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Jovanovs HSV: Schachmatt

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

immer häufiger werde ich in diesen Zeiten gefragt, was beim HSV los sei. Um das zu erklären, bräuchte ich vermutlich Stunden. Deshalb belasse ich es bei einem Lächeln und einem lockeren Spruch. Doch vielen Fans und Mitgliedern geht die aktuelle sportliche Situation unter die Haut. Der Untergang des Hamburger Sport-Vereins scheint ihr eigener zu sein. Was zum Selbstverständnis des HSV gehört, ist in akuter Gefahr. Und wenn es selbst gegen den Tabellenletzten keinen Sieg gibt, gegen wen dann?

Die Reaktionen sind deshalb unkontrolliert und höchst emotional. Spieler werden beschimpft, Aufsichtsräte bedroht, Vorstände niedergepfiffen. Es läuft nichts für den HSV in diesen Tagen. Zu allem Überfluss hat Felix Magath, also jemand, der das Selbstbild des HSV prägt, offenbar eine ziemlich linke Nummer mit „seinem“ HSV abgezogen und eben dieses Bild ins Wanken gebracht. Während man bis Mitte der Woche voller Überzeugung davon ausgegangen war, dass der höchst umstrittene Aufsichtsrat die Verhandlungen scheitern ließ, entpuppte sich der Held von 1983, einem ganz wichtigen Jahr für das Selbstbild des HSV, als knallharter Geschäftsmann.

Denn seine Forderungen waren absurd. Vorstandsvorsitzender, Sportchef, Trainer – Magath wollte die komplette Macht auf sich vereinen. So ähnlich, wie er es aus seinen vorherigen Stationen beim VfL Wolfsburg und Schalke 04 kannte. Bekommt Magath nicht das, was er fordert, macht er nicht mit. Entgegen der Berichterstattung in der vergangenen Woche bin ich mit der Information konfrontiert worden, dass es niemals auch nur annähernd eine Mehrheit für Magath gegeben hat. Das Gerücht, Magath wolle bis zum Sommer zum Nulltarif den Trainerjob übernehmen, soll sich genau so als falsch herausgestellt haben, wie die verbreitete Meldung, für eine Mehrheit im Aufsichtsrat habe nur eine Stimme gefehlt. Im Gegenteil: Mindestens sechs oder sieben der elf Räte haben die Forderungen Magaths abgelehnt. Mit dem Hinweis, dass man aufgrund der zu erwartenden Neuaufstellung im Sommer keine längerfristigen Verträge mit dieser Machtfülle abschließen möchte.

Magath unterschrieb bekanntlich nur einen Tag später beim FC Fulham, weil er dort bekam, was er forderte. Dass ein solcher Vertrag nicht über Nacht ausverhandelt ist, brauche ich nicht weiter zu erläutern. Der Schachspieler Magath hat zwei, drei Züge im Voraus agiert. Während ein Teil im Aufsichstsrat in ihm die große Chance zur Verhinderung des HSVPLUS-Konzeptes sah, schien der 61-Jährige eben jene Räte zu nutzen, um seine Forderungen durchzusetzen. Wobei er für sein Spiel auch Geldgeber Klaus-Michael Kühne braucht, der bekanntlich ein Unterstützer von HSVPLUS ist. Bei aller berechtigten Kritik am Aufsichtsrat, bin ich noch zu keinem abschließenden Urteil darüber gekommen, ob sich die Kontrolleure in der Causa Magath falsch verhalten haben.

Dass man nach einer derartigen Niederlagenserie eine Krisensitzung anberaumt, ist nicht weiter verwunderlich. Doch es habe nie zur Diskussion gestanden, auf dieser ominösen „Marathonsitzung“ einen Beschluss zu fassen. Der Informationsfluss aus der Sitzung an die Medienkollegen kann daher nur dem Zweck gedient haben, Druck aufzubauen. Während einige „Informanten“ davon sprachen, der Vertrag mit Magath sei bereits durch und es ginge nur um den Zeitpunkt der Veröffentlichung, sprachen andere davon, dass das Thema überhaupt keine Mehrheit findet. Festzuhalten bleibt nur, dass Magath nicht beim Hamburger SV gelandet ist. Wer sich ein wenig tiefgründiger mit ihm und seiner Arbeitsweise beschäftigt hat, dürfte zu der Erkenntnis gekommen sein, dass das nichts Schlechtes bedeuten muss. Dennoch: Nach dem Scheitern der Verhandlungen war der HSV schachmatt. Das Spiel war verloren.

