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Jovanovs HSV: Slomka setzt neue Kräfte frei

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

nach einem Sieg ist nicht alles gut. Genau so ist nach einer Niederlage nicht alles schlecht. Es gibt in Hamburg jedoch wieder Gründe optimistischer zu denken. Zum einen ist das den letzten Ergebnissen in der Bundesliga geschuldet. Zum anderen ist es die Art des Auftretens. Schon unter Bert van Marwijk hatte ich den Eindruck, dass es nicht eine Frage des Wollens ist. Es war eher eine Frage des Könnens. Der Kopf hat nicht mitgespielt.

Mirko Slomka scheint viele Blockaden gelöst zu haben. Er ist offenbar nicht nur ein guter Fußballlehrer – das waren viele seiner Vorgänger – sondern darüber hinaus ein Psychologe und Kommunikationsexperte. Er verändert nicht nur den Geist innerhalb des Teams, auch in den Presseräumlichkeiten wird wieder gelacht. Das mag zunächst völlig banal und in der Einzelbetrachtung für unwichtig empfunden werden. Ich glaube allerdings, dass er damit eine Stimmung transportiert. Und es gelingt ihm.

"Reframing", so nennt man eine Technik aus der Psychologie, genau genommen kommt sie aus dem Bereich des neurolinguistischen Programmierens, ist eine Methode zur Umdeutung eines Sachverhalts, wobei die Bedeutung an sich nicht verloren geht. Slomka bedient sich dieser Technik offensichtlich in seinen Ansprachen vor der Öffentlichkeit. So stand das Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg unter dem Motto des "Überholens". Mit einem Sieg könne man einige Mitkonkurrenten in der Tabelle hinter sich lassen, stellte der Cheftrainer heraus. Dass man im umgekehrten Fall den Anschluss verlieren könnte, um daraus die Wichtigkeit des Spiels abzuleiten, erwähnte er nicht.

Wenn man dem Spiel seiner Mannschaft aufmerksam zugeschaut hat, ist tatsächlich der Eindruck entstanden, dass die Spieler drauf und dran waren ihre Gegner zu überholen. Die Statistik unterstreicht, mit welchem Tempo der HSV in diesem Spiel aufgetreten ist. Insbesondere Diekmeier, Ilicevic und Calhanoglu, aber auch Arslan und Zoua verfolgten ihre individuellen Aufgaben in sehr hoher Geschwindigkeit. Mit ein bisschen mehr Glück und Entschlossenheit vor dem Tor ist das Spiel bereits zur Halbzeitpause entschieden.

Auch die nächste Partie gegen den VfB Stuttgart steht unter einem Motto, das Slomka unmittelbar nach dem Sieg gegen Nürnberg herausstellte: "Wir können jetzt unseren Platz verteidigen". Dahinter steckt keine willkürliche Wortwahl, glaube ich. Es klingt bei genauerem Hinhören eher nach einer ausgereiften Strategie. Mit der Begnadigung der Dauerverkaufskandidaten hat er ohnehin schon für einen Stimmungsaufschwung sorgen können. Das Vertrauen zahlen diese Spieler nun zurück. "Ich bin sehr zufrieden mit ihrem Auftreten. Außerdem konnten wir dadurch das Trainingsniveau deutlich erhöhen", hatte Slomka vor dem Spiel gesagt.

Ich möchte nicht in Lobhudelei verfallen, aber genau so habe ich mir das immer vorgestellt. Für den sportlichen Erfolg sind mehr als nur elf motivierte Spieler notwenig. Jeder muss auf seine ganz individuelle Art Wertschätzung und Respekt erfahren, um selbst im Training an seine Grenzen zu gehen. Nur so kann auch die vermeintliche Stammelf besser werden und sich entwickeln. Lange Zeit war das beim HSV nicht möglich, da einigen Spielern deutlich vermittelt wurde, dass sie, unabhängig davon wie professionell sie sch verhalten, keine Chance mehr bekommen. Wer geht unter diesen Voraussetzungen motiviert zur Arbeit?

Michael Mancienne, Slobodan Rajkovic und Robert Tesche haben wieder allen Grund dazu. Keiner von ihnen hat sich etwas Gravierendes zuschulden kommen lassen. Dennoch schob man sie von einem Trainingsplatz zum Nächsten und wiederholte öffentlich, wohin die Reise für sie gehen soll. Es kam doch alles ganz anders. Und das ist gut so. Für das gesamte Team. Denn aus der Solidarität zu den Mannschaftskollegen ist eine neue Kraft freigesetzt worden.

Die genannten Spieler zeigen allerdings nicht erst jetzt, dass sie es doch können. Zu schnell verfiel man bei der Beurteilung in das altbekannte Muster, alles entweder Weiß oder Schwarz zu sehen. Fühlen sie sich verstanden und respektiert, sind sie durchaus in der Lage einen Beitrag zum Klassenerhalt zu leisten. Außerdem zeigt sich, dass der geschasste Vorgänger von Oliver Kreuzer eben doch etwas vom Fußball versteht, was man über die Leute, die ihn davongejagt haben, nicht sagen kann. Umso bedauerlicher, dass sie weiterhin Ämter beim HSV bekleiden dürfen.

Trotz aller Widerstände hat sich die Mannschaft wieder eine realistische Chance erkämpft, die Klasse zu halten. Kurz darauf werden die Mitglieder die vermutlich einmalige Gelegenheit haben, die Strukturen beim HSV so zu verändern, dass ein Trainer wie Mirko Slomka, der eine positive Atmosphäre verbreitet und einer Philosophie der Zusammengehörigkeit und des Vertrauens folgt, gestärkt durch jede Krise gehen kann, ohne dass der Verein von Gegenwind umgeworfen wird. Slomkas Strategie kann nur dann nachhaltig funktionieren, wenn er dasselbe Vertrauen aus der Chefetage spürt, wie seine Spieler von ihm auf dem Platz.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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