thumbnail Hallo,

Jovanovs HSV: Kreuzer hat sich verpokert

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

nimmt man die Stimmung als Maßstab, ist der Hamburger SV bereits abgestiegen. Grund zur Hoffnung gibt es nicht. Und auch die Protagonisten strahlen in ihren Auftritten Verzweiflung und Ratlosigkeit aus. Warum das seit Jahren in Hamburg so laufe, wurde ich am Wochenende gefragt. Ich weiß es nicht. Ich denke, dass niemand die Frage beantworten kann. Dafür ist das Problem zu komplex und vielschichtig. Eines kann ich allerdings mit voller Gewissheit sagen: Es liegt nicht an der Rechtsform des HSV. Es liegt an den Menschen.

Und als solche sollten sie bewertet werden. Wenn ich allerdings wieder höre, dass der Sportchef von „Spielermaterial“ spricht, zweifle ich daran. Dieser Begriff ist für mich nicht nur ein Unwort – er sagt auch etwas über die Geisteshaltung der Person aus, die ihn verwendet. Dabei ist das in Anbetracht von Kreuzers Vergangenheit kein Wunder. Der 48-Jährige war sechs Jahre beim FC Bayern als Spieler unter Vertrag. Ein Verein, bei dem man Woche für Woche auf allerhöchstem Niveau funktionieren muss. Andernfalls wird man gnadenlos abgesägt. Mandzukic wird es bestätigen.

Diese Philosophie auf einen Verein zu übertragen, dessen panisches und hektisches Umfeld stets in der Vergangenheit zu leben scheint, ist nicht nur ein äußerst ambitioniertes Ziel, es bedarf auch jeder Menge Zeit. Die hat der HSV allerdings nicht. Er hat auch keine starken Leute im Verein, die diese Philosophie unterstützen könnten. Dazu sind sie viel zu sehr damit beschäftigt, sich selbst zu retten. Auf Misserfolg folgt in der Regel eine Entlassung, eine Veränderung, weil es "so nicht mehr weitergehen kann". Dieser Punkt ist erneut erreicht.

Es täte allerdings gut, wenn man das Ergebnis mit ein wenig Abstand und weniger emotional betrachtet. Wie sollte dieser HSV, der mit mindestens vier angeschlagenen Spielern in die Partie gegangen war, zudem seinen Stürmer und Rechtsverteidiger verlor, gegen Schalke 04 gewinnen? Gegen ein Team, das weitaus besser besetzt und gefestigter wirkt? Spätestens nach der Auswechslung von Lasogga wurde überaus deutlich, wie verzweifelt das Team nach Lösungen suchte. Mit seinem Ausfall fiel die Option der langen Bälle weg, wodurch jegliche Offensivaktionen schon im Ansatz durchschaubar waren. Weder van der Vaart noch Calhanoglu konnten sich in der Luft gegen Matip oder Santana durchsetzen.

Zudem wurden immer wieder sehr ungenaue, unkonzentrierte Kurzpässe gespielt. Selbst ohne Bedrängnis. Diese zu verarbeiten, kostet nicht nur unnötige Kraft, es kostet auch Zeit. Es ist daher ernüchternd, dass das Kurzpasstraining von van Marwijk offenbar noch keine Früchte trägt. Viel ernüchternder ist allerdings, wie in jeder Kleinigkeit nun nach einem Zeichen für die bevorstehende Apokalypse gesucht wird. Dass die Fans beim Stand von 0:3 und gefühlten Minus 20 Grad nach Hause gehen – mal ehrlich, wen schockiert das?

Um die Zusammenstellung des Kaders sollte man sich eher Sorgen machen. Aktuell sieht es so aus, dass man in Ola John einen schnellen, trickreichen Flankengeber verpflichtet hat, der allerdings für einige Zeit keinen Abnehmer im Sturmzentrum findet. Wie der HSV ohne echten Stürmer in die nächsten Spiele gehen will, ist mir ein Rätsel. Kreuzer hat sich verpokert als er Rudnevs für eine niedrige Summe, die er im Übrigen offenbar ohne Bedenken öffentlich nennt, an Hannover abgab und keinen Ersatz verpflichtete. Stattdessen holte man einen 21-jährigen Flügelspieler und ein 19-jähriges Talent ohne die notwendige Erfahrung für den Abstiegskampf.

Dieser Schachzug könnte dem Verein zum Verhängnis werden. Zumal man die Marktwerte der ständig ein- und wieder aussortierten Spieler dermaßen in den Keller getrieben hat, dass womöglich erneut Abfindungen nötig werden, um den Gehaltsetat zu entlasten. Abnehmer für Kacar, Tesche oder Mancienne gibt es nicht. Für die beiden Erstgenannten gibt es nicht einmal einen Grund zur Hoffnung, dass sich das bald ändern könnte. Wie sollte es auch anders sein, wenn man ihnen die Chance entzieht, sich in Abu Dhabi zu präsentieren, wo sich etliche Manager und Vermittler tummeln?

Viel Zeit bleiben Kreuzer und van Marwijk nicht, um nach einem Ersatz für Lasogga zu suchen. Zoua kann und wird das nicht sein. Daran glaubt auch van Marwijk nicht, der eher Calhanoglu in die Spitze zieht, als den Kameruner als Stürmer zu bringen. Es geistert jedoch das Gerücht herum, dass Kühne dem HSV noch in dieser Transferperiode erneut unter die Arme greifen könnte. Falls er das tut, steigen die Chancen auf den Klassenerhalt. Passiert nichts, muss sich der Verein auf eine sehr unangenehme Rückrunde einstellen.

EURE MEINUNG: Was sagt Ihr zu der Situation beim Hamburger SV?

Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

Dazugehörig