Für viele Fans ist der „Messias“ mit der Anstellung beim FC Fulham gestorben. Wie kann jemand, der meint, die „Raute im Herzen“ zu tragen, ein solches Spiel spielen? Zumal er mit seinem auf Facebook veröffentlichten Statement die Initiatoren von HSVPLUS dazu nötigte, klarzustellen, dass sie keinen Einfluss auf die Abstimmung über seinen Vertrag ausüben konnten. Die Botschaft war deutlich: An mir lag es nicht. Und so waren auch die Aufsichtsräte und die Vorstände, die sich klar zu Trainer Bert van Marwijk bekannt hatten, gezwungen, ein positives Ergebnis liefern. Die etlichen Umfrageergebnisse, die den Trainer nicht als Hauptgrund für den Misserfolg ausmachten, zeigen mir, dass die Leute das Übel des Systems mittlerweile erkannt haben.

Obwohl ich die Entlassung von Bert van Marwijk für nachvollziehbar halte, glaube ich, dass dieser Schritt einzig dem Zweck diente, um später sagen zu können, man habe alles versucht. Also fällt man erneut vor dem allgemeinen Druck auf die Knie, weil das Geschäft Profifußball nach bestimmten Mechanismen funktioniert, wie ich, als Befürworter langfristiger Zusammenarbeit, mehrfach belehrt wurde. Zu meiner Beruhigung bin ich infolgedessen auf einen Vortrag von Thomas Tuchel, Trainer von Mainz 05, gestoßen, indem er darüber referierte, wie er in seinen ersten Tagen als Trainer den Versuch wagte, jegliche verkrustete Denkmuster im Profifußball zu durchbrechen. Der Erfolg gibt ihm recht.

In Hamburg ist man noch nicht so weit. Wer verliert, fliegt irgendwann. Nach den Gründen fragt man nicht. Lediglich das Ende der Fehlerkette wird bewertet, an dem meist der Trainer steht. Wer der Meinung ist, dass die Mannschaft des HSV sich spielerisch, läuferisch und taktisch nicht weiterentwickelt, sollte hinterfragen, das tue ich nun mindestens zum dritten Mal in Folge, unter welchen Bedingungen Bert van Marwijk trainieren konnte. Hinterfragt man die individuellen Fehler von immer abwechselnden Spielern auf dem Platz, die ein Trainer weder beeinflussen noch abstellen kann? Nein, einzig das Ergebnis. Und das war schlecht.

Nun gut, jetzt hat der HSV wieder einen Neuen. Mirko Slomka, 46, macht einen sympathischen Eindruck. Nicht nur, weil er nur ein Mal in der Woche unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren möchte, sondern weil er Phrasen wie „Hamburg ist die schönste Stadt“ verwendet. Zudem will er zeitnah eine Wohnung beziehen. Das mag man hier in Hamburg als Signal für ausgeprägte Identifikation mit dem Verein deuten. So sehr sich der Fan in mir einen erfolgreichen Start für Slomka wünscht – viele Zweifel bleiben. Nicht, weil ich ihn für inkompetent halte, das kann man über keinen seiner Vorgänger sagen, sondern weil das System, in das Slomka hineingeraten ist, dasselbe bleibt.

Ein System, das vom Selbstbild geprägt ist, der HSV sei eine ganz große Nummer und gehöre zu den Top-Fünf der Liga. Das kann man sich so lange einreden, bis man es tatsächlich glaubt. Genau so wie der Ausspruch, Hamburg sei die schönste Stadt. Ich kenne auch ziemlich dreckige und unschöne Gegenden. Aber dieses Selbstbild gehört zu den Menschen, der HSV ist davon nicht unbetroffen. Woraus sich diese Annahmen eigentlich ableiten, weiß niemand so genau. Das einzig Große an diesem Verein ist die Stadt, in der er beheimatet ist. Auch das schreibe ich zum wiederholten Male. Ob sie schön ist oder nicht – sie macht den HSV jedenfalls nicht erfolgreich.

Vielmehr ist sie, ähnlich wie die Historie des Vereins, eine Last. Vielleicht beginnt der eine oder andere irgendwann darüber nachzudenken. Vielleicht erkennen einige, dass viele andere Vereine in der Zeit, in der der HSV sich wegen seiner glorreichen Vergangenheit selbst bewunderte, an ihm vorbeigezogen sind und eher in die Top-Fünf gehören. Vielleicht erkennen sie, dass die Probleme hausgemacht und der Abstieg nur eine logische Konsequenz der Misswirtschaft und der ständigen personellen Wechsel sind. Vielleicht erkennen sie, dass sich beim HSV alles nur im Kreis dreht.

Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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