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Jovanovs HSV: Tradition in Gefahr

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

ich wollte zum Abschluss des Jahres nicht mehr über Fußball schreiben. Nicht über Fehler auf dem Platz, Fehler im Management oder Fehler im Aufsichtsrat. Ich wollte einen Haken hinter ein sehr durchwachsenes HSV-Jahr setzen und auf die Chancen und Risiken im neuen Jahr hinweisen. Ein Thema muss ich allerdings doch aufgreifen – leider. Denn der Mann scheint aus der Vergangenheit nicht gelernt zu haben. Oliver Kreuzer, seines Zeichens Sportchef beim HSV, hat erneut die Möglichkeit ergriffen, seine Mannschaft medial auseinanderzunehmen. Er scheut sich nicht davor, Begriffe wie „Geschwüre“ in diesem Zusammenhang zu verwenden oder sich einzelne Spieler vorzuknüpfen und in aller Öffentlichkeit zu diskreditieren.

Kurz nach seinem Amtsantritt hat der 48-Jährige ein Mentalitätsproblem in seiner Mannschaft erkannt. Spätestens jetzt wird klar, dass er offenbar selbst eins hat. Zusammenhalt und Vertrauen klingen anders. Der Mann, der das vorleben sollte, insbesondere in der Öffentlichkeit, pickt sich das schwächste Glied, in diesem Fall war es Petr Jiracek, und statuiert an ihm ein Exempel: „Was hat er da vorne zu tun beim Stand von 2:2? Das ist ein tschechischer Nationalspieler! Ich schaue auf die Uhr hoch, nur noch wenige Minuten zu spielen, da halte ich meine Position und fresse den Gegenspieler auf. Und wir laufen irgendwo im Zeug rum wie eine Schülermannschaft! Da kannst du dich nur noch wegschmeißen auf der Trainerbank“.

Hat Kreuzer mal versucht, sich in die Lage von einem Spieler zu versetzen, der im Grunde keine Rolle spielt und auch keine Spielpraxis hat? Hat er seinen Umgang mit seiner Mannschaft, den Aussortierten und den Medien hinterfragt? Wieso trägt man so vieles öffentlich aus? Wieso bedient man sich der typischen Denke im und um den HSV und wirft der Meute einen Schuldigen zum Fraß vor? Bei allem Respekt, aber Kreuzer schießt mit seinen öffentlichen Auftritten weit über das Ziel hinaus. Inhaltlich mag seine Kritik gerechtfertigt sein – sie ständig öffentlich zu äußern, hilft weder dem jetzt völlig verunsicherten Spieler noch der gesamten Mannschaft. Zudem vernichtet er dadurch den Marktwert des Spielers, von dem er sich nun trennen möchte. Jiracek ist nicht der Erste.

Der Übergang von Oliver Kreuzer und fehlendem Zusammenhalt in der Öffentlichkeit zum Thema Tradition fällt nicht schwer. Überall und immer wieder ist zu hören, dass der HSV „ein traditionsreicher Verein“ sei. Etwas, auf das man besonders stolz ist. Doch was genau ist mit dieser Tradition eigentlich gemeint? Und was unterscheidet sie, macht sie einzigartig und so ehrbar? Auf der Suche nach Antworten sind mir einige Aspekte begegnet: die unverwechselbare Raute, die Farben, die roten Hosen, die Anfänge, die Geschichte, die Spielstätten, die Erfolge und die Gesichter, die diese prägten. Doch ein Verein und die Menschen um ihn herum verändern sich mit der Zeit. Beschränkt man Tradition auf ihre eigentliche Bedeutung, bleiben nicht viele Dinge, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

So gab es früher keinen Capo, keine Business Seats oder Logen, kein Ausweichtrikot und kein Maskottchen. Die „Marke“ HSV lebte von den Sportlern, nicht vom Eventcharakter, der den Fußball heute größtenteils ausmacht. Was am HSV von heute hat mit Tradition zu tun? Das Verkehrschaos vor Heimspielen? Die Stadionshow? Die Hymne „Hamburg meine Perle“, in der der HSV mit keinem Wort erwähnt wird? Der erst 20 Jahre alte Supporters Club? Der Name der Arena? Der Verein ist nicht mehr das, was er mal war. Er selbst, seine Anhänger und der gesamte Profifußball haben sich verändert. Die einzig wahre Tradition ist in meinen Augen die Begeisterung der Menschen für den HSV – in guten wie schlechten Zeiten. Und diese Begeisterung lebt von vergangenen Erfolgen, von Idolen, die diese Zeit prägten und begleiteten. Mehr als 30 Jahre ist es nun her, dass die „Rothosen“ Europas Spitze in Athen erreichten.

Was kam danach? Welche Persönlichkeiten, welche Erfolge prägten die vergangenen zwei Jahrzehnte? Mir fallen keine ein. Vielmehr befindet sich der Verein in einem ständigen Austausch. Trainer, Manager und Spieler kommen und gehen so schnell, dass sich überhaupt keine Identifikation entwickeln kann. Das Trikot von gestern ist heute nichts mehr wert, weil der Spieler bereits nach kurzer Zeit die nächste Herausforderung sucht. Von Nachhaltigkeit keine Spur. Und das könnte des HSV größte Gefahr sein. Es bleibt nicht viel, womit sich die heranwachsenden Generationen identifizieren können. Es gibt keine Erfolge, an die man sich erinnern kann. Und irgendwann gibt es auch keine Begeisterung, die den Fan trotz Wind und Wetter in die Arena zieht.

Es scheint eine Ironie des Schicksals zu sein, dass die Menschen, deren Begeisterung den Verein ausmacht, den Erfolgen von morgen im Wege stehen. Weil sie über Strukturen, Geld und Mitbestimmung streiten und den Kern der Begeisterung offenbar vergessen: den Fußball. Ist zum Beispiel das Thema Mitbestimmung der Mitglieder eines, dass die Tradition des HSV geprägt hat? Welchen Reiz empfindet man, um mitbestimmen zu wollen? Und worüber bestimmt man eigentlich? Über die Besetzung des Aufsichtsrates oder eines überflüssigen Vorstandspostens? Ist das für die heutigen Generationen bereits das Höchste der Gefühle? Oder ist es vielmehr ein Scheinargument? Diese Fragen gilt es zu klären. Sachlich.

Denn der HSV und seine Tradition sind nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht in Gefahr. Fast 100 Millionen Schulden, negatives Eigenkapital und nur geringfügige liquide Mittel sind nicht zu verharmlosen. Ohne den Erlass des Sportfive-Darlehens in Höhe von 12,4 Millionen Euro, das der Vermarkter dem HSV beim Bau der Arena gewährte, wäre das vergangene Geschäftsjahr mit einem Minus von mehr als 20 Millionen Euro beendet worden. Auf lange Sicht kann der Verein somit nicht überleben – es sei denn, er findet eine Möglichkeit, seine Schulden zu tilgen. Spielerverkäufe könnten ein Teil des Problems lösen, ein neues wäre allerdings geschaffen. Ein Teufelskreis. Soll das der Weg sein, auf den ihr euren Verein auch in den nächsten 30 Jahren begleiten wollt?

Ich wünsche allen treuen Lesern ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest, Gesundheit, Glück, Zufriedenheit und einen guten Start ins neue Jahr 2014!

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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