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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

die Mannschaft ist Schritt für Schritt auf den Weg sich zu stabilisieren und spielerisch Fortschritte zu machen. Insbesondere die letzten 25 Minuten gegen den VfL Wolfsburg sprechen eindeutig dafür, dass es auch im Kopf wieder besser läuft. Während die Gastgeber ein ums andere Mal an der Abwehrkette des HSV verzweifelten, legte das Team von Bert van Marwijk Mitte der zweiten Halbzeit den Schalter um. Wolfsburg ging in seinen Aktionen ein hohes Tempo und investierte in die Offensivbemühungen sehr viel Kraft, die in der Schlussphase der Partie fehlte.

Das Spiel ist zudem ein gutes Beispiel dafür, einiges über Fußball zu lernen. Viele werden Heiko Westermann eine sehr wackelige und durchwachsene Partie nachsagen. Mit Marco Caligiuri hatte der 30-Jährige seine Probleme, kam einige Male zu spät und verursachte den Elfmeter zum 1:1. Dass Westermann gegen Caligiuri auf der rechten Seite vermeintlich schlecht aussah, lag weniger an ihm, als an seinem Vordermann Maximilian Beister. Der schaltete nämlich so gut wie jedes Mal zu spät von Offensive auf Defensive, orientierte sich immer wieder nach vorne und vernachlässigte somit seine Aufgaben.

Deutlich zu erkennen war das an seinem Pendant Hakan Calhanoglu auf der linken Seite, der sich immer wieder in hohem Tempo hinter den Ball begab und den Wolfsburgern die Möglichkeit nahm, über seine Seite durchzubrechen. Calhanoglu und Beister standen asymmetrisch zueinander, was immer wieder zur Folge hatte, dass Angriffe über die rechte Seite aufgezogen wurden, da Beister einfach zu überspielen war. Falls dies eine Anweisung des Trainers gewesen ist, hätte er sie schon in der ersten Halbzeit korrigieren und Beister weiter nach hinten ziehen müssen.

Westermann hingegen stopfte diese Löcher so gut es ging. In Eins gegen Eins Duellen hatte er jedoch das Nachsehen, wobei seine Kollegen ihn gar nicht erst kommen lassen sollten. Wie ich bereits in der vergangenen Woche beschrieb, ist der letzte Zweikampf vor der Torszene immer der schwierigste. Aufgabe des gesamten Teams ist es, diese Situationen zu vermeiden. Gelingt das, wird die Leistung von Westermann auch anders beurteilt, da er überhaupt nicht mehr in diese Situationen kommt, in denen man eigentlich nur schlecht aussehen kann.

Was ebenfalls aufgefallen war: Beim Spielaufbau hatte der HSV erneut erhebliche Probleme. Dies lag zum einen daran, dass Wolfsburg sich im Pressing clever verhalten und die wichtigen Passwege zugestellt hat. Andererseits hatte Lasogga gegen Naldo im Kopfballduell Nachteile, wodurch die Option der langen Bälle wegfiel. In der zweiten Halbzeit orientierte sich der Stürmer allerdings immer mehr in Richtung Robin Knoche, gegen den er sich besser behaupten konnte. Van Marwijk wird darauf achten müssen, dass das Spiel seiner Mannschaft nicht zu leicht vom Gegner zu durchschauen wird. Doch der große und vielleicht entscheidende Unterschied zur Zeit unter Thorsten Fink findet im Kopf statt. Das Team strahlt Ruhe aus, zerfällt nach Fehlern nicht mehr in alle Einzelteile, sondern arbeitet konsequent nach einem festgelegten Konzept.

Apropos Konzept: Es wird interessant zu sehen, was van Marwijk mit Dennis Diekmeier vorhat. Eine rechte Seite bestehend aus ihm und Maximilian Beister kann ich mir noch nicht vorstellen. Dafür muss Beister sich im Defensivverhalten weiter verbessern und zur Option werden, wenn der Ball lang gespielt wird. Dies hatte ihm Heung-Min Son in der vergangenen Saison irgendwann voraus – Beister stellt sich da noch viel zu ungeschickt an. Vielmehr würde mich interessieren, ob Diekmeier auch als rechter Offensivspieler aufgeboten werden kann. Dazu mögen ihm die Qualitäten im Dribbling oder die Torgefahr fehlen, auf der anderen Seite hat er die Spritzigkeit und ist bekannt für seine Flankenläufe. Mit Lasogga hat er nun den richtigen Abnehmer im Sturmzentrum.

Auch außerhalb des Platzes wird in naher Zukunft einiges passieren. Der HSV rief seine Mitglieder auf, sich unverbindlich für die kommende Versammlung am 19. Januar zu registrieren. Im Umfeld kursiert das böse Gerücht, dass der Verein neben nicht ausreichenden Sitzmöglichkeiten auch zu wenig Abstimmungsgeräte zur Verfügung stellen kann. Kalkül nennen das diejenigen, die beim HSV etwas verändern wollen. Haltlose Vorwürfe die Gegenseite. Im schlimmsten Falle müsste die Versammlung sogar verschoben werden, wird gemunkelt und getuschelt. Schreckensszenarien, mit denen beide Seiten gerne spielen.

Das ist mir besonders nach den Reaktionen auf mein gestriges Interview mit Jojo Liebnau aufgefallen, der die Ideen und Argumente der „HSV-Reform“ erläutert hat. Sehr sachlich, wie ich finde. Die oft kritisierte Engstirnigkeit derer, denen man Machterhalt vorwirft, ist auf der Gegenseite ebenfalls zu finden. Noch bevor das Interview erschienen ist, kam die Voreingenommenheit bei etlichen Mitgliedern und Fans in ihren Kommentaren und Urteilen zum Ausdruck. An dieser Reaktion trägt Jojo Liebnau sicher keinen unwesentlichen Anteil. Andererseits muss man verstehen und akzeptieren, wenn sich Gruppen aus ideeller Überzeugung für eine Sache starkmachen.

Das kann man gut oder schlecht finden – entscheidend ist, dass man seiner Stimme mit der Teilnahme an der Mitgliederversammlung auch Ausdruck verleiht. Man kann und darf davon überzeugt sein, dass eine Seite die besseren Argumente hat. Jeden Satz der Gegenseite als Blödsinn und völligen Quatsch abzustempeln, bringt den HSV in der Sache allerdings nicht weiter. Und dafür ist die Diskussion um bessere oder neue Strukturen viel zu wichtig, als dass man all seine Energie und Leidenschaft in Streitigkeiten untereinander verpuffen lässt.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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