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Jovanovs HSV: Das Geld ist weg

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,
dass ausgerechnet Heiko Westermann für die Erlösung in der Imtech Arena sorgte, hat mich besonders gefreut. Besonders deshalb, weil der 30-Jährige seit seiner Verpflichtung einen schweren bei den Fans des Hamburger SV hat. Zu Unrecht. Ich unterstelle, dass viele ein anderes, weitaus positiveres Urteil über Westermann fällen würden, wenn sie sich intensiver mit Fußball und den individuellen Aufgaben eines Verteidigers beschäftigten. Macht Westermann ein gutes Spiel, bleibt es zumeist unerwähnt. Misslingt ihm eine Ballannahme, ein Pass oder verliert er einen Zweikampf, sieht er sich harscher Kritik ausgesetzt.

Die Ursache für das schwierige Standing liegt womöglich darin begründet, dass Westermann zum einen viel Geld gekostet hat, und zum anderen als Kapitän regelmäßig vor die Kameras treten musste. Während es nach Niederlagen kaum Statements seiner Kollegen gegeben hat, die mindestens einen genau so großen Anteil am Misserfolg getragen haben, lieferte er Erklärungsversuche vor der Presse. Kein Wunder also, dass der Groll der Fans sich regelmäßig gegen ihn richtete.

Umso schöner, wenn er nun das Momentum genießen und daraus neue Kraft schöpfen kann. Das gilt nach dem 2:1-Sieg über Bayer 04 Leverkusen allerdings für die gesamte Mannschaft. Ich behielt mit meiner Prognose recht: Es gibt noch Grund zur Hoffnung. Und sie ist in Anbetracht der Ereignisse merklich gestiegen, da mit Hannover 96 schon der nächste angeschlagene Gegner wartet. Die Ausschreitungen nach dem verlorenen Derby gegen Eintracht Braunschweig werden ihr Übriges tun, um die Verunsicherung beim Team von Tayfun Korkut zu verschärfen.

Die Chancen auf Klassenerhalt stehen für den HSV also nicht schlecht. Sechs bis sieben Punkte sollten es noch werden, um den 15. Tabellenplatz zu erreichen. Doch bereits vor einer Woche habe ich die Frage in den Raum geworfen: Was kommt danach? Wie geht es weiter, wenn der HSV erstklassig bleibt? Am Wochenende veröffentlichte der Vorstand eine ausführliche Ausgliederungsdokumentation, die belegt, wie dramatisch die finanzielle Situation einzuschätzen ist. In der Zwischenbilanz zum 31.12.2013 wies der Verein einen Kontostand von etwas über 980.000 Euro aus – bei noch ausbleibenden sechs Geschäftsmonaten.

Bis zu diesem Zeitpunkt erwirtschaftete der HSV einen Gewinn von knapp einer Million Euro. Das Ziel, nach drei negativen Ergebnissen in Folge endlich eine schwarze Null zu erreichen, schien in der Zwischenbilanz also ein realisierbares zu sein. Es folgte jedoch die teure Entlassung Bert van Marwijk, während mit Mirko Slomka der mittlerweile dritte Chefcoach beschäftigt wird. Zudem wird eine Ablöse von 2,5 Millionen Euro für Johan Djourou fällig. Geschätzt liegt die Mehrbelastung somit bei fünf Millionen Euro – dem stehen der vorzeitige Verkauf von Dennis Aogo und der so gut wie sichere Abgang von Artjoms Rudnevs gegenüber.

Fraglich, ob der Vorstand, der vor der Saison mit dem sechsten Tabellenplatz und somit weitaus höheren Einnahmen kalkulierte, das ausgegebene Ziel erreichen kann. Gelingt das nicht, vieles spricht derzeit dafür, hat der Vorstand auf finanzieller Ebene keines seiner Ziele seit 2011 erreichen können. Der Konsolidierungskurs wäre gnadenlos gescheitert. Ein Szenario, dass Carl-Edgar Jarchow und Joachim Hilke mit aller Macht vermeiden möchten. Viel Spielraum bleibt ihnen dafür nicht. Wie die bis zum 30.06.2014 fälligen Verbindlichkeiten in Höhe von über 22 Millionen Euro beglichen werden sollen – mir fehlt der Überblick und vielleicht ein wenig Kreativität.

Hinzu kommt das Thema Fan-Anleihe. Klar ist, dass nahezu der gesamte Betrag bereits aufgebraucht ist. Eine weitere Verschuldung zum Bau des Campus ist nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Die Zwischenbilanz gibt Grund zur Annahme, dass der Verein das Campus-Projekt aus der Fan-Anleihe nicht finanzieren kann. Die Gelder mussten offenbar an anderen Stellen verwendet werden. Da der HSV bekanntlich keine weiteren Kredite mehr aufnehmen kann, erklärt dies den verzögerten Baubeginn.

Jedem Reformkritiker sei wärmstens ans Herz gelegt, die Fakten bei der Abstimmung auf der kommenden Mitgliederversammlung zu beachten. Ohne den Zufluss neuer Gelder ist der HSV gezwungen, seine vielversprechenden Talente zu verkaufen. Dass die Erlöse nicht oder nur zum Teil wieder in die Mannschaft reinvestiert werden können, hat das Beispiel Heung-Min Son deutlich gemacht. Man liefe somit noch größere Gefahr, in der nächsten Saison abzusteigen. Und ein Abstieg könnte im schlimmsten Fall die Insolvenz bedeuten.

Doch die Strukturreform allein wird die vielen Probleme nicht lösen können. Es ist nun klar geworden, dass es eine gewisse Übergangsphase von mindestens einem halben Jahr geben muss, ehe die angedachten Veränderungen wirksam werden. Bis dahin wird das Trio Jarchow, Hilke und Kreuzer die neue Saison planen müssen. Schwierige Voraussetzungen, wenn man bedenkt, dass HSV Plus eigene Kandidaten für die Besetzung des Vorstandes der Aktiengesellschaft vorschlagen will. Nach jetzigem Stand dürfte Kreuzer in diesen Planungen kaum eine Rolle spielen. Es verwundert mich nicht.

Der Sportchef hat im Vergleich zu seinem Vorgänger, der unter ähnlichen Bedingungen arbeiten musste, keinen guten Job beim HSV geleistet. Und es scheint nun eine Ironie des Schicksals zu sein, dass die Transfers des geschassten Frank Arnesen den Verein vor dem Abstieg retten könnten. Würde Kreuzer René Adler und Hakan Calhanoglu tatsächlich zu Geld machen wollen, könnte er bis zu 20 Millionen Euro einnehmen und kurzfristig für eine Entlastung sorgen. Auf allen anderen Ebenen – zum Beispiel im Jugendbereich oder im Scouting – sind keine wahrnehmbaren Verbesserungen festzustellen.

Wie soll das in einem Jahr auch funktionieren? Wenn dieses Argument für Kreuzer gilt, muss es auch für seinen Vorgänger gelten. Das tut es aber offensichtlich nicht. Mit der Initiative HSV Plus verbinde ich die Hoffnung, dass sich das Personalkarussell beim HSV zukünftig nicht mehr aufgrund von persönlichen Eitelkeiten und Animositäten dreht. Dazu müssen in den entsprechenden Gremien Leute sitzen, die den Medienrummel um ihre Person nicht brauchen, sondern sogar gänzlich meiden. Wer das sein könnte, wird die Initiative spätestens am 20. April verraten.

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