren allesamt einen Beitrag zum Absturz des HSV geleistet haben. Gäbe es nach dieser Saison ein Abschlusszeugnis, müsste darunter ein "mangelhaft" stehen. Wer mit "mangelhaft" abschließt, hat das Klassenziel verfehlt, die Versetzung ist damit ausgeschlossen. Mit anderen Worten: Sie müssen alle gehen. Ihnen anschließen dürfen sich auch die verbliebenen Aufsichtsräte, die ebenfalls die Verantwortung für die schlechte Saison und die negative Entwicklung der vergangenen Jahre mittragen müssen.

Über all die Verfehlungen habe ich bereits so viel geschrieben, dass ich mich nur noch wiederholen kann. Deshalb lasse ich das an dieser Stelle und wende den Blick auf das, was sich verändern muss. Der HSV braucht eine Philosophie, eine Leitlinie, ein übergeordnetes und viele kleine Etappenziele. Die Führung muss sich die Fragen stellen: Wer ist der HSV? Wofür will er stehen? Wofür will er nicht mehr stehen? Wovon muss er sich lösen, woran muss er anknüpfen? Der erste Schritt wäre getan, wenn man die rückwärtsgerichtete Geisteshaltung durch einen symbolischen Akt in eine andere Richtung lenkt. Konkret: Stadionuhr abschalten und Dino abschaffen.

Dass es heute noch nicht ohne Symbole der Vergangenheit funktioniert, zeigt die Reforminitiative HSV Plus mit den "83ern" als Testimonials und Dietmar Beiersdorfer als möglichen Kandidaten für den Posten des Vorstandsvorsitzenden. Noch immer klammert man sich an etwas, von dem man glaubt, es sei mal gut gewesen. Dabei zeigt eine gründliche Analyse der Amtszeit von Beiersdorfer, dass man dieses Urteil über ihn relativieren kann. Nein, völlig neue, unbefangene Leute mit vielen Ideen und klaren Vorstellungen müssen die "Corporate Identity" des neuen HSV prägen. Alles auf Null.

Ob es überhaupt dazu kommt, liegt in der Hand der Mitglieder. Am kommenden Sonntag können bis zu 8000 von ihnen über die Zukunft des Vereins abstimmen und damit auf struktureller Ebene den Grundstein für den Erfolg auf sportlicher Ebene legen. Dass zwangsläufig ein mittelbarer Zusammenhang besteht, habe ich bereits in der vergangenen Woche erläutert. Doch es gibt noch immer eine verglichen mit der Gesamtheit kleine Gruppe, die das offenkundig verhindern will. Aufsichtsrat Jürgen Hunke hat gemeinsam mit Rainer Ferslev (Initiative Rautenherz), Eugen Block (Unternehmer), Raimund Slany (Rechnungsprüfer des HSV) und Manfred Kaltz ein Gegenkonzept vorgestellt, das eigentlich keines ist.

Es war abzusehen, dass die Verlierer der Mitgliederversammlung im Januar das Feld nicht kampflos räumen werden. Nun setzen sie teilweise auf Diplomatie, teilweise auf Demagogie, um zu verhindern, dass ihnen die Spielwiese, auf der sich so viele von ihnen die vergangenen Jahre austoben durften, weggenommen wird. Hunke und seine "HSV Allianz" beklagen, dass "Mitglieder und Fans" nicht mitgenommen werden, dass HSV Plus ein Schnellschuss sei und man regelrecht in die Irre geführt werden soll. Den entscheidenden Satz auf der gestrigen Veranstaltung sagte Kaltz, Europapokalsieger der Landesmeister von 1983: "Die Fans wollen nur eins: was gewinnen. Mehr nicht."

Richtig erkannt. Das wird letztlich dazu führen, dass HSV Plus höchstwahrscheinlich trotz einiger inhaltlicher Bedenken durchkommt. Weil die Fans keine Lust mehr haben auf Vereinspolitik und Grüppchen, die den Verein nach ihrem Gusto leiten. Sie wollen keine Argumente mehr hören, es findet überhaupt keine Diskussion mehr auf sachlicher Ebene statt. Es wird eine Wahl pro oder contra Rieckhoff, pro oder contra Hunke, Ertel, Reichert und so weiter.

Und das hat in großen Teilen der Aufsichtsrat zu verantworten, der dem Vorstand eine rechtzeitige Prüfung einer Ausgliederung untersagt hat, heute aber beklagt, dass alles nur ein Schnellschuss sei. Der Vorstand hätte sich nicht daran halten müssen, das war ein klarer Fehler. Erst das Missmanagement hat überhaupt dazu geführt, dass die Ausgliederung bei der Mehrheit der Mitglieder Anklang findet. Diejenigen, die dem HSV in den vergangenen Jahren schon nicht helfen konnten, können es jetzt?

Amüsant finde ich zudem die Erklärung der "HSV Allianz", die sich für eine Verschiebung ausspricht und gleichzeitig anmerkt, man könne in drei Monaten ein Konzept erstellen, mit dem alle zufrieden sein werden. Drei Monate? Der HSV diskutiert seit fast einem Jahr über die Ausgliederung. Seit einem Jahr sind die Ideen von HSV Plus bekannt. Eine Einigung unter den Parteien war nicht möglich. Würde Hunke sich bei einer Mehrheit auf einen Kompromiss einigen? Wohl kaum.

Dass das ausgearbeitete Ausgliederungskonzept nun in den Augen einiger Experten als ein Schnellschuss aussieht, ist der Verhinderungstaktik der Reformgegner geschuldet. Der Verein hat sich selbst der Chance beraubt, das Thema Ausgliederung so anzugehen, wie es notwendig gewesen wäre. Es ging und geht noch immer primär um die Frage: "Bist du einer von uns?" und nicht "Was ist das Beste für den Verein?"

Ich glaube, dass Folgendes in aller Deutlichkeit noch mal gesagt werden muss: Die Mehrheit verzichtet auf "Mitbestimmung" für neue Strukturen, die Mehrheit will HSV Plus, die Mehrheit will keine Details mehr hören, die Mehrheit will Klarheit und einen Neuanfang. Es gibt keine Zeit mehr für Kompromisse, einen runden Tisch und weitere Verhandlungen. Die neue Saison muss geplant werden. Und dass es so wie bisher nicht mehr gehen kann, dürfte selbst der Letzt im Verein begriffen haben.

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