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Jovanovs HSV: Kein Ausweg aus dem Teufelskreis

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KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

wenn der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow die Abmeldung der zweiten Mannschaft aus Kostengründen in Erwägung zieht, muss es um die Finanzen des Vereins noch schlechter bestellt sein, als man bisher angenommen hatte. Die Lizenzvereine der ersten und zweiten Bundesliga haben auf der gestrigen DFL-Mitgliederversammlung ihre Handlungsoptionen in Bezug auf ihre Nachwuchsteams erweitert. Konkret: Das U23-Team ist für die Vergabe der Lizenz nicht mehr zwingend notwendig.

Die erste Frage, die ich mir dazu gestellt habe: Steht der absehbare Schritt, die U23 beim HSV komplett abzuschaffen, in einem Widerspruch zum sportlichen Konzept hinter der Campus-Idee? Bekanntlich hatte sich der Verein bei seinen Fans 17,5 Millionen Euro geliehen, um ein Nachwuchsleistungszentrum direkt neben der Arena zu errichten. Es mehren sich die Zweifel, ob dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt wird. Rechtlich ist der HSV auch bei Nichtverwirklichung des Projekts auf der sicheren Seite.

Im 150 Seiten langen Wertpapierprospekt weist der Verein auf Szenarien hin, die die Realisierung der Campus-Idee verzögern oder gänzlich verhindern könnten. Deutet man die Botschaft hinter den gegenüber dem Hamburger Abendblatt getätigten Aussagen nun richtig, scheint man sich den Horror-Szenarien zu nähern: „Ob wir weiter eine U23 anmelden werden, werden wir in den nächsten Monaten genau analysieren. Da ist noch keine Entscheidung gefallen“, wird Jarchow zitiert. Es ist keine Neuigkeit, dass der HSV finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Dennoch erfährt die Problematik dadurch eine zusätzliche Brisanz.

Betrachtet man die vergangenen Entscheidungen auf sportlicher Ebene in einem gesamtheitlichen Kontext, wird es noch klarer: Der HSV war gezwungen, Artjoms Rudnevs zu verleihen und Hannover 96 eine unter seinem Marktwert liegende Kaufoption zu gewähren, Dennis Aogo für 600.000 Euro weniger als vereinbart an Schalke 04 zu verkaufen, um die Einnahmen schon jetzt verbuchen zu können, und muss nun die Abmeldung seiner U23 in Betracht ziehen, um zukünftig circa eine bis zwei Millionen Euro einzusparen. Sportliche und ökonomische Entscheidungen scheinen in einem krassen Interessenskonflikt zu stehen.

Verantwortlich für die finanzielle Fehlentwicklung des Vereins sind neben Carl-Edgar Jarchow auch sein Vorstandskollege Joachim Hilke und der Aufsichtsrat. Es verwundert mich immer wieder, warum Marketingvorstand Hilke, der die Entwicklung seit 2011 genau so zu verantworten hat wie Jarchow, in den Planungen der Ausgliederungsinitiative eine Rolle spielt, während die Ära von Jarchow und Sportchef Oliver Kreuzer im Sommer offenbar endet.

Kreuzer ist in seiner kurzen Amtszeit insofern ein Vorwurf zu machen, als dass sich seine Öffentlichkeitsarbeit eher negativ auf den Verkauf etwaiger Spieler ausgewirkt hat. Zudem ist die Verpflichtung von Bert van Marwijk ein nachweislich teures Missverständnis gewesen, welches den Verein dem Vernehmen nach mehrere Millionen kostet. Angesichts der finanziellen Zwänge wird allerdings deutlich, dass ihm bei der Verstärkung der Mannschaft im Winter die Hände gebunden waren. Ola John und Ouasim Bouy sind durch den engen Kontakt Bert van Marwijks zum Spielerberater Mino Raoila verpflichtet worden – quasi zum Nulltarif. Andernfalls hätte der Verein gänzlich ohne Neuzugänge auskommen müssen.

Kreuzer hat die Bundesliga in seinem ersten Jahr als Sportchef genau so unterschätzt wie sein Vorgänger Frank Arnesen. Die Argumente gegen den Dänen haben mich nie überzeugt, und es sieht danach aus, dass viele seiner Kritiker nun eingestehen müssen, wie gut seine Arbeit beim HSV im Nachhinein zu bewerten ist. Allein durch den Verkauf von René Adler und Hakan Calhanoglu könnte sich der Verein einiger finanzieller Sorgen entledigen – auf der anderen Seite entstünden so neue Probleme. Ein Teufelskreis, aus dem es aus eigener Kraft keinen Ausweg gibt.

Auch Heiko Westermann kommt beim HSV aus diesem nicht mehr hinaus. Der ehemalige Kapitän wird für die Niederlage gegen den VfB Stuttgart verantwortlich gemacht, weil er vor dem Gegentor einen langen Ball von Moritz Leitner nicht ins Seitenaus klärt. Die Kritik kann ich nur teilweise nachvollziehen, wenngleich ich um das Standing Westermanns weiß. Allerdings kann man an dieser Spielsituation erneut viel über modernen Fußball lernen, wenn man möchte. Dass Westermann das lange Zuspiel von Leitner auf Traoré antizipiert und perfekt in Richtung des Balles einrückt, zeichnet ihn aus.

Es muss nämlich die Frage gestellt werden: Was passiert, wenn Westermann überhaupt nicht in die Position kommt, diesen Ball klären zu können? Traoré hätte viel Zeit und Platz, um ungestört über die rechte Seite in den Strafraum einzudringen. Durch Westermanns Intervention wird Zeit zum Nachrücken für die Mitspieler geschaffen, um die Situation zu unterbinden. Petr Jiracek und Tolgay Arslan schalten jedoch zu langsam, während den Innenverteidigern Michael Mancienne und Johan Djourou in der Mitte die Orientierung fehlt. Es wäre keine große Herausforderung gewesen den Passweg noch zuzustellen. Außerdem – das ist das Entscheidende an diesem Gegentor – lässt Dennis Diekmeier seinen Gegenspieler laufen.

Das kann man so analysieren, wenn man die Kritik an Westermann relativieren möchte. Ich befürchte, dass viele seiner Kritiker das weder hören und lesen wollen. Wenn Westermann ein gutes oder gar überragendes Spiel absolviert, bleibt das in der Wahrnehmung oftmals eine Randnotiz, da seine Vorderleute sich als Torschützen feiern lassen können. Macht Westermann jedoch einen Fehler, nimmt die Kritik kein Ende. Wundert sich eigentlich niemand, warum Westermann unter jedem seiner vielen Trainer beim HSV eine unbestrittene Stammkraft ist, und warum sogar der Bundestrainer, einer der besten auf dieser Welt, auf ihn baut? Können die sich alle irren?

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