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Jovanovs HSV: Es muss Konsequenzen geben

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

als das Spiel gegen den FC Bayern abgepfiffen wurde und sich das Ergebnis aus Braunschweig verbreitete, schien vom Hamburger Publikum eine große Last abzufallen. Es fühlte sich an wie ein Sieg. So weit ist es also gekommen, dachte ich mir, dass der HSV das 1:0 des FC Augsburg bei Eintracht Braunschweig feiern muss wie die Meisterschaft. Darüber lachen werden diejenigen, die diesem Verein nichts Gutes mehr gönnen. Davon gibt es nicht wenige in der Stadt. Die Fans werteten das eigene Ergebnis hingegen vollkommen realistisch. 1:4 verloren, die Chance lebt noch – weiter geht’s.

Überschattet wurde das Spiel von den Auseinandersetzungen der Hamburger Polizei mit einigen HSV-Fans vor, während und nach Schlusspfiff. Da es unterschiedliche, sich zum Teil widersprechende Versionen über den Auslöser dieses Konfliktes gibt, ist es als Außenstehender nahezu unmöglich die "Wahrheit" herauszufiltern. Fakt ist allerdings, dass die Ultragruppen "Chosen Few" und "Poptown" nach den Auseinandersetzungen vor dem Einlass ins Stadion mit einem Banner reagiert haben. "A.C.A.B" (All Cops Are Bastards) war auf zwei Plakaten zu lesen. Nun mögen die Ultras zwar argumentieren, dass der Wortlaut keine strafrechtliche Relevanz hat – er verstößt allerdings gegen die Stadionordnung.

Warum sich die Polizei allerdings zu einer derart unverhältnismäßigen Aktion hat hinreißen lassen, statt die "Täter", die das Banner an den Zäunen angebracht hatten, per Überwachungskameras zu identifizieren und Strafanzeige zu stellen, erschließt sich mir nicht. Von bis zu 200 Verletzten ist die Rede – viele davon mit Sicherheit unbeteiligt. Zur Vorgeschichte: Das erhöhte Polizeiaufgebot war offensichtlich eine Reaktion auf die Ankündigung der Bayern-Fans sich mit Anhängern des FC St. Pauli zu treffen. Zusammenstöße mit den Ultras des HSV sollten vermieden werden. Es endete im Chaos.

Erstaunlich ist, welche Reaktionen die Szenen nach sich ziehen. Für viele Mitglieder und Fans scheint klar, dass die Ultras, insbesondere die "Chosen Few" im Block 22C aus dem Stadion verbannt gehören. Die Vorwürfe lauten: Nicht nur, dass sie im Verein Politik betreiben und in Zusammenhang mit dem Einsatz von Pyrotechnik stehen – jetzt liefern sie sich auch noch wilde Jagdszenen mit der Polizei während eines Spiels. Innerhalb des HSV haben sich etliche Feindbilder entwickelt, die mehr und mehr verstärkt werden. Da ist zum einen der mächtige Supporters Club, dem sich die Ultras zugehörig fühlen, und zum anderen die Ausgliederungsinitiative mit Klaus-Michael Kühne im Hintergrund.

Wer die politische Aktivität einiger "Supporters" kritisiert, sollte vielmehr darüber nachdenken, dass erst die Passivität der übrigen Mitglieder, das sind immerhin fast 70.000, den Ultras zu dieser Fülle an Macht verholfen hat. Bei ihnen zeigt sich eine Ebene, auf der Solidarität vorgelebt und praktiziert wird. Die Abteilungsleitung der Supporters verurteilte den Einsatz der Polizei noch am selben Tag aufs Schärfste, während man noch immer auf eine offizielle Stellungnahme des Vorstandes wartet. Keine Spur hingegen von Selbstkritik. Sie schützen sich gegenseitig, stehen füreinander ein und verfolgen ihre Interessen konsequent. So auch bei der Frage nach einer Reform, die ihnen Einfluss und Macht zu nehmen droht.

Seit fast einem Jahr schon zerfleischt die Strukturdebatte den Verein von innen. Der Vorstand hat sich aus meiner Sicht viel zu lange weggeduckt und die Verantwortung von sich weggeschoben. Es ist doch ein Armutszeugnis, dass der HSV sich in einen Zustand völliger Unklarheit begibt, sogar begeben muss. Schnellschlüsse sind die Folge. Für eine genaue Prüfung und Diskussion der ausgearbeiteten Ausgliederungsdokumentation bleibt keine Zeit. Die hätte der Verein haben können, wenn der Aufsichtsrat die Prüfung einer Ausgliederung im Winter 2013 aus angeblichen Kostengründen nicht untersagt hätte.

Stattdessen hat der Aufsichtsrat im April eine Anwaltskanzlei beauftragt, um den Vorstand mit Fragen zu löchern. Mitten im Abstiegskampf! Die Kosten trägt natürlich der Verein. Es ist Wahnsinn, welche Probleme er neben dem Kampf um den Verbleib in der Bundesliga zu bewältigen hat. So viele, dass das Sportliche immer wieder an den Rand gedrückt wird. Dabei sollte jeder genau zugehört haben, was Eric-Maxim Choupo-Moting, der am kommenden Samstag für Mainz stürmt, im aktuellen Sportstudio des ZDF zu sagen hatte. Mit dem HSV verbinde er nicht mehr so viel, im Grunde überhaupt nichts mehr. Außerdem lag der einst gescheiterte Wechsel zum 1. FC Köln nicht am verspäteten Fax, sondern an der Unentschlossenheit der Hamburger. "Der HSV war schuld", fällte Choupo-Moting schließlich sein Urteil.

Interessant ist doch, dass es kaum ehemalige Spieler gibt, die sich positiv über den HSV äußern. Weder öffentlich noch informell. Erst kürzlich sprach ich mit einem Spieler, der alle Jugendmannschaften durchlaufen hatte. Auch er verspürt kein Mitleid mit dem HSV – im Gegenteil. "Sie haben den Verein kaputtgemacht", sagte er. Vielmehr schienen sie allerdings ihn kaputtgemacht zu haben. Und er ist nicht der Einzige. Der HSV muss alles, was in den letzten Jahren passiert ist, hinterfragen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Wenn man meint, den Spielern alles erdenklich Mögliche abzunehmen, damit sie sich nur auf Fußball konzentrieren können, und dennoch weit unter ihren Möglichkeiten spielen, muss es etwas Tiefgründigeres geben, was im Verein nicht stimmt. Daran können die vielen Trainer nichts ändern.

Doch wer soll sich mit all diesen Dingen beschäftigen? Der HSV schwebt in der Luft. Keiner weiß, in welcher Liga nächste Saison gespielt wird. Keiner weiß, wer dann noch die Verantwortung trägt. Von den aktuellen Amtsinhabern erwarte ich nichts mehr. Sie haben sich lange genug gegenseitig attackiert und müssen das Resultat nun allesamt mitverantworten. Der HSV braucht neue Gesichter, eine neue Identität, eine Leitlinie, die klar definiert ist. Jeder sollte das Recht haben, gehört zu werden. Dennoch: Das Kernprodukt des HSV ist der Profifußball. Er muss wieder in den Vordergrund rücken.

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