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Jovanovs HSV: Jetzt folgt die Quittung

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

Johan Djourou, Slobodan Rajkovic, Jonathan Tah, Marcell Jansen, Zhi Gin Lam, Milan Badelj, Ousaim Bouy, Rafael van der Vaart, Maximilian Beister, Valmir Nafiu und Pierre-Michel Lasogga – elf Spieler. Ganze elf Spieler standen Mirko Slomka gegen den VfL Wolfsburg (1:3) nicht zur Verfügung. Acht von ihnen zählen zu den vermeintlichen Stammkräften oder zur engeren Auswahl für die erste Elf. Von Auswahl konnte Slomka am Osterwochenende nicht sprechen. Er bot auf, was sich halbwegs gesund und einsatzbereit zur Verfügung meldete.

Verletzungspech – ein Argument, dass man in diesen Tagen lieber nicht verwendet. Zu prekär ist die Lage, zu emotional die Diskussionen, um sie auf einer sachlichen Ebene zu führen. Egal wie man es aktuell versucht, man macht es offenbar falsch. Die Fans sind ständige Durchhalteparolen leid. Auf der anderen Seite wird der zigste Bericht über Gründe und Ursachen des Dilemmas als übliche Effekthascherei abgetan. Die Probleme sind schließlich bekannt und auch an dieser Stelle mehrfach diskutiert worden. Dennoch sind in Zeiten wie diesen interessante Beobachtungen zu machen.

Die Frage nach den Gründen scheint vielerorts geklärt zu sein. Bei den "Schuldigen" herrscht noch Uneinigkeit. Ist es das Erbe Bernd Hoffmanns, das den Verein womöglich in die zweite Liga führen könnte? Ist es der intrigante Teil des Aufsichtsrates, der mit seinen Spielchen für den Niedergang gesorgt hat? Ist es der machtvolle Supporters Club? Ist es Vorsänger Jojo Liebnau und seine Ultragruppe oder sind es sogar die Hamburger Medien? Fest steht, dass die Menschen offenbar einen oder mehrere Schuldige brauchen.

Es lindert ihren Schmerz und kanalisiert die Enttäuschung. Lässt sich ein Verantwortlicher finden, können komplexe Zusammenhänge ausgeblendet werden. Das vereinfacht und verkürzt die Debatte. Es führt sie allerdings auch weit weg vom eigentlichen Thema: Fußball. Der Sport ist beim Hamburger SV in den vergangenen Jahren immer wieder im Schatten anderer Diskussionen verschwunden. "In der Häufigkeit, wie hier Baustellen entstehen, ist das schon enorm. Wir tun alle gut daran, uns auf das Wesentliche, den Fußball, zu konzentrieren", hatte einst Armin Veh als Trainer des HSV gesagt. Was damals galt, gilt auch heute.

Die Hamburger haben vor einem Jahr, als sie die Saison als Tabellensiebter beendeten, ihren Sportchef entlassen, dem man Unerfahrenheit in der Bundesliga vorwarf, um ihn durch einen noch unerfahreneren zu ersetzen. Ein nicht nur aus finanzieller Sicht fataler Fehler. Aber: Er ist selbst verschuldet. Der HSV war nicht gezwungen so zu handeln, geschweige lagen für mich stichhaltige Argumente dafür vor. Dann verkaufte man einen Teil seines 24-Tore Sturmes, um ihn durch einen Reservespieler aus der Schweizer Liga und einen verletzungsanfälligen Stürmer zu ersetzen. Notgedrungen oder aus Mangel an Einfallsreichtum? Der Rest des 24-Tore Sturmes wurde langsam aber sicher ins Abseits gestellt.

Nach der nachvollziehbaren Trennung von Thorsten Fink folgte ein erfahrener, aber äußerst teurer Trainer. Sportchef Oliver Kreuzer wollte eine namhafte Lösung präsentieren, um die unruhigen Gemüter ruhig zu stellen. Unter van Marwijk spielte die Mannschaft im Herbst 2013 ihren wohl besten Fußball, auch wenn die Ergebnisse (0:2 gegen Gladbach oder 3:3 gegen Stuttgart) nicht immer gestimmt haben. Zur Winterpause flog der noch immer abstiegsbedrohte HSV nach Indonesien, um dort für sich und die Bundesliga zu werben. Van Marwijk hätte gern auf diese Reise verzichtet, ordnete sich jedoch den Zwängen des Vereins unter. Was er von der Reise hielt und welche Konsequenzen sie womöglich haben könnte, hat van Marwijk nur durchklingen lassen.

Aus Respekt vor seinen Vorgesetzten verzichtete er darauf die Wintervorbereitung, die nahezu komplett zur Regeneration genutzt werden musste, als Alibi für die dann folgenden Misserfolge zu nutzen. Spätestens bei der Diskussion um den Trainingsumfang hätte der Verein sich entschieden vor seinen Trainer stellen müssen, da die Maßnahmen absolut richtig und verantwortungsbewusst gewesen sind. Van Marwijk hätte bei einer unvorbereiteten Mannschaft in der Abwärtsspirale auch die Zügel anziehen und zusätzliche Verletzungen in Kauf nehmen können. Er tat es nicht und war irgendwann nicht mehr zu halten.

Allein bis zu diesem Zeitpunkt wird das Ausmaß an Fehlentscheidungen, unabhängig davon wie sie zustande gekommen sind, deutlich. Die Verkettung unglücklicher Umstände, ein zerstrittener Aufsichtsrat, eine Reformdebatte, ein Vorstand mit vier Einzelkämpfern und die erwähnten Verletzungssorgen haben den HSV dorthin geführt, wo er eben steht. Das ist die Quittung für fehlerhaftes Management. Die Debatte um Führungspersönlichkeiten im Abstiegskampf hätte vor der Saison bei der Zusammenstellung des Kaders geführt werden müssen, nicht jetzt.

All diese Gedanken und all die Vorwürfe bringen dem HSV nichts mehr. Ihm helfen aber auch keine depressiven Fans und schon gar nicht Randalierer. Dafür, dass die Mannschaft gegen Wolfsburg auf so viele Stammkräfte verzichten musste, hat sie sich phasenweise gut verkauft. Sie kämpft, rennt und gibt sich nicht auf. Die Spieler zeigen, dass sie wütend sind. Niemandem unter ihnen kann die Bereitschaft zur Wehr abgesprochen werden. Das sollte Mut machen. Vor allem Mirko Slomka und der Mannschaft. Letztlich waren und sind nur sie die entscheidenden Figuren, die den Klassenerhalt erreichen können.

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