thumbnail Hallo,

Jovanovs HSV: Feindbild Supporters Club?

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

noch nie hat es eine Mannschaft mit 27 Punkten und 75 Gegentoren in die Relegationsspiele geschafft. Dennoch hat der HSV weiterhin die Chance, in der Bundesliga zu verbleiben. Ein Geschenk, das man mit großer Demut annehmen sollte. Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Was hat dazu geführt, dass ein Verein, der einst bis auf den 12. Platz des europäischen Vereinsrankings geklettert ist, heute kurz vor dem Kollaps steht? Und wer ist dafür verantwortlich?

Für viele scheint nicht die Relegation, sondern der 25. Mai, der Tag der Mitgliederversammlung, das wichtigere Ereignis zu sein. Selbst wenn der HSV den Klassenerhalt schafft, stellt sich die berechtigte Frage, wie es weiter geht. Ohne die dringend notwendigen Veränderungen verschiebt der Verein seinen Absturz in die Bedeutungslosigkeit wohl nur um ein weiteres Jahr. Bleibt alles so, wie es derzeit ist, wird der HSV wichtige Spieler wie Calhanoglu, Adler oder selbst Tah verkaufen müssen, um einfach nur am Leben zu bleiben. Fatale Aussichten für die kommende Saison.

Als ich vor zwei Jahren anfing für Goal über den HSV zu schreiben, habe ich vereinspolitische Themen für unwichtige Nebengeräusche gehalten. Ich wusste nicht, welch negative Energie von ihnen ausgeht und wie viel Kraft und Zeit sie kosten. Man mag sich auch nicht mit ihnen auseinandersetzen und man versteht erst recht nicht, wie es einen Zusammenhang mit der Leistung auf dem Platz geben kann. Mit der Zeit habe ich allerdings verstanden, warum der HSV so ist, wie er ist.

Im Verein herrscht eine durchweg vergiftete Stimmung. Sie ist geprägt von Misstrauen und äußert sich sogar in gewalttätigen Auseinandersetzungen. Es beginnt bei gewöhnlichen Fans, die aufgrund unterschiedlicher Meinungen zu vereinspolitischen Themen aufeinander losgehen, und endet bei einem „Krieg“ zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Nun könnte man argumentieren, dass diese Dinge die Mannschaft nur unmaßgeblich treffen. Das tun sie beim HSV jedoch sehr wohl.

Trainer, die man als kompetent empfunden hat, werden geopfert, um die Lebenszeit des Managers zu verlängern. Manager, zu denen man Vertrauen aufgebaut hat, werden entlassen, weil „externe vereinsinteressierte Kreise“ das so wollen. Aufsichtsräte werden gewählt, um Vorstände zu stürzen. Es gibt keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen einem Patzer von Heiko Westermann und vereinspolitischen Kriegsschauplätzen. Es gibt allerdings einen mittelbaren.

Vereinspolitik ist kein Nebenkriegsschauplatz – es ist der Hauptkriegsschauplatz. Der HSV sitzt in der Sackgasse. Alles steht und fällt mit der Entscheidung der Mitglieder in zwei Wochen. Womöglich wäre das alles anders zu lösen gewesen, wenn man innerhalb des Vereins vertrauensvoller miteinander umgegangen wäre. Stattdessen verstärken sich die Feindbilder. Der Supporters Club ist eines von ihnen und in der Wahrnehmung vieler Mitglieder verantwortlich für die Querelen im Verein. Die dem Supporters Club nahestehenden Ultras „Chosen Few“ gelten sogar als „Totengräber“ des Vereins. Wie kommt’s?

Längst hat sich der Supporters Club zum Verein im Verein entwickelt, der mehr ist, als eine Dachorganisation für Fanclubs und fördernde Mitglieder. Über 60.000 gehören ihm an, wobei die meisten nicht wissen, wofür er steht. Dass er nicht die Meinung der Mehrheit vertritt, ist spätestens seit dem Votum im Januar klar, als sich knapp 80 Prozent für die Reforminitiative HSV Plus aussprachen. Es wird also gern vom Supporters Club gesprochen, gemeint ist allerdings nur eine im Vergleich zur Gesamtheit kleine Gruppierung rund um die Abteilungsleitung.

Mit Christian Bieberstein, seines Zeichens Vorsitzender der Abteilung, habe ich nach der Versammlung im Januar sehr ausführlich über das Imageproblem und die Konsequenzen für den Supporters Club aus dem Votum der Mitglieder gesprochen. Bieberstein äußerte sich selbstkritisch und verständnisvoll. Ich habe das als Zeichen der Einsicht interpretiert, als Zeichen, die Philosophie und Funktion des Supporters Club neu zu definieren und die Mitglieder wieder einzuholen. Leider gab es nie ein OK für die Veröffentlichung des Interviews. Aus taktischen Gründen.

