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Von Zeit zu Zeit nehme ich die Geschehnisse rund um Borussia Mönchengladbach aufs Korn. Was geht ab im BORUSSIA-PARK? Meine befangene Meinung findet ihr hier.

KOLUMNE
Von Gregor Becker

Mönchengladbach. Nach der "1:1-Niederlage" bei Werder Bremen "verlor" Borussia Mönchengladbach im BORUSSIA-PARK gegen die TSG 1899 Hoffenheim mit 2:2. Zumindest waren die Punktverluste nach jeweils früher Führung so etwas wie "gefühlte" Niederlagen in den Augen vieler Fohlen-Fans. Von einem Aufwärtstrend nach zuvor drei Pleiten infolge kann jedenfalls nicht die Rede sein. Bei Trainer Lucien Favre scheint sich allmählich Ratlosigkeit breitzumachen. Die Taktik mit viel Ballbesitz geht nicht mehr auf, das Kadermanagement muss ebenfalls dringend überdacht werden.

Dass der aktuelle Kader der Borussia ein zerbrechliches Gebilde ist, wird nun immer deutlicher. Ohne Frage hat Max Eberl mit Christoph Kramer, Max Kruse und Raffael viel Qualität verpflichtet, allerdings sind diese Spieler aus verschiedenen Gründen vor allem dann absolute sportliche Verstärkungen, wenn es in der Mannschaft ohnehin läuft. Raffael war nie ein Führungsspieler, Kramer ist zu jung und für Kruse war der Schritt von Freiburg zur Borussia erst einmal groß genug. Er muss sich auf seine Leistung konzentrieren, bevor er auch noch vorneweg marschieren kann. Der einzige echte Leader im Team ist Martin Stranzl, doch der nimmt sich auch mal eine Auszeit und hat wenig Einfluss auf das zarte Offensivgebilde der Fohlenelf.

Mehr Psychologie – mehr Rückendeckung

So wäre Favre eigentlich als Psychologe gefragt, doch das ist der Schweizer nicht. Vielmehr wirken sich einige Aussagen kontraproduktiv auf die Leistung der Mannschaft aus. Mehrfach erklärte er, dass die zweite Reihe keinen Druck mache und es gelegentlich auch an Qualität fehle, Neuzugänge im Winter forderte er nicht. Doch wie sollen talentierte Spieler wie Branimir Hrgota, Amin Younes oder Peniel Mlapa auf dem Spielfeld explodieren, wenn sie kaum Spielzeit erhalten und der Trainer jegliche Rückendeckung vermissen lässt?

Findet Lucien Favre den Weg aus der Krise?

Wenn die Mannschaft schlecht spielt, stellt sich Favre nicht zu hundert Prozent vor sie, sondern ergeht sich in Floskeln, die er so oft wiederholt hat, dass ich das an dieser Stelle nicht tun werde. Nur ein einziges Mal konnte man so etwas wie Selbstkritik beim Trainer ausmachen, als er nach der 0:1-Niederlage gegen Bayer Leverkusen die Verantwortung übernahm und erklärte, dass er Konsequenzen für sich ziehen müsse, wenn es zukünftig nicht besser funktioniere. Dass er damit seinen Rücktritt angedeutet haben könnte, dementierte er letztlich. Seine Demission ist auch keineswegs notwendig, zumindest wenn ihm alsbald ein Plan B einfällt.

Bislang jedoch waren die Konsequenzen aus der Sieglos-Serie, dass Branimir Hrgota für den ohnehin angeschlagenen Juan Arango in die Startelf rückte und hier und da vor der 70. Spielminute gewechselt wurde. Gegen Hoffenheim passierte dies jedoch wiederum nicht und als der Trainer nach dem Ausgleich von Salihovic Havard Nordtveit für Raffael brachte – war dies das falsche Signal. Vielmehr hätte gegen die Kraichgauer und auch eine Woche zuvor gegen Bremen geballte Offensivpower eingewechselt werden müssen, um dem lethargischen Spiel einer Fohlenelf, die nach früher Führung das Fußballspielen einstellte und um den Ausgleich bettelte, neuen Schwung zu verleihen.

Zudem muss Lucien Favre doch sehen, dass das Ballbesitzspiel nicht mehr für Gefahr vor dem gegnerischen Tor, sondern aufgrund individueller Fehler im Aufbau und im Passspiel aktuell lediglich vor dem eigenen Gehäuse für Gefahr sorgt. Doch Woche für Woche läuft die Mannschaft mit demselben Plan auf und wirkt immer verunsicherter. Da wie oben beschrieben kaum ein Spieler in der Lage ist, die Ärmel hochzukrempeln und seine Kollegen mitzureißen, muss die Taktik geändert werden.

So könnte der Plan B aussehen

Es ist durchaus richtig, wenn ein Trainer eine bestimmte Taktik im Kopf hat und sich auch von Rückschlägen nicht beirren lässt. Doch wenn die Einschläge zunehmen und die Mannschaft seit sieben Spielen keinen Dreier mehr verbuchen kann, dann ist es Zeit zu handeln. Und die Lösung scheint für mich auf der Hand zu liegen. Gladbach muss weg vom Ballgeschiebe im Mittelfeld, wieder aus einer gesicherten Abwehr heraus agieren, bei Bedarf schnell umschalten oder auch mal lange Bälle spielen. Dass das funktionieren kann, hat man ja gegen Hoffenheim bereits sehen können, als Max Kruse zwar nicht in der Lage war einen langen Ball anständig zu verarbeiten, man damit aber Koen Casteels zu einem Fehler zwang, den wiederum Patrick Herrmann eiskalt zur Führung nutzen konnte.

Die beiden Treffer gegen Hoffenheim zeigten wie die Fohlen zukünftig Erfolg haben könnten

Ein weiterer Punkt sind die in der Vergangenheit sträflich vernachlässigten Standards. Sich auf einen Geniestreich von Arango oder Raffael zu verlassen, ist kein Plan – es ist viel zu wenig. Schon bei indirekten Freistößen fehlt es an Überraschungsmomenten und nach kurz ausgeführten Ecken die Lücke in der Vollversammlung in des Gegners Strafraum zu finden, kommt einem Kunststück gleich. Das 2:0 gegen Hoffenheim hat doch gezeigt, dass man mit der anscheinend bislang ungeliebten langen Ecke auch mal zum Erfolg kommen kann. Das erste Mal nach fast 80 Eckstößen! Gerade wenn es spielerisch nicht läuft, muss bei einem ruhenden Ball mehr kommen. Es kann nicht so schwer sein, sich da ein kleines Repertoire zuzulegen.

So einfach kann Fußball manchmal sein, Herr Favre. Wenn das Team viel Ballbesitz hat, macht es in der momentanen Verfassung einfach zu viele leichte Abspielfehler, die für Gegentore sorgen, da die defensive Ordnung in solchen Situationen natürlich nicht stimmt. Für das "Sechser-Pärchen" Kramer und Xhaka muss wieder die Defensive absoluten Vorrang genießen, was ja nicht ausschließt, dass auch mal ein Risikopass kommen kann. Gerade der Schweizer Nationalspieler erinnerte in seinen Aktionen zuletzt immer häufiger an sein Auftreten in der vergangenen Saison.

Kurzum: Ich wünsche mir den Fußball zurück, mit dem Favre bei seinem Amtsantritt die Mannschaft stabilisierte und den Abstieg vermeiden konnte. Wenn dann die Sicherheit zurückkommt, können wir es ja gerne wieder mit Tiki Taka versuchen.

Schwarzweißgrüne Grüße

Euer

Gregor Becker


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