thumbnail Hallo,

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

einer tat mir nach dem Spiel in Leverkusen besonders leid. Weil er sich stets in den Dienst der Mannschaft stellt, als Profi absolut vorbildlich auftritt und seine Qualitäten oftmals verkannt werden. Wahrlich, Heiko Westermann hat ein äußerst schlechtes Spiel abgeliefert, seine Werte waren enttäuschend. Umso enttäuschender finde ich, wie die Fans darauf reagieren.  Dabei stellt sich für mich immer wieder die Frage, wie viel „Fan“ und wie viel „Kunde“ in einem steckt, wenn man seinen gesamten Unmut an einer Person auslässt, weil man für das viele Geld Leistung erwartet. Gehört es nicht zur besonderen Eigenheit des Fanseins, dass man bedingungslos zu dem steht, dem man sein Bemühen und Engagement nie absprechen kann und sich dem Verein und seinen Anhängern gegenüber loyal verhält? Das vermisse ich.

Außerdem scheint der Fall Enke zu keinem Umdenken geführt zu haben. Noch immer wird mit Kritik maßlos übertrieben. Einen Beitrag dazu leistet auch das Internet, da sich die Weltmeister im Pöbeln und Beleidigen hinter der Anonymität verstecken, auf der anderen Seite jedoch die Ersten sind, die die ausgemachten Sündenböcke um Autogramme anflehen. Eine Bigotterie, die typisch für unsere heutige Gesellschaft scheint und im Bezug zu Personen des öffentlichen Lebens ihren Höhepunkt erreicht. Ich verstehe, dass mit dem Fußball große Emotionen verbunden sind – die Art und Tonalität der Beurteilung von Spielern verurteile ich dennoch zutiefst. Insbesondere bei Westermann.

In der Gesamtheit betrachtet hat das Spiel in Leverkusen nämlich mehr Erkenntnisse hervorgebracht. Der HSV ist (noch) nicht in der Lage, die spielstarken Teams zu schlagen. Sein Schicksal in dieser Saison bleibt das Mittelmaß, mit dem sich niemand anfreunden wird. Für den Abstiegskampf ist die Mannschaft zu gut, gegen Teams wie Leverkusen, Gladbach, oder Wolfsburg wird es in dieser Saison schwer bleiben. Das Positive: Es ist eine gewisse Stabilität zu erkennen. Das klingt nach fünf Gegentoren absurd – dennoch glaube ich, dass man zumindest mental einen großen Fortschritt gemacht und nach Fehlern nicht umgehend in alle Einzelteile zerfällt.

Die Gründe für das Verweilen im Mittelmaß sind vielfältig, auf strukturelle Nachteile im Kader und individuelle Schwankungen bei den jeweiligen Spielern zurückzuführen. In Leverkusen war deutlich zu erkennen, dass der Mannschaft insbesondere im Mittelfeld das Tempo und die defensive Ordnung fehlen. Das Tempodefizit hat nicht nur physische Ursachen, sondern auch etwas mit einer mentalen Handlungsschnelligkeit zu tun. Die Nachteile im Umschalten von Offensive auf Defensive dagegen eher damit, dass man im Zentrum mit van der Vaart, Arslan und Badelj drei offensive Spieler aufbietet.

Dass van Marwijk die Mannschaft spielerisch weiterentwickeln und defensiv stabilisieren kann, traue ich ihm zu. Auch, dass er aus Badelj und Arslan zwei starke und souveräne Sechser formen kann. Bekommt er dafür in Hamburg allerdings die nötige Zeit? Mein Eindruck ist, dass die Stimmung kippt. Spätestens, wenn es im nächsten Heimspiel gegen Hannover keinen Sieg gibt, weht der Wind wieder rauer. Was schon jetzt zwischen den Zeilen herauszulesen ist, wird sich bei ausbleibendem Erfolg verschärfen und konkretisieren. Ein Trainer, der seine Medienpräsenz in einer Medienstadt auf das Minimum beschränkt, hat einen schweren Stand. Bei den typischen Eigenschaften des Hamburger Umfeldes würde es mich zudem nicht wundern, wenn aus der Unzufriedenheit eine Panik ausbricht. Die erste Phase des Trainerlebens, in der er alles richtig macht, für Stabilität und Ruhe sorgt, ist jedenfalls vorbei.

Verpufft ist auch der Effekt einer „gemeinsam“ vom Vorstand und Aufsichtsrat veröffentlichten Erklärung, sich in der Strukturdebatte rauszuhalten. Kann man bequem umgehen, dachten sich drei der Räte, und schlossen sich in ihrer Eigenschaft als einfache Mitglieder einer der Bewegungen an. Kernpunkt: Eine Verkleinerung des Rates wird als Kollateralschaden in Kauf genommen, damit die von Ernst-Otto Rieckhoff angestrebten Anteilsverkäufe verhindert werden. Dass sich der Vorsitzende des Rates, Manfred Ertel, in eine Fernsehsendung begibt und in seiner Eigenschaft als einfaches Mitglied Werbung für seine Überzeugungen macht – wer kann es ihm verübeln.

Der Mann kämpft. Und zwar deshalb, weil das Gremium, dem er außerhalb dieser Sendung vorsteht, einer der Auslöser für jegliche Reformbestrebungen ist. Ertel und die Mitinitiatoren des Konzeptes „HSV-Reform“ gehen sogar so weit, dem Vorstand mehr Kompetenz und Verantwortung zu übertragen. Ein Eingeständnis, das aussagt: Im eigenen Hause mangelt es an Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein. Vorstand und Aufsichtsrat müssen in der aktuellen Konstellation getrennt voneinander und nicht als Team betrachtet werden. Während der Vorstand bei diesem Thema nichts zu sagen hat, nutzen die einzelnen Ratsmitglieder eine Lücke im System, die sie ausgemacht haben, um für sich und den Erhalt ihres Postens zu kämpfen. Die Logik der Argumentation muss man nicht verstehen. Die Motive allerdings schon.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!