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Jovanovs HSV: Die Struktur fordert Opfer

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

manchmal tut es unglaublich gut, sich zurückzulehnen und das Geschehen einfach zu beobachten. Lässt man die Dinge zu nah an sich heran, könnte man schnell dazu neigen, den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Fakt ist, dass der HSV die ersten beiden Spiele deutlich verloren hat, deshalb auf einen Abstiegsplatz gerutscht ist und ihm noch 15 weitere Spiele bleiben, diesen wieder zu verlassen. Das hat nichts mit Zweckoptimismus zu tun, sondern mit Realität. Fußball ist „Tagesgeschäft“, vieles kann sich auf einen Schlag in eine komplett andere Richtung entwickeln. Dazu ist auch eine gewisse Portion Glück gefragt oder ein Erfolgserlebnis, das der Mannschaft derzeit fehlt.

Dass es in den ersten beiden Partien schief gelaufen ist, wundert mich in Anbetracht der Wintervorbereitung nicht. Wenn man einen Grund für die derzeitigen Leistungen sucht, ist die Reise nach Indonesien und das Trainingslager in Abu Dhabi kein verkehrter Ansatz. Die Mannschaft legte innerhalb weniger Tage 21.000 Reisekilometer zurück, um die Bundesliga in Südostasien zu promoten und selbst ein paar Euro einzustreichen. Nach Abzug aller Kosten für das Trainingslager blieb auf der Habenseite nicht viel. Viele Trainingseinheiten auch nicht.

Für jede Stunde Zeitunterschied brauche ein Hochleistungssportler einen Tag, um sich zu erholen, erklärte van Marwijk damals. Statt sich wie viele der übrigen Bundesligisten mit Fußball zu beschäftigen, musste der HSV sogar seinen angeschlagenen Torhüter René Adler von einem Medientermin zum nächsten schicken. Die folgenden Tage in Abu Dhabi galten zunächst der Regeneration. Und auch nach der Rückkehr aus den Emiraten musste der Chefcoach die Intensität des Trainings herunterfahren, um einer Überbelastung oder gar Muskelverletzungen vorzubeugen.

Dass van Marwijk nun über ein Kurztrainingslager nachdenkt, scheint meine These zu bestätigen: Die Werbetour war eine fatale Entscheidung. Eine optimale Vorbereitung sieht anders aus. In Hamburg diskutiert man allerdings auf einer ganz anderen Ebene. So bezeichnet der Boulevard den HSV als die „faulste Mannschaft der Liga“, es ist von 51 Stunden Freizeit zwischen dem Heimspiel gegen Schalke und dem Training am darauf folgenden Mittwoch die Rede. Niemand würde sich ernsthaft mit der Intensität des Trainings, der Wohnsituation des Trainers oder seinen Reisen in die Heimat beschäftigen und damit seine Identifikation mit dem Verein infrage stellen, wenn es sportlich anders laufen würde.

Doch die Berichterstattung ist nicht nur ein Versuch, die Gründe für das schlechte Abschneiden an der Oberfläche zu suchen und einen Schuldigen auszumachen – sie ist sogar suggestiv. Bei den Lesern entsteht ein Bild von der Mannschaft, das mit der Realität wenig zu tun hat. Denn es ist schlichtweg naiv anzunehmen, dass ein Profi an einem gewöhnlichen Trainingstag nur etwa 90 Minuten auf dem Platz steht und sonst nichts tut. Einige verbringen fünf oder sechs Stunden in der Arena mit individuellem Training, Kraft- und Stabilisationsübungen sowie Rehabilitationsmaßnahmen. Hinzu kommen Videoanalysen und Einzelgespräche.

Die Reaktionen auf die Berichterstattung machen allerdings deutlich, welche Meinungsmacht noch immer vom Boulevard ausgeht. Überall beschäftigt man sich mit dem Thema, ob van Marwijk der richtige Trainer sei, der HSV zu wenig trainiere und welche Konsequenzen Sportchef Oliver Kreuzer nun ziehen müsse. Erstaunlich, aber wahr: Der Trainer selbst nimmt das nur beiläufig zur Kenntnis. Er liest so gut wie keine Tageszeitungen, surft auch nicht im Netz nach News zum HSV oder beschäftigt sich mit sonstigen Meinungen. Er steht auch nicht für tägliche Statements zur Verfügung, hält an seiner Kommunikationsstrategie fest und verfolgt seinen ganz eigenen Weg. Bislang. Denn es scheint, als habe die Berichterstattung Wirkung gezeigt hat – plötzlich gibt es doch ein exklusives Interview.

Damit scheint der HSV vor der Struktur erneut auf die Knie zu fallen. Mit Struktur ist hier jedoch nicht die Zusammensetzung und Organisation des Vereins gemeint, sondern die Gesamtheit der Gegebenheiten, an denen so viele scheitern. Zu ihr gehören die Medien, der Aufsichtsrat in toto, Jürgen Hunke, Manfred Ertel, die Senioren, die Supporters, Uwe Seeler und viele weitere Personen aus dem Umfeld, die die Windmühle, in der Trainer, Sportdirektoren oder Vorstände in aller Regelmäßigkeit zermahlen werden, am Laufen halten. Man könnte es sich einfach machen, den Trainer entlassen und damit die Symptome lindern.

Der HSV könnte sich allerdings auch den „Gesetzen des Bundesligageschäftes“ widersetzen, trotz sechs, sieben oder acht Niederlagen in Folge an seinem Trainer festhalten und damit ein Zeichen setzen. Er könnte demonstrieren, dass nicht alles und jeder austauschbar ist. Erst recht nicht, wenn es das panische Umfeld fordert. Er könnte deutlich machen, dass es trotz aller Widerstände eine Überzeugung, eine Philosophie und Zusammenhalt gibt. Doch stattdessen macht er in der Krise altbekannte Fehler. "Mich ärgert, dass so immer wieder die hoch bezahlten Spieler aus dem Fokus genommen werden. Ihnen wird ein Alibi geliefert, aber sie stehen in der Pflicht“, sagt der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow dem kicker zur Trainerdiskussion, womit er den Fans ein Alibi liefert, „Scheiß Millionäre!“ zu singen.

Welche Botschaft übermittelt man dadurch an eine völlig demoralisierte Mannschaft? Es bringt jetzt nichts, sich über die heutige Generation an Fußballern, die Konsolenspiele spielen und mit ihrem Handy beschäftigt sind, aufzuregen und dies als Argument für eine verfehlte Berufsauffassung zu benutzen. Die Spieler beim FC Bayern, Real Madrid oder FC Chelsea tun nichts anderes. Es bringt auch nichts, der Mannschaft vorzuhalten, dass sie den Ernst der Lage nicht begriffen hat. Genau das tut sie nämlich und verzweifelt daran. Die Mannschaft versagt nicht, weil ihr die Qualität fehlt, sondern die Überzeugung. Sie versagt mental. Jetzt sind die Psychologen gefragt. Und die gewisse Portion Glück.

PS: Viele Fans reagieren richtig und lassen sich nicht dazu verleiten, auf den Trainer oder die Mannschaft einzuprügeln. In einem offenen Brief sprechen sie dem gesamten Team ihre Unterstützung aus. Wer sich daran beteiligen möchte, kann das hier tun.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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