Und diese Taktiererei zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Verein. Frei nach dem Motto: Rette sich, wer kann. Und das möglichst lange. Weil es niemanden gibt, der Verantwortung übernimmt, sondern sie immer wieder von sich weist und sich bei Kritik wegduckt, entlädt sich der Frust bei den Spielern, die als Protagonisten auf dem Feld im Fokus stehen. Zwangsläufig hat das Auswirkungen auf Motivation und Leistungsfähigkeit. Ständig wechselnde Ansprechpartner, ein zerstrittenes Kontrollgremium, Auseinandersetzungen unter Fans – davor kann kein Spieler die Augen verschließen.

Wie ist es sonst zu erklären, dass Spieler, die beim HSV weit unter ihren Möglichkeiten spielen, bei anderen Vereinen aufgehen? Dennis Aogo ist ein solches Beispiel. Er wirkt äußerst glücklich bei Schalke 04. Oder Marcus Berg. Der ist Topscorer in der griechischen Liga. Aber halt: Sie ist kein Maßstab, oder? Erlaubt man sich aus HSV-Sicht tatsächlich so etwas zu sagen? Wer war schon mal dort, wer kann den Fußball beurteilen? Ein wenig mehr Demut und Selbstreflexion wären angebracht.

Dem Verein wäre sehr geholfen, wenn diese negative Energie aufgelöst wird. Die Basis, also Fans und Mitglieder, könnten einen Beitrag dazu leisten, wenn sie sich wieder auf das besinnen, was sie am besten können und so wichtig macht: Support. Sie brauchen keinen Vertreter auf Vorstandsebene, der von seinen übrigen Kollegen ohnehin aus vielen Sitzungen ausgeschlossen wird, sie brauchen auch keine Vertreter in einem Kontrollgremium. Sie können den Verantwortlichen ihre Macht demonstrieren, wenn sie fernbleiben und der Mannschaft die Unterstützung untersagen. Aber doch bitte nicht, indem sie ihm durch Regelverstöße schaden.

Der Supporters Club könnte, nein, er muss sogar einen Beitrag zur Entwicklung einer Vereinskultur beitragen. Nur wer kameradschaftlichen, vertrauensvollen Umgang vorlebt, kann ihn von Spielern und Managern einfordern. Womit können sie sich denn identifizieren, woran orientieren? Wer von einer Seele spricht, dem sei gesagt: Es gibt keine. Der HSV ist eigentlich tot und wird künstlich am Leben erhalten. Er braucht allerdings keine lebenserhaltenden Maßnahmen, er braucht ein neues Herz.

Wie wenig Herz der HSV hat, insbesondere diejenigen, die den „e.V.“ preisen und die Kommerzialisierung verteufeln, zeigt das Beispiel Michael Krämer. Michael ist Mitglied, 53 Jahre alt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Wie alle anderen Mitglieder auch, das ist mein Verständnis von Fairness, sollte er die Möglichkeit bekommen, am Vereinsleben zu partizipieren. Diejenigen jedoch, die eine Beschneidung der Mitbestimmungsrechte durch HSV Plus fürchten, hindern andere daran, mitzubestimmen. Ist das nicht paradox? Wenn Michael keine starken Schmerzmittel einnimmt, kann er eine mehrstündige Versammlung nicht aushalten. Mit der Möglichkeit aus der Ferne abzustimmen, würde ihm diese Qual erspart bleiben. Viele weitere insbesondere alte und kranke Mitglieder, könnten ebenfalls teilnehmen. Stattdessen schließt man sie aus.

Wie geht der HSV eigentlich mit seinen Spielern um? Richtig, er schließt sie zum Teil ebenfalls aus. Entweder verbannt er sie aus der Mannschaft, um sie später zu reaktivieren oder vergisst sie zu einem Mannschaftsabend einzuladen. Und die sollen den HSV am Donnerstag und Sonntag vor dem Abstieg retten? Sind die Zusammenhänge nun klar? Der Kampf für den „e.V.“ ist nur eine Maske, um zu vertuschen, dass für sich selbst gekämpft wird. Mitglieder, Vorstände, Aufsichtsräte, Spieler – jeder kämpft für sich. Also fühlt sich auch jeder nur für sein ganz persönliches Wohl verantwortlich.

Ja, ich könnte vor dem wichtigen Relegationsspiel gegen Fürth so tun, als herrsche beim HSV Euphorie und der Nichtabstieg wäre ein ganz großer Erfolg. Ich könnte die Augen davor verschließen, dass weitreichende, übergeordnete Gedanken angestellt werden müssen, damit sich im Verein von Grund auf etwas ändert. Ich halte das jedoch für dringend notwendig. Es ist nicht alles schlecht beim HSV – aber viel ist zu weit entfernt vom eigentlichen Thema Profifußball.

Bleibe am Ball und folge HSV-Kolumnist Daniel Jovanov auf Facebook und Twitter!

Dazugehörig