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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

das Votum ist klar und deutlich: Die Mehrheit im HSV will Veränderungen. Eine nicht zu unterschätzende Minderheit wird diese mit aller Macht zu verhindern versuchen. Ich hätte damit keine Probleme, wenn es denn offen und ehrlich formuliert worden wäre. Jeder Versuch, die Ablehnung der Ausgliederung argumentativ zu begründen, ist gescheitert. Den Plan des kleinen Kreises haben ohnehin alle durchschaut. Doch er ist tatsächlich aufgegangen.

Mit sieben Einzelanträgen zur Veränderung der Satzung hat die „HSV-Reform“ die Abstimmung über das Fernwahlrecht weit nach hinten verschoben. Erst nach 20 Uhr wurde darüber entschieden, viele Mitglieder waren bereits auf dem Weg nach Hause. Ein Teilerfolg für die Supporters. Und den feierten sie ausgiebig. Sie sangen nicht nur und lagen sich in den Armen – nein, sie brachten damit auch ihr Demokratieverständnis zum Ausdruck. Denn alle, die aus unterschiedlichen Gründen nicht nach Hamburg zur Mitgliederversammlung kommen können, dürfen sich nicht an den Entscheidungsprozessen beteiligen.

Eine Minderheit regiert also weiterhin. Mit der Fernwahl, so glauben viele, hätten die Ausgliederungsgegner überhaupt keine Chance. Nun liegt es also auch an der Terminierung der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Sommer, wie viele Menschen Rieckhoff und sein Team mobilisieren können. Doch die Organisation liegt zum Teil in den Händen des supportersnahen Mitgliedervorstandes Oliver Scheel, der sich im Gegensatz zu seinen Kollegen Jarchow und Hilke in der Strukturfrage diplomatisch verhält. Scheel wird dabei allerdings keine zentrale Rolle einnehmen. Seine Kollegen hingegen schon.

Denn die Rede von Joachim Hilke, der die Geschäftsbereiche Marketing und Kommunikation zu verantworten hat, war erstaunlich und beeindruckend zugleich. Hilke und Jarchow stehen hinter dem Konzept von HSVPLUS. Damit haben sie zum Beispiel beim Aufsichtsratsvorsitzenden Manfred Ertel für Kopfschütteln gesorgt. Dass er selbst einer Reformbewegung folgte, hat er offensichtlich vergessen. Diese Rede war mehr als nur ein Bekenntnis. Sie war ein klarer Affront gegen den Aufsichtsrat, der nach einer Ausgliederung komplett zurücktreten müsste. Trotz ständiger Ankündigung wird diesen Schritt keiner unter ihnen freiwillig gehen.

Mit dem Bekenntnis riskieren Hilke und Jarchow ihren Job. Denn noch immer liegt es in der Verantwortung des zerstrittenen Aufsichtsrats, den Vorstand zu bestellen, zu überwachen und ihn bei Misserfolg zu entlassen. Ertel ließ bereits durchklingen, dass es auf der Habenseite dünn wird. Und so könnte das sportliche Abschneiden, das während der Diskussionen weit in den Hintergrund gerückt war, einen maßgeblichen Anteil daran tragen, ob Hilke und Jarchow die Abstimmungen im Sommer als Vorstände erleben dürfen. Ein Ersatz bringt sich nämlich in zahlreichen Interviews selbst in Stellung. Aus seinen Aussagen ist herauszuhören, dass er sich eher der Minder- als der Mehrheit im HSV anschließt. Die Rede ist natürlich von Felix Magath.

Die Initiative „Rautenherz“ hatte ihn vor der Versammlung bereits als Mediator gewinnen können. Zu diesem Treffen kam es allerdings nicht, weil Rieckhoff seine Teilnahme absagte. Warum hätte er sich überhaupt auf einen Kompromiss einigen sollen? Hätten das seine Gegner bei einer absehbaren Mehrheit getan? Wahrscheinlich nicht. Magath reagierte mit Unverständnis: "Von HSVPLUS bin ich weder kontaktiert noch angesprochen worden. Ich hätte mir den Willen aller Initiativen gewünscht, vor der Mitgliederversammlung eine gemeinsame Lösung anzustreben. Für diese Gespräche hatte auch ich meine Bereitschaft signalisiert." Wir werden sehen, welche Rolle der Siegtorschütze von 1983 in den kommenden Wochen einnehmen wird.

Insgesamt hat die Mitgliederversammlung deutlich gemacht, woran es in Hamburg seit Jahren hapert. Ich schrieb es bereits gestern in einem Artikel, wiederhole diese Worte allerdings gerne: Der HSV ist eine Spielwiese für viele, die über sich, Tradition, Demokratie und Mitbestimmung schwadronieren, den Kern des Problems allerdings verkennen, weil sie selbst ein Teil davon sind. Sie sind in ihrem Verhalten und ihrer Argumentation so paradox und unberechenbar, dass sie die Dinge, für die sie sich einsetzen, an anderer Stelle bekämpfen. Langfristig können nie Voraussetzungen entstehen, um Identifikation zu schaffen, einem Leitbild zu folgen und den Fokus auf den sportlichen Erfolg zu legen.

Dafür braucht der HSV den von Rieckhoff angestoßen Paradigmenwechsel, obwohl er diesen Verein, der nur mit sich beschäftigt ist, nicht vor dem Abstiegskampf bewahren wird.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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