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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

nur noch wenige Tage verbleiben bis zur Mitgliederversammlung am 19. Januar. Wer sich bei der Wahl bereits heute für eine Seite festgelegt hat, wird auch in dieser Woche nicht mehr umzustimmen sein. Das werde auch ich nicht versuchen, wenngleich mein Standpunkt in der Strukturdebatte mittlerweile klar sein sollte. Die einen kämpfen für Veränderungen, die anderen kämpfen um Erhalt. Es besteht kein Zweifel daran, dass das vollkommen legitim ist. Andererseits ist es wichtig, die Augen vor der Realität nicht zu verschließen. Und dabei möchte ich die Gedanken meines letzten Beitrages fortführen: was steckt hinter einer Mitgliedschaft?

Wie wir unschwer erkennen können, steht die Mitgliedschaft für den puren Kommerz, gegen den sich die Gruppe der Ausgliederungsgegner mit aller Macht zu wehren versucht. Denn sie ist bei genauerer Betrachtung eine Premium-Kundschaft, aus der Vorteile gegenüber herkömmlichen Fans gezogen werden können. Premium-Kunde wird man allein dadurch, dass man den fälligen Mitgliedsbeitrag an den Verein überweist. Das Mitglied bekommt einen Ausweis mit persönlicher Identifikationsnummer ausgestellt und wird fortan über alle relevanten Themen rund um den HSV informiert. Insbesondere aber über Vorzugspreise für das Produkt Bundesligafußball und all seine Nebenprodukte.

Mitglieder müssen nie sportlich aktiv oder ehrenamtlich tätig werden, sie müssen sich auch nie bei Abteilungssitzungen blicken lassen oder sich anderweitig engagieren. Dennoch haben sie dasselbe Recht, wie alle anderen auch: Sie dürfen mitbestimmen. Aus dem Konsumenten des Produktes Profifußball wird plötzlich der Produzent, weil er andere Mitglieder in Gremien wählen kann, die das operative Geschäft maßgeblich beeinflussen können. So bestellt und entlässt der Aufsichtsrat den Vorstand des Vereins, der für die Verpflichtung neuer Spieler oder eines Trainers zuständig ist. Dieses Recht möchte man bewahren.

Aus Angst, fremde Investoren könnten den Verein übernehmen und sich in vereinspolitische Angelegenheiten einmischen. Dabei wird pauschal angenommen, dass das einfache Mitglied nur das Beste für den HSV im Sinn hat. Investoren hingegen nicht. Wie kommt man allerdings zu dieser Auffassung? Gibt es vor der Aufnahme neuer Mitglieder eine Prüfung, ob diese „die Raute im Herzen“ tragen? Ist es ausgeschlossen, dass auch Fans von Werder Bremen oder vom FC St. Pauli Mitglied im HSV sind? Jeder kann Mitglied werden. Jeder kann sich das Recht auf Mitbestimmung durch einen zweistelligen Mitgliedsbeitrag erkaufen. Egal, was er im Schilde führt.

Auch Klaus-Michael Kühne, der dem HSV als einer von mehreren strategischen Partnern helfen möchte. Viele lehnen das ab. Sie befürchten, dass er sich, ähnlich wie beim Transfer von van der Vaart, einmischen könnte. Er könnte allerdings noch etwas ganz anderes tun: Angenommen, beide Ausgliederungsanträge scheitern und nichts verändert sich. Kühne bleibt allerdings hartnäckig, beordert seinen Mitarbeitern der Kühne+Nagel AG einen Mitgliedsantrag auszufüllen und dem HSV beizutreten. Diese wiederum könnten den Aufsichtsrat abberufen, sich selbst in das Gremium wählen und den Verein lenken. Das ermöglicht ihnen die Satzung des Vereins – denn jeder darf beitreten.

Worin liegt die Angst vor einer Ausgliederung eigentlich begründet? Was ginge dadurch verloren, was möchte man erhalten? Das Recht, das jedes Mitglied, also auch die, die Raute nicht im Herzen tragen, mitbestimmen können? Oder hat man Angst vor einem Scheich auf die Knie zu fallen? Dann empfehle ich allen, einen Blick auf ihr HSV-Trikot zu werfen. Sie selbst sind zur lebenden Werbeplattform des Scheichs Ahmad ibn Sa'id Al Maktoum geworden. Weil sie mit dem Logo seines Unternehmens Fly Emirates durch die Gegend laufen. Für das Geld, was Scheich Al Maktoum dem HSV jährlich zahlt, erwartet er eine Gegenleistung.

So müssen sich Spieler und Verantwortliche des Vereins vor öffentlichen Auftritten vor eine Werbewand stellen, auf der sein Logo zu sehen ist. Andernfalls gibt es Ärger. Ist das die Art von Souveränität, die man durch die Verhinderung der Ausgliederung zu erhalten glaubt? Der Blick kann sogar noch weiter gehen. Mit wem kooperiert der HSV aktuell? Ist euch zum Beispiel das Unternehmen Care Energy bekannt? Es genügt, den Namen Martin Richard Kristek zu googeln, um meinen Gedanken zu verstehen. Und ein solches Unternehmen profitiert vom Image und der Bekanntheit des Vereins. Wo bleibt der Aufschrei?

Es gibt keinen. Weil es die Mitglieder nicht unmittelbar betrifft. Erst dann, wenn es um sie geht, werden sie hellhörig. Erst dann versuchen sie sich gegen die Kommerzialisierung zu wehren. Das hat was von Egoismus – und genau das wirft man den aktuellen Protagonisten nur zu gern vor. Diese Diskussion ist grotesk, weil der Kommerz auf allen Ebenen längst Einzug gehalten hat. Doch sie gewinnt einen süffisanten Charme, wenn es nun heißt, dass einige nicht mehr HSV-Fan sein wollen, wenn nicht das eintritt, was sie wollen. Es macht deutlich, dass um das Individuum geht, nicht um den Vereinsgedanken. In diesem Sinne: Nur der HSV.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball! 

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