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Jovanovs HSV: Es gibt noch Grund zur Hoffnung

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

um es gleich vorwegzunehmen: Die heutige Überschrift ist kein Aprilscherz, auch wenn beim HSV eine von Hoffnungslosigkeit geprägte Stimmung herrscht. Resignation macht sich breit, obwohl die blanken Fakten dabei nicht ungeachtet stehen gelassen werden sollten. Der HSV hat noch sechs Spiele, das sind 540 Minuten, um Punkte gegen den Abstieg zu holen. Ich vermute, dass es zumindest für den Relegationsplatz reichen kann, wenn die Mannschaft einen ähnlichen Auftritt wie gegen Borussia Mönchengladbach abliefert.

Warum sollte es denn am Freitag gegen die formschwachen Leverkusener nicht mit einem Sieg klappen? Jedes Spiel beginnt bei 0:0, dafür zahle ich ins Phrasenschwein. Es ist verständlich, dass man in Anbetracht der Situation alles und jeden rund um den HSV verteufeln möchte. Objektiv gesehen war das Team von Mirko Slomka jedoch lange Zeit die bessere Mannschaft. Eine Verkettung unglücklicher Umstände hat das Spiel entschieden, nicht die Leistungsbereitschaft. Slomka, der es in kurzer Zeit geschafft hatte positive Energien in der Mannschaft und im Umfeld freizusetzen, wird in seinen Ansprachen herausstellen müssen, dass man das fehlende Glück durch Kampf und Disziplin erzwingen kann. Eine weitere Phrase – aber so ist Fußball.

Solange es rechnerisch möglich ist, solange die Mannschaft sich nicht hängen lässt, gibt es Grund zur Hoffnung. Ich erinnere mich in diesen Tagen immer wieder an ein Erlebnis aus der Saison 2011 / 2012, als der HSV in einer ähnlich bedrohlichen Situation steckte. Bei einer Presserunde verteidigte der damalige Sportchef Frank Arnesen jeden seiner Spieler und seinen Trainer bis aufs Letzte. Er überzeugte mich mit einer unvergleichlichen Leidenschaft, dass die Mannschaft die Klasse halten wird. Ich hoffe inständig auf eine Wiederholung – egal, von wem die Initiative ausgeht.

Ob der HSV eine solche Führungspersönlichkeit in seinen Reihen vorzuweisen hat, steht auf einem anderen Blatt Papier. Und überhaupt stellen sich viele weitere Fragen: Wie geht es weiter, wenn der Verein tatsächlich die Klasse halten kann? Mit wem? Ist Geld vorhanden, um das Team zu verstärken? Oder droht nun ob der finanziellen Not ein weiterer Umbruch? Fragen, mit denen sich die Initiative HSV Plus definitiv beschäftigen muss. Unabhängig vom Ausgang der Saison wird sich der gesamte Fokus auf das Team um Otto Rieckhoff richten. Schließlich erhoffen sich viele Mitglieder mit der Reform einen Start in eine neue, bessere Zukunft.

Aber dazu bedarf es Taten. Genug wurde geredet, genug geschrieben. Es liegt in der Hand der Mannschaft, den Abstieg zu vermeiden. Und es liegt in der Hand der Mitglieder, die Verantwortlichen für den sportlichen Absturz auf der kommenden Versammlung zur Rechenschaft zu ziehen und den Weg für ein neues Konzept zu ebnen. Wer diese Chance nicht ergreift, braucht sich im Nachhinein nicht zu beschweren. Es geht nicht primär um das Team von Rieckhoff, sondern um die Sanierung des maroden Vereins. Zu lange hat man sich aus Trotz moderner Möglichkeiten verschlossen – das Resultat sehen wir heute.

Wer die Führung des Vereins heute anklagt, warum man zum Beispiel Artjoms Rudnevs oder Dennis Aogo verkaufen beziehungsweise verleihen musste, darf sich gern auch an die eigene Nase fassen. Denn entweder schauten die Mitglieder tatenlos zu, oder sie tragen mit ihren Fehlentscheidungen einen Anteil an dieser Situation, was letztlich die These bekräftigt, dass Fußballunternehmen nicht von beitragszahlenden Mitgliedern, sondern von Profis mit entsprechenden Kompetenzen geführt und kontrolliert werden müssen.

Doch erübrigt sich die Frage nach Schuld oder Unschuld nicht, wenn der HSV durch den Abstieg einen wesentlichen Bestandteil seines Markenkerns verliert? Und wird die Frage nach möglichen Anteilsverkäufen nicht obsolet? Welchen Wert hat dieser Verein denn noch, wenn er das verliert, worauf er sich seit Jahrzehnten gestützt hat? Der HSV einen Krieg gegen sich selbst geführt, bei dem der Fußball nur eine Randnotiz gewesen ist. Es bleibt zu hoffen – mehr als das kann keiner schreiben oder tun – dass die Protagonisten auf dem Rasen retten, was noch zu retten ist.